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DB-Nummer: 1574

Literaturnobelpreis für Günter Grass (poln.) : Wochenrückblick

Dudek, Bartosz; unbekannt

Moderator: Bartosz Dudek Ab 21:19 Min. Grass in deutscher Sprache; overvoice polnisch. Fragen an G.G. anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises Frage was ändere sich nun an seinem Leben? G.G: Er ´werde versuchen, sein Leben so zu führen wie bisher. Er habe einige Rezepte, die ihm dabei hülfen. Frage: Grass betone die Verwandtschaft seines künstlerischen Schaffens mir demjenigen Alfred Döblins, werde diese literarische Tradition in Deutschland fortgeführt werden? G.G.: Er befürchte, dass dies nicht der Fall sein werde. Er möchte zwar nicht verallgemeinern, doch sei er der Meinung, dass viele Autoren den gesellschaftlichen Vorlieben/Neigungen nachgäben und über „leichtere“ Sachen, wie z.B. Partnerschaftsprobleme schrieben. Alfred Döblin dagegen umfasse in seinen Werken alle Aspekte der Wirklichkeit und durchleuchte diese in jedem nächsten Werk aufs Neue ohne sich zu wiederholen. Für Grass sei er daher ein Vorbild und jene Art die Gesellschaft „von unten“ zu betrachten sei ein wesentlicher Bestandteil seiner Werke von der „Blechtrommel“ bis zu „Meinem Jahrhundert“. Darin erzähle Grass nicht aus der Perspektive derjenigen, die die Geschichte gestalten, sondern derjenigen, die von der „Strömung“ der Geschichte getragen und unweigerlich zu Opfern und Tätern, Flüchtlingen und Verfolgern werden. Heute wisse man wenig von dem Alltag des Dreißigjährigen Krieges, wenn die ausschließlichen Quellen dafür Geschichtsbücher wären. Der Augenzeuge Grimmelshausen hingegen verewige sie für uns auf dem Papier. Dies sei unter anderem die Aufgabe der Literatur bzw. eine Chance für die Literatur. Bisweilen höre man, dass die Deutschen endlich die Außereinahndersetzung mit der Vergangenheit hätten beenden und sich auf die Zukunft konzentrieren sollen. Was sage er dazu? G.G.: In einigen Fällen seien solche Forderungen verständlich. Es ändere jedoch nicht die deutsche Geschichte/Vergangenheit an sich, die mehrfach analysiert worden wäre und heute zur Vergangenheit zählte. Die im Jahr 1989 ausgerufene „Stunde Null“ ändere ebenfalls nichts daran. Die Geschichte hole uns immer wieder ein und man müsse sich ihr stellen, dies erachte Grass als selbstverständlich. Auch im Jahr 2000 werde die Geschichte ihre Kontinuität nicht verlieren, es werde nach wie vor dieselbe „Epoche“ sein. Es würden weiterhin Stimmen laut werden über berechtigte Ansprüche auf finanzielle Entschädigung für die Zwangarbeiter. Die deutsche Industrie tue sich schwer damit, die Mittel für die Entschädigung aufzubringen, obwohl die Rolle von IG Farben, Deutsche Bank u.a. in der Verbrechensmaschinerie im Dritten Reich von deutschen Archivdokumenten belegt worden wäre. Grass habe mehrmals betont, dass es unzulässig sei, dass seine Kinder und Enkel darunter zu leiden hätten, Deutsche zu sein. Sie träfe keine Schuld für die Taten, obgleich sie einen Teil der Mitverantwortung dafür trügen, dass sich die deutsche Verbrechensgeschichte nicht wiederhole. Man müsse daher wachsam sein, auch wenn dies von den anderen für Hysterie gehalten wird, und unverzüglich auf die aggressiven Neonazis reagieren – in Lübeck und Mölln seien bereits tödliche Übergriffe zu verzeichnen, darüber dürfe nicht geschwiegen werden. „Der Wunsch nach Normalität mag ein verständlicher sein, aber wir haben diese Normalität nicht erreicht“. Man solle lernen mit der Geschichte/Vergangenheit zu leben, er halte es sogar für nützlich. Deutschlands Nachbarländer, wie die Kolonialmächte, trügen die Verantwortung für zwar vergleichbar weniger/geringere Verbrechen, hätten jedoch größere Probleme mit deren Vergangenheitsbewältigung. Es wäre gut, wenn sie noch vorm Anfang des 21. Jahrhundert sich ihre Taten und Vermächtnisse in Asien oder Afrika vergegenwärtigten. Das Problem der Vergangenheitsbewältigung sei keine ausschließlich deutsche Frage. Frage: G.G. sei einer der wenigen deutschen Autoren, welche die Alltagsrealität kritisieren. Seien diese Autoren eine „aussterbende Art“? G.G.: Gibt zu, es wisse es nicht. Die Literatur der jungen Generation habe bis dato zwar nur wenige kritische Autoren, doch hoffe er, dass solche noch aufkämen. Grass läge große Hoffnungen in einige Autoren aus den östlichen Bundesländern, welche zuerst schwiegen, jedoch bald aus ihrem großen Erfahrungspotential schöpfen werden, auf deren Grundlage Literatur entstehen könne, denn dort wisse man um die Bedeutung von Verlust, dort gäbe es die größten Gesellschaftswandlungen. Die ersten Anzeichen/Vorboten dafür sehe Grass in bspw. Ingo Schulze und einigen anderen.



Urtitel:
Literaturnobelpreis für Günter Grass
Anfang/Ende:
(Trailer)...(polnisch)...(Trailer)
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Literaturnobelpreis 1999 für Günter Grass

Schlagworte:

Person:
Döblin Alfred; Schulze Ingo
Werke:
Die Blechtrommel; Mein Jahrhundert
Sach:
Nobelpreis; Literaturnobelpreis; Geschichte; Zwangsarbeiter; Rechtsradikalismus; Entschädigung
Geo:
Lübeck; Afrika; Asien; Mölln
Zeit:
Dreißigjähriger Krieg; 1989; 2000; 21. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
11.12.1999
Datum Erstsendung:
11.12.1999
Aufnahmeort:
Köln
Sprachen:
polnisch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:27:10
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:27:07
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Sendereihe:
Polnische Sendung
Archivnummer:
3400865000
Produktionsnummer:
243845
Teilnehmende:

Person:
Dudek, Bartosz (Autor(in))
Person:
unbekannt, (Autor(in))
Person:
unbekannt, (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Dudek, Bartosz / : Literaturnobelpreis für Günter Grass. Köln .

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