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DB-Nummer: 1616

Zunge zeigen und Kalkutta (bengali)

Selbstaussage von Grass (kein O-Ton) über seinen zweiten Aufenthalt in Kalkutta: durch Schreibblockade Notwendigkeit, sich dem Zeicnen zuzuwenden; spontane Skizzen in den Straßen Kalkuttas. Grass kommt am 19. August 1986 mit seiner Frau in Kalkutta an; den geplanten einjährigen Aufenthalt muss er jedoch aufgrund einer Krankheit seiner Frau auf ein halbes Jahr verkürzen; in dieser Zeit besucht er verschiedene Orte, unter anderem Bangladesh, im Zentrum seines Interesses steht jedoch Kalkutta; den Alltag in Kalkutta hält er in Zeichnungen fest, die später zusammen mit tagebuchartigen Einträgen und einem Gedicht in 12 Teilen das Buch "Zunge zeigen" münden; es enthält 56 Skizzen und Zeichnungen, die seine Eindrücke von der grausamen Realität in Kalkutta festhalten: Slums, Müllberge, Bettler. Zitate aus "Zunge zeigen" Ein berühmter Zeichner aus Kalkutta, Subha Prasanna, ist mit den Zeichnungen von Grass sehr verbunden; er sorgt dafür, dass Grass und seine Frau nach Lake Town in Kalkutta ziehen können, um sich die tägliche Reise von Baruipur nach Ballygung zu ersparen; Subha Prasanna arrangiert auch eine Ausstellung der Zeichnungen von Grass in Kalkutta, im Gegenzug organisiert Grass eine Ausstellung der Werke Subha Prasanna in München; in "Zunge zeigen" ist Subha Prasanna mehrmals erwähnt. Zitat aus "Zunge zeigen" über Subha Prasanna Interview mit Subha Prasanna: Frage: Subha Prasanna hat viele Skizzen von Günter Grass gemacht - warum? Subha Prasanna: Während Grass in Kalkutta war, habe er viele Kreidezeichnungen von Kalkutta gemacht; Grass stehe für ihn mit Kalkutta in Verbindung, mit ihm habe er viele dunkle Orte besucht; Grass habe ein interessantes Gesicht, das er zusammen mit dessen eigener Arbeit habe festhalten wollen; unter den vielen Kindern, die ihn und Grass auf ihren Wegen durch Kalkutta begleitet hätten, habe er immer wieder Oskar Matzerath unter den Kindern gesucht; dies habe ihn zu der Zeichnung "Günter - auf der Suche nach Oskar" inspiriert; Grass habe viele Poster vom Stadtteil Dharmatala gekauft; in seinem Zimmer habe er eine ungewöhnliche Sammlung von Bildern gehabt: Bilder von Veer Hanuman, Stalin und Maa Kali; dies sei wie moderne Pop-Art und habe ihn zu einem Bild inspiriert, dass Grass mit seiner Peife im Mund, den Postern im Hintergrund und Kindern mit Blechtrommeln um ihn herum zeigt. Frage: Grass hat viele Zeichnungen von Kalkutta angefertigt; was kann Subha Prasanna zu diesen sagen? Subha Prasanna: Grass sei Maler und Zeichner eines anderen Genres; er kenne sich mit Malerei, Bildhauerei und den akademischen Seiten der Malerei aus; verschiedene Herangehensweisen und expressionistische Züge seien in seinen Zeichnungen erkennbar; mit den sogenannten Modernen Malern stimme Grass nicht überein; es gebe Ähnlichkeiten zwischen seinen Texten und seinen Zeichnungen; dazu gehörten Phantastisches und Satirisches, beides lasse sich sowohl in seinen Zeichnungen wie auch in seinen Texten ablesen; manchmal sei er ein wenig zu stark illustrativ, was man als Rückschritt sehen könnte; vor Kurzem hat er begonnen, Aquarelle zu malen; Grass habe ihm sein Buch mit 100 Aquarellen gezeigt [Anmerkung: "Mein Jahrhunder"], darin gebe es fünf oder sechs Bilder, die er als besonders außergewöhnlich ansehe Frage: Grass hat ein Jahr in Kalkutta bleiben wollen, ist aber nach sechs Monaten wieder abgereist; hat er in dieser Zeit intensive Eindrücke von Kalkutta erhalten können? Subha Prasanna: niemand könne Kalkutta innerhalb eines halben oder eines Jahres verstehen; Grass habe auch nicht eins mit Kalkutta werden wolllen, sondern die Realität dort kennenlernen wollen; die Realität Kalkuttas sei sehr komlex, es gäbe den Himmel und die Hölle in Kalkutta; nur Menschen, die in Kalkutta geboren und aufgewachsen sind, könnten dies verstehen; wenn Grass heute noch einmal nach Kalkutta kommen würde, hätte er vielleicht wieder andere Eindrücke; zur Zeit, als Grass in Kalkutta war, seien die politischen Umstände schwierig gewesen; daher sei Grass mit vielen Problemem konfrontiert worden; dies sei ein sehr großer Rahmen gewesen; als Maler sei es leicht, eine kleine Leinwand zu füllen, aber wenn man eine große Leinwand ausfüllen müsse, bestehe die Gefahr, dass sich das Bild verdünne; Subha Prasanna könne Grass' Texte nicht kritisieren; Grass sei kein Journalist, sondern ein kreativer Schreiber; es gebe keine Regel, dass man jedes Detail mit der Realität vergleichen müsse. Frage: Einige Intellektuelle aus Kalkutta sind nicht glücklich über "Zunge zeigen" gewesen; sie haben ihm vorgeworfen, Kalkutta nicht zu lieben, sondern zu hassen. Ist dieser Vorwurf berechtigt? Subha Prasanna: sieht keinen Grund, warum Grass Kalkutta lieben sollte, denn niemand würde eine Stadt lieben; Grass liebe dagegen die Menschen; Kalkutta habe er aus internationaler Perspektive gesehen; in Rajbhabana sei er amüsiert gewesen, dass man ihm britische Etikette entgegengebracht habe; er habe dadurch auch den Wunsch gehabt, das eigentliche Kalkutta kennenzulernen und länger dort zu bleiben, um alles persönlich kennenzulernen und Aussagen treffen zu können; im Kern habe er die Stadt aber wohl nicht begreifen können; er habe versucht, die Sicht der Menschen einzunehmen und die Stadt zu beschrieben, wie er sie gesehen hat; seine Gedanken über Netaji Subhaschandra Bose (Subhash Chandra Bose) und Rabindranath Tagore seien akzeptabel gewesen; wenn man die hässliche Statue von Netaji Subhash Chandra Bose and er Kreuzung von Shyambajar sehe, erzeuge diese keinen Respekt bei Menschen, die Netaji nicht kennen; Netaji sei nicht durch seine Uniform definiert, er sei vollkommen anderes; leider habe sich Grass nicht über Netaji informiert, sondern einfach geschrieben, was er sah; das gleiche treffe für Tagore zu; es würde mehr Zeit brauchen, diese beiden zu verstehen; Grass habe in seinem Tagebuch nur beschrieben, dies sei aber natürlich. ________________ „Deutsche Welle German betar taranga“ Deutsche Welle German Radio An weekly presentation – „Literatre and Culture“– An interview with famous painter Subhaprasanna about Günter Grass, the Nobel laureate German author –the fifth part Subject: The paintings by Grass during his Kolkata (Calcutta) visit Presented by: Abdulla Al-Faruq “That was writers’ block which made me paint. I never felt this much urge to paint. I skeched while walking down the streets. Sometimes I stopped to sketch –as if somebody has nailed me to that spot” Günter Grass has written this about his second trip to Kolkata. To fulfil his desire to see and sketch Kolkata, Grass arrived in the city on 19th August, 1986, accompanied with his wife. It was supposed to be a trip for one year. But due to the illness of his wife, he has to leave after 6months. He visited Santiniketan, Puri, Vishnupur, Madras, Hyderabad, Pune during this six months. He also made a short trip to Bangladesh. But Kolkata was the centre of his interest. He sketched a lot about the daily life in Kolkata. “Zunge zeigen” (“Jiv Kato Lajjay”) is a collection of diary, sketch and a poem with twelve parts. Apart form the literary works, the fifty-six sketches that he made, is really important about his views on Kolkata. The sketches depict the cruel reality of Kolkata. When Grass lost his words about this naked reality – he sketched. He mainly used line drawings to depict the reality. Green coconuts, slums that spread out randomly, hungry crows on garbage, homeless people sleeping on the sidewalk, Maa Kali at Howrah station, overcrowded local trains in The Baruipur-Ballygung line, skinny beggars who lost the physical strength to beg, the mountain of trash in Dhapa - these sketched are compliment to his writings on the city. He has wrote in “Zunge zeigen” “I kept on painting till it was night – about the people who took a midday nap in a shadow by the road, across the sidewalk – together under a hand-pulled rickshaw, on the slaughting platform at New Market, on a hanging platform, on concrete floors, under a tree – they were all asleep.” He also wrote, “I shall stay here for some time. I want to sketch the cracked sidewalk. I shall go to the slum houses to note down the details. Sometimes the unknown becomes reliable, but they still remain unknown. Arts don’t demand exaggeration. I shall use broken pencil, flat brush, fine sketching pen and charcoal to sketch this downfall – how the cynic, darkskinned Maa Kali first offers and again takes back everything.” The famous painter from Kolkata, Subhaprasanna is deeply related to the paintings of Günter Grass. To cut down the effort of daily journey from Baruipur to Ballygung by a local train, Mr. And Mrs. Grass shifted to Lake Town in Kolkata after tree months. Subhaprasanna made all the arrangements for their accommodation. Subhaprasanna arranged for an exhibition of the sketches Grass made during his visit to Kolkata. Subhaprasanna also did paintings about Grass. Grass initiated an exhibition of Subhaprasanna’s paintings in Munich. Grass mentioned Subhaprasanna several times in “Zunge zeigen”. For example, “Subhaprasanna is in great mood today. His face looks like a child – framed in a beard.” We interviewed Subhaprasanna in his studio in College Street, Kolata. The painter answered few of our questions. Q: You have a lot of sketches on Günter Grass. What made you think that one can sketch Günter Grass? A: During Grass’s visit to Kolkata, I used to sketch a lot about Kolkata – with charcoal, black and white. Grass became closely related to Kolkata. He went to many dark places in Kolkata. I think he has a really interesting face. I thought about capturing his face along with his creations. Whenever he roamed around the city, along with lots of street children, I felt as if he was searching for Oscar, the hero of his “The tin drum”. I felt like a lot of Oscars were following him. That inspired me to paint “Oscar er khoje Günter” (Günter – in search of Oscar). Grass used to buy posters from Dharmatala. He had a strange collection in his room - Veer Hanuman, Stalin and Maa Kali side by side on a wall. That is like modern pop-art. This inspired me to draw a picture where Günter stood with pipe in his mouth, the posters were in the background and children with tin drums surrounded him. Q. Günter Grass made a lot of sketches on Kolkata. Could you please analyse them a bit? A: He is a painter of a different genre. He knows painting, he knows sculpture, moreover, he knows the academic side of paintings very well. The general German trends of representational approach and expressionistic traits can be observed in his sketches. He did not like the ‘so called’ modern painters who tried to deviate from the common trends. But I think there is a similarity in his writings and his paintings. For example the fantasy, the satire what we read in his writings are also there in his paintings. Sometimes he is a bit extra illustrative, which might be a drawback in some sense. Recently he has started painting in water colours. He has presented me a book with one hundred of his paintings. There are five or six among them which I consider extraordinary pieces of work. Q. He came to stay for one year in Kolkata. But he left after six months. Do you think he managed to make himself a integrated part of Kolkata? A. No. Nobody can understand Kolkata in six months or one year. How wise that person might be. Moreover, he did not come to mix up with Kolkata, he wanted to know the reality. But the reality about Kolkata is not that simple. There is hell in Kolkata, there is a heaven in Kolkata. We stand in between. Only who was born here, has grown up here in Kolkata can understand that. May be if he came today, he would have a different view. When Grass visited Kolkata, the political scenario was not that good. He had to face quite a lot of troubles. Moreover, he tried to fill a very widespread canvas. As a painter, it is easy to fill a small canvas. But if you try to fill a big canvas, there is a possibility that the subject gets diluted. I am no one to criticize his writings. He is not a journalist who had to depict the actual picture. He is a creative writer. There is no rule that we have to compare every detail with reality. Q: When Grass returned to Germany and wrote “Zunge zeigen”, a lot of intellectuals from Kolkata were not happy. They said that Grass did not love Kolkata, he hated it. Do you think that their statement was correct? A: Why Grass needs to a lover of Kolkata? Nobody loves a city for ist concrete structures and buildings. He loves people. He sees the people, their needs as the city. He saw Kolkata from the viewpoint of an international. Once he was in Rajbhabana (the palace of the governor) and he was amused to see the servants serving him maintaining British etiquette. That grew the interest to see the actual Kolkata in him. He wished to stay for long in Kolkata and see everything personally to comment something on it. Somehow, he could not understand the city to ist core. He has always written what’s right. He always took the side of the people. He tried to describe this city as he saw. However, I think his thoughts about Netaji Subhaschandra Bose and Tagore was quite okay. If you see the ugly statue of Netaji in the crossing of Shyambajar, it does not generate respect to a person who does not know Netaji. The military uniform does not define Netaji at all. He is totally different form that. Unfortunately, Grass did not do a research on Netaji. He wrote as he saw. The same applies for Tagore. It takes more time to understand them. Grass wrote his diary in certain descriptive manner. It is evident that these things will come as they did. I find it natural. You were listening about the visit of Günter Grass to Kolkata in our weekly program “Literature and Culture”. The next part will be aired on 7th January. You are cordially invited for that. Übersetzung von Susruta Smanta



Urtitel:
Kultur-grass-teil 5
Anfang/Ende:
(Trailer) Deutsche Welle betar taranga…agam amontron thaklo. (Trailer)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Dokumentation
Schlagworte:

Person:
Prasanna Subha; Subhash Chandra Bose; Rabindranath Tagore
Werke:
Zunge zeigen
Sach:
Skizze; Zeichnung; Tagebuch; Müllberge; Armut; Malerei; Moderne; Expressionismus; Aquarell; Bettler
Geo:
Kalkutta; Indien; Bangladesh
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
20.12.2002
Datumszusatz:
ESD unbekannt
Aufnahmeort:
Köln
Sprachen:
bengali
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:15:09
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
WAV
Kopie:

Länge der Kopie:
00:15:09
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Steidl
Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sender / Institution:
nicht zutreffend
Sendereihe:
Kultur
Archivnummer:
3524122000
Produktionsnummer:
463208
Teilnehmende:

Person:
Al Farooq, Abdallah (Vorredner(in))
Person:
unbekannt, (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Kultur-grass-teil 5. Köln .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

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