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DB-Nummer: 1614

Tilmann Krause über das Bücherjahr 2002 : Die großen Literaturdebatten um Grass und Walser

Tilmann Krause (leitender Literaturredakteur der Zeitung "Die Welt") im Gespräch Frage: Rund 200 Buchveröffentlichungen pro Tag in Deutschland, ca. 80 000 pro Jahr; Stellenwert der deutschen Literatur bei dieser Vielzahl an Veröffentlichungen? Krause: deutsche Literatur habe 2002 viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen; zwei große Literaturdebatten: die erste sei im Frühjahr durch Grass' Novelle "Im Krebsgang" ausgelöst worden, sie habe die Debatte um Vertreibung in und nach dem Krieg wieder angestoßen; die zweite sei durch Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" entstanden; Frage: positiver Tenor bei Grass: Behandlung des Tabu-Themas "deutsche Kriegsopfer"; kritische Stimmen dazu: Grass helfe denen, die die deutsche Schuld verharmlosen wollten; O-Ton Grass: wer die Novelle aufmerksam lese, werde feststellen, dass die negativen Kritiken nicht zuträfen; man dürfe das wichtige Thema der deutschen Kriegsopfer nicht den Rechtsradikalen überlassen; es sei ein Versäumnis der Linken gewesen, dieses Thema zu umgehen; so sei es zum Thema der Rechten geworden und auch im Internet verbreitet; dagegen schreibe er aus seiner linken Position an; Frage: Tabubruch durch Grass mit Signalwirkung für andere Schriftsteller? Krause: Grass sei etwas "zu selbstherrlich"; das Thema sei von den Linken nicht ignoriert worden (Beispiele: Walter Kempowskis "Echolot" und Kempowskis Romane; "Heimatmuseum" von Siegfried Lenz; Romane von Dieter Forte); die Schriftsteller würden dieses Thema keineswegs auslassen; Grass könne aber als Nobelpreisträger wie kein Zweiter eine medienwirksame Debatte auslösen; Frage: Deutsche als Kriegsopfer ein generelles Thema im Bücherjahr 2002? Krause: bestätigt dies; Sachbuch über Luftkrieg von Jörg Friedrich; es spiele eine Rolle, dass die Deutschen bereit wären, über ihre eigenen Probleme nachzudenken und sich mit ihren Traumata auseinanderzusetzen; eine Rolle spiele auch, dass die Zahl der Zeitzeugen langsam abnehme; Krause befürwortet den ruhigen und nachdenklichen Umgang mit der Vergangeneheit; Grass sei in diesen Trend hineingeraten und habe ihn auch mitbefördert; Frage: Martin Walser spielt in "Tod eines Kritikers" mit der Idee, einen Literaturkritiker umzubringen, der als Marcel Reich-Ranicki identifiziert werden kann; die Kritik urteilte, dass es sich um die persönliche Abrechnung eines gekränkten Autors handele; vorgewurfen wurde Walser auch, mit antisemitischen Klischees zu arbeiten; O-Ton Walser: es gehe um "die Machtausübung im Kulturbetrieb im Zeitalter des Fernsehens"; O-Ton Reich-Ranicki: ist gekränkt und beleidigt von Walsers Roman; O-Ton Walser: Reich-Ranicki könne sich geschmeichelt fühlen darüber, wie "groß ich ihn da mache"; O-Ton Reich-Ranicki: der Roman zeige den Zusammenbruch eines Schriftstellers und wahrscheinlich auch einer Persönlichkeit; Frage: Ist es verwunderlich, dass die meisten Romane mehr wegen ihres Themas als wegen ihrer Qualität im Mittelpunkt von Debatten stehen? Krause: bestätigt dies und sieht eine "Verschiebung der literarischen Koordinaten"; dies ließe sich schon seit einigen Jahren beobachten; das Ereignis, das "Event", sei auch im Bereich der Literatur so wichtig geworden, dass die ästhetische Qualität nicht mehr im Mittelpunkt stehe; "Im Krebsgang" und "Tod eines Kritikers" seien "eher schwache Texte", hätten aber einen Sensationswert, der andere Bücher zurückdrängen würde; dies sei zu bedauern; der Fall Walser - Reich-Ranicki sei aber eine "alte Geschichte", die nun zum Ausbruch gekommen sei; es sei ein letztes Gefecht zwischen zwei Protagonisten der deutschen Nachkriegsliteratur; ein solches Gefecht sei einzigartig und werde sich nicht wiederholen.



Urtitel:
Rückblick auf das Bücherjahr 2002. Gespräch mit Tilman Krause
Anfang/Ende:
Mein Name ist…einmal erleben werden.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Zur Debatte um "Tod eines Kritikers" von Martin Walser: Noch bevor der Roman anderen Rezensenten zugänglich, geschweige denn im Buchhandel erhältlich war, hatte die FAZ das unredigierte Manuskript zur Prüfung für einen Vorabdruck erhalten. In seinem offenen Brief an Walser lehnte der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher eine Vorveröffentlichung in seiner Zeitung aber ab und machte damit den Inhalt des Werkes öffentlich. Schirrmacher, der 1998 bei der Verleihung des Friedenspreises an Martin Walser noch die Laudatio gehalten hatte, nannte in seinem Artikel den Roman eine zwanghaft aus Verbitterung geborene Abrechnung Walsers mit seinem langjährigen Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Als Thema des Buches sah Schirrmacher schlicht den „Mord an einem Juden“. Von Verteidigern Walsers wurde Schirrmacher sofort vorgeworfen, er habe den „journalistischen Erstschlag“ erfunden (Thomas Steinfeld in der SZ) und Anstandsregeln der Presse verletzt. Schirrmacher konterte: „Elementare Anstandsregeln sind durch das Buch verletzt worden“. Walser widersprach ihm empört. Ein Buch, wie es Schirrmacher beschrieben habe, würde er nie verfassen - er sei doch nicht verrückt. Sein Roman handele einzig und allein von der Macht im Literaturbetrieb. Und wenn Schirrmacher die im Roman verwendeten Attribute für typisch jüdisch halte, sei er selber der Antisemit. Die öffentliche Aufnahme des Werkes war überwiegend ablehnend. Das Interesse richtete sich dabei in erster Linie auf die in Romanform verpackte Attacke auf Reich-Ranicki und Walsers Beweggründe dafür. Hellmuth Karasek, sowohl mit Reich-Ranicki als auch Walser lange beruflich verbunden, wertete das Buch als „Dokument eines schier übermenschlichen Hasses, der den Autor überwältigt, weil er sich sein Leben lang unter der Fuchtel von Reich-Ranicki sah“, und gab damit den Tenor der Mehrzahl der öffentlichen Meinungsäußerungen vor. Stimmen zur Verteidigung Walsers blieben die Ausnahme. Der seit Jahrzehnten mit Walser und Reich-Ranicki befreundete Leitende Redakteur der Süddeutschen Zeitung Joachim Kaiser versuchte allerdings, die Wogen zu glätten, indem er diese Auseinandersetzung mit „Ehezwistigkeiten älterer Paare“ verglich, die mit den Jahren ja auch immer herber und heftiger ausfallen würden. Ansonsten aber lobte er, in dem Buch zeige sich der alte „beschwingte, persönliche, bildungsvergnügte, herzliche Walser-Sound“. Verwunderlich ist, dass bei der Kontroverse keiner der Beteiligten an den letzten großen literarischen Streitfall um einen angeblichen „Schlüsselroman“ erinnerte, die Auseinandersetzung um Klaus Manns Mephisto, in dem Mann seine Hauptfigur Henrik Höfgen nach dem Vorbild von Gustaf Gründgens gestaltet hatte. 1966 war das Buch als „Schmähschrift in Romanform“ gerichtlich verboten worden. Der Bundesgerichtshof hatte das Verbot bestätigt und in seinem Urteil vom 20. März 1968 festgestellt, dass die Grenze künstlerischer Betätigung dort überschritten sei, wo das Lebensbild einer bestimmten Person, deren reales Vorbild zu erkennen sei, durch frei erfundene Zutaten grundsätzlich negativ entstellt werde. Die deutsche Rechtsprechung bot also gute Voraussetzungen, um auch gegen Tod eines Kritikers vorzugehen. Marcel Reich-Ranicki hielt sich aber in der Walser-Kontroverse zurück. Er distanzierte sich zwar von ihm und nahm auch seine ruhige, deeskalierende Stellungnahme zur Friedenspreisrede Walsers nachträglich zurück. Reich-Ranicki war aber schon im Fall Mephisto der Überzeugung gewesen, dass die Veröffentlichung eines solchen Buches primär dem darin Geschmähten nutzen würde. Vielleicht gab ihm diese Überzeugung jetzt, wo er selbst die Rolle des „Geschmähten“ einnahm, die Sicherheit, der späteren öffentlichen Wirkung von Walsers Roman gelassen entgegenzusehen. Beinahe zwangsläufig wurde in der öffentlichen Diskussion auch die Frage behandelt, inwieweit Walser sich bei seiner Attacke auf Reich-Ranicki antisemitischer Klischees bedient habe. Bereits Martin Walsers Romane Ein springender Brunnen und Ohne einander sowie seine Rede anlässlich der Verleihung des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ hatten Stimmen laut werden lassen, die darin einen latenten Antisemitismus des Schriftstellers erkennen wollten. In allen Fällen trug die literarisch komplizierte und rational kontrovers bewertbare Auseinandersetzung Walsers mit dem Thema dazu bei, dass diese Vorwürfe entstehen konnten. Dazu kamen ressentimentgeladene öffentliche Äußerungen Walsers: „In unserem Verhältnis ist er der Täter und ich bin das Opfer“, sagte er 1998 beispielsweise über Reich-Ranicki. „Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ Bei der Kontroverse um Tod eines Kritikers wurde allerdings von (fast) keinem Kritiker Walsers der Vorwurf erhoben, Martin Walser persönlich sei „Antisemit“, wohl aber, er habe ein „antisemitisches Buch“ geschrieben bzw. sein Buch verführe zu einer antisemitischen Rezeption. „In aller Freundschaft“ warf die mit Walser befreundete jüdisch-amerikanische Schriftstellerin Ruth Klüger ihm in einem offenen Brief vor, er habe sie durch die „Darstellung eines Kritikers als jüdisches Scheusal betroffen, gekränkt, beleidigt.“ Befürworter Walsers verwiesen darauf, dass Tod eines Kritikers das Thema „Juden“ nur in einer kurzen Passage im Zusammenhang mit der medialen Aufbereitung des vermeintlichen Mordes an Ehrl-König behandelt, über dessen möglicherweise jüdische Herkunft die Zeitungen spekulieren, wobei auch der angeblich vom gekränkten Hans Lach in Richtung Ehrl-König geäußerte Satz „Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen“ als Skandalon und Tatmotiv eine Rolle spielt. Und sie betonen, dass Walser diesen Ausspruch nicht Lach zuordnet, sondern ihn als eine Erfindung der Medien kennzeichnet. In diesem Sinn enthalte Tod eines Kritikers die schriftstellerische Antwort Walsers auf die vorangegangenen Beschuldigungen als latenter Antisemit und verdeutliche seine sehr ablehnende Haltung gegenüber einem als ungenau empfundenen Umgang mit seinem Werk. Kritiker Walsers meinten, dieser verengte Verteidigungsansatz greife zu kurz. Walsers Roman bediene sich bei der Beschreibung Ehrl-Königs durchgängig historischer Chiffren und antisemitischer Klischees, „angefangen bei der Tatsache, dass der Kritiker sich als Pseudonym den Namen seines Onkels „Wasserfall“ zulegt (da grüßt der Stürmer-Humor), dass seine kettenrauchende Frau nicht einmal Deutsch kann, dass der Alte ein geiler Bock ist“, so Hellmuth Karasek. Ehrl-König werde von Walser in antijüdischer Manier als heimatlose Gestalt beschrieben, ergänzte der Publizist Hanno Loewy, und seine Gestik entstamme dem Repertoire der Untermenschen. Und Thomas Assheuer erinnerten viele der Sätze, die der Dichter im Roman seinem Kritiker entgegenhält, an völkische Parolen, mit denen Schriftsteller wie Kolbenheyer, Grimm und Johst die jüdische Literaturkritik bekämpft hatten. In Walsers Verlag Suhrkamp kam es zum Streit darüber, ob man das Buch überhaupt veröffentlichen solle, und man nahm Veränderungen vor: In einer ersten Fassung wurde Ehrl-Königs Fernsehsendung noch mit der NS-Reichsschrifttumskammer verglichen und seine Gestik mit der des Volksgerichtshofs-Vorsitzenden Roland Freisler. In der veröffentlichten Fassung war daraus die Gestik des den Diktator „Hynkel“ spielenden Charlie Chaplin geworden. Einige Kritiker gingen der Kontinuität solcher Wertungsmuster bei Walser nach. Der Direktor des Fritz Bauer Instituts Micha Brumlik warf Walser vor, die Propagierung von „Judenhass“ jahrelang vorbereitet zu haben. Thomas Assheuer ergänzte, Walser hege schon seit langem Ressentiments gegen die „jüdisch-christliche Tradition“ als Gegenpol der deutschen Mystik und heidnischer Tradition. Sein Roman sei „die konsequente Durchführung eines ästhetischen und politischen Programms, aus dem Walser nie einen Hehl gemacht hat“ und das sich so unterschiedlicher Quellen wie Friedrich Nietzsche, dem französischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoist und Ernst Jünger bediene. Und der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb zog einen Bogen von Walsers aktiver Rolle beim „Stimmungmachen“ gegen Reich-Ranicki zu Zeiten der Gruppe 47, seinem satirischen Reich-Ranicki-Portrait aus dem Jahr 1962, seinem Buch Unser Auschwitz von 1965 bis hin zum Tod eines Kritikers. Walsers „Arbeitsergebnis“ sei die Forderung: „Aufhebung der Opferkonkurrenz angesichts des Zweiten Weltkriegs, ‚Auschwitz’ und ‚Dresden’ nicht mehr unterscheiden! Eine Verständigung mit den Juden in Deutschland sei nur um den Preis zu haben, den sie entrichten müssen.“ Brieglebs Resümee: „Das ist Alt-Antisemitismus“. Weil er das Gefühl hatte, von seinem Verlag im Verlauf der Debatte nicht gebührend unterstützt worden zu sein, verließ Martin Walser den Suhrkamp Verlag in Richtung Rowohlt. Den von ihm als ungenau empfundenen literaturkritischen Umgang mit seinen Texten, besonders im Fall von Tod eines Kritikers, hat Walser später im Roman Der Augenblick der Liebe literarisch aufgearbeitet.

Schlagworte:

Person:
Handke Peter; Forte Dieter; Kempowski Walter; Walser Martin; Wolf Christa; Lenz Siegfried
Werke:
Im Krebsgang; Tod eines Kritikers; Heimatmuseum; Echolot
Sach:
Veröffentlichung; Vertreibung; Kriegsopfer; Tabu; Rechtsradikalismus; Internet; Vergangenheit; Literaturkritik; Kritiker; Antisemitismus
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
16.12.2002
Datum Erstsendung:
17.12.2002
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:19:21
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
WAV
Kopie:

Länge der Kopie:
00:09:46
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Goethe Institut Chicago
Sendereihe:
Literaturmagazin
Archivnummer:
3523923000
Produktionsnummer:
461310
Teilnehmende:

Person:
Krause, Tilman (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Walser, Martin (Beitragende(r))
Person:
Schaaf, Gabriela (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Rückblick auf das Bücherjahr 2002. Gespräch mit Tilman Krause. unbekannt .

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