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DB-Nummer: 1594

Buchbesprechung und Kritik zu „Im Krebsgang“ (russisch) : Über die Neuerscheinung der Novelle

Buchbesprechung und –Kritik von „Im Krebsgang“ Anfang Februar kam das neue Buch von Günter Grass, „Im Krebsgang“, auf den Markt und wurde sogleich ins Russische übersetzt. Dort hat es den Titel “Postupju Raka”, der ungenau oder gar falsch übersetzt ist. In Deutschland steht „Im Krebsgang“ an der Spitze der Bestsellerliste, sogar vor den „Harry Potter“-Romanen. In den letzten zwei Jahren ist kein Buch so stark beachtet worden. Der Krebs als setzt nicht nur die zoologische Konstante in Grass‘ Werken fort (vgl. Katze, Maus, Hund, Butt und Schnecke), er ist auch mit den Inhalt der Novelle eng verbunden. Dies wird schon auf der zweiten Seite des Buchs deutlich, wenn es heißt: „Aber noch weiß ich nicht, ob, wie gelernt, erst das eine, dann das andere und danach dieser oder jener Lebenslauf abgespult werden soll oder ob ich der Zeit eher schrägläufig in die Quere kommen muß, etwa nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen.“ (WA 10 (2007), S. 8). Grass, der seit 1959 „trommelt“, hat sich einem heiklen Thema in der deutschen Geschichte angenommen: den deutschen Flüchtlingen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Zentrum der Novelle steht eine der größten Tragödien des Zweiten Weltkriegs: Die Torperdierung der „Wilhelm Gustloff“ durch sowjetische U-Boote. Am 30. Januar 1945 ging das Schiff mit 10 000 Flüchtlingen an Bord in der Ostsee unter. 7000 Menschen starben, die Hälfte davon waren Kinder. Die Novelle enthält vom historischen Standpunkt aus sehr präzise Biographien von drei Menschen, die direkt oder indirekt in diese Tragödie verwickelt waren. Der erste ist Alexander Marinesko aus Odessa, der Kapitän des U-Bootes, das mit drei Torpedos das Flüchtlingsschiff traf. Der zweite ist Wilhelm Gustloff selbst, ein schweizer Nationalsozialist. Der dritte hat Wilhelm Gustloff zu einem Märtyrer-Status im Nationalsozialismus verholfen: David Frankfurter, der Wilhelm Gustloff bei einem Attentat ums Leben brachte. Neben diesen historischen Personen gibt es eine Reihe fiktiver Gestalten in der Novelle: Der Protagonist Paul Pokriefke, seine Mutter Tulla Pokriefke, die bereits in der „Danziger Trilogie“ auftritt, und Pauls Sohn Conrad sowie weitere Nebenfiguren. Weitere Themen der Novelle sind der Neonazismus und der Revanchismus sowie das Verhältnis von West- und Ostdeutschland in den 60er und 70er Jahren. Um die weltweite Verbreitung des Neonazismus zu thematisieren, musste sich Grass auch in die Technik des Internets einarbeiten, obwohl er nicht einmal einen Computer besitzt. Eine berechtige Frage ist es, ob dies nicht zu viel Material für eine Novelle ist. Man muss sie jedoch mit „nein“ beantworten, denn der Plot ist sehr dynamisch, die historischen Teile sind sehr präzise und die fiktionalen Teile sehr spannend. Im Rascheln der Seiten ist die quietschende, mit Metaphern durchsetzte Dialektsprache der Tulla Pokriefke vernehmbar. Im Vergleich mit anderen Texten von Grass ist die Novelle leicht zu lesen. Der Stil erinnert an Journalismus – ein gelungenes Stil-Experiment. An anderen Stellen kommt Grass‘ anspruchsvoller, eleganter Stil durch, der an Alfred Döblin erinnert. Dass die Novelle leicht zu lesen ist, hinterlässt ein positives Gefühl beim Leser; er kann dabei viel über einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte lernen. Angekündigt wurde das Buch als Bruch mit einem verschwiegenen Tabu in Deutschland. Dies ist aber historisch nicht ganz korrekt. Das Thema Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa war nur in der DDR ein Tabuthema, während in der Bundesrepublik einige Schriftsteller und Historiker dieses Thema nicht den Revanchisten überlassen wollten. Allerdings hatten sich die politischen Schriftsteller in Westdeutschland, unter anderen die der Gruppe 47, viel mehr mit den Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt als mit der Rolle der Deutschen als Opfer. Wenn Grass also hier mit einem Tabu bricht, dann ist es sein eigenes. Verstörend und ärgerlich ist jedoch Grass‘ Versprechen, etwas umgestalten zu wollen, womit er Solschenizyn ähnelt. In diesem Fall ist es die Interpretation einer Episode der nationalen Geschichte. Am Ende der Novelle trieft Moral durch die Zeilen, ganz am Schluss hört man das Schlagen einer Trommel. Das Ende der Novelle entspricht ihrem Anfang: Der Protagonist stolpert über eine Neonazi-Seite im Internet. Abgesehen von diesem erhobenen Zeigefinger am Schluss ist die Novelle sehr ansprechend.



Urtitel:
Kulturmagazin (05.03.2002)
Anfang/Ende:
(Trailer) Niemezka wolna…dobra.
Genre/Inhalt:
Novelle
Präsentation:
Feature
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Im Krebsgang" in russischer Übersetzung

Schlagworte:

Person:
Frankfurter David; Gustloff Wilhelm; Marinesko Aleksander; Solschenizyn Alexander
Werke:
Im Krebsgang; Harry Potter
Sach:
Novelle; Wilhelm Gustloff; Zweiter Weltkrieg; Internet; Flucht; Vertreibung; Krebs; Revanchismus; Neonazismus
Geo:
Ostsee
Zeit:
1960er Jahre; 1970er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
05.03.2002
Datum Erstsendung:
05.03.2002
Aufnahmeort:
Köln
Sprachen:
russisch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:14:58
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
WAV
Kopie:

Länge der Kopie:
00:14:58
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Günter Grass Stiftung Bremen
Sendereihe:
Kutlurmagazin
Archivnummer:
3513338000
Produktionsnummer:
405572
Teilnehmende:

Person:
Fradkin, Vladimir (Vorredner(in))
Person:
Boutsko, Anastassia (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Kulturmagazin (05.03.2002). Köln .

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