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DB-Nummer: 1621

Günter Grass und das Günter Grass Haus in Lübeck : Telefoninterview mit der chinesischen Redaktion über Politik und Grass' Arbeit

Frage: Warum hat Grass keine große Stadt wie Berlin oder Hamburg für das Günter Grass Haus ausgewählt, sondern Lübeck? Grass: Vorteil des Föderalismus in Deutschland; obwohl Berlin sich als Hauptstadt versehe, gebe es viele Zentren in Deutschland; dies sei gut und garantiere die kulturelle Vielfalt; besonderes Verhältnis zu Lübeck: Hansestadt wie Danzig, Wohnort in der Nähe von Lübeck, ähnliche Landschaft wie in Grass' Heimat, der Kaschubei; nach der Verlegung des Sekretariats von Berlin nach Lübeck habe ihm die Stadt Lübeck den Vorschlag gemacht, ein Haus für die literarische und künstlerische Arbeit zu errichten; Frage: Autonomie oder Verbindung zwischen dem bildenden Künstler und dem Schriftsteller Grass? Grass: viele Wechselbeziehungen, vor allem in der Lyrik; Gedichtentwürfe würden oft in der Zeichnung beginnen, dann zu Text werden oder auch umgekehrt; beim Prosaschreiben seien die Manuskripte immer wieder unterbrochen von Zeichnungen und Skizzen; diese Skizzen würden dann manchmal zu Lithographien oder Radierungen, manchmal auch zu Skulpturen werden; Ständige Wechselbeziehung zwischen Zeichnen und Schreiben; Frage: Wie werden Grass' Aufenthalte in Kalkutta im Günter Grass Haus repräsentiert? Grass: erste Ausstellung als Überblick über die Schaffensjahrzehnte, spätere Ausstellungen sollen dann aber Schwerpunkte haben, z.B. Zeichnungen zu Romanen wie "Die Rättin" oder "Der Butt"; dann auch über Kalkutta und zu den Arbeiten, die zu dem Buch "Zunge zeigen" geführt haben; grade der Aufenthalt in Kalkutta sei ein wichtiges Beispiel dafür, welche große Rolle das Zeichnen spiele; in Kalkutta habe es Grass die Sprache verschlagen, durch Zeichnen habe er sich der dortigen Realität genähert; Frage: von "Der Butt" bis "Unkenrufe" ist Bengalen Thema; wird Grass sich engagieren und erneut nach Kalkutta reisen? Grass: träumt oft von Kalkutta und hat den Wunsch, wieder nach Kalkutta zu kommen; das Thema habe ihn nie losgelassen; Frage: Führt George W. Bush in Afghanistan und im Irak einen wirklichen Kampf gegen den Terrorismus? Grass: hält Bush für "eine Gefährdung des Weltfriedens"; Bush wolle wohl wie in einem Drama von Shakespeare vor seinem Vater bestehen und den nicht vollendeten ersten Golfkrieg zuende führen; auch das Geschäftliche würde eine Rolle spielen, die wirtschaftlichen Ambitionen im Ölgeschäft würden sich mit den politischen vermischen; die Amerikaner würden zwar die Welt regieren, aber wenig von der Welt wissen; Frage: Verbindung von Neoliberarlismus und Kampf gegen den Terrorismus? Grass: nach den Terroranschlägen vom 11. September habe er darauf hingewiesen, dass der Hass der Länder der Dritten Welt bestimmte Ursachen habe; er habe auch darauf hingewiesen, dass Willy Brandt in den 1970er Jahren als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission bereits auf diesen drohenden Konflikt hingewiesen habe; Brandt habe eine neue Weltwirtschaftsordnung gefordert; dies sei nicht erfolg und wenn man auf den Terrorismus eine Antwort finden wolle, müsse man die Ursachen finden und bekämpfen; solange dies nicht geschehe, werde man den Terrorismus weder besiegen noch eindämmen können; ein Krieg werde nur eine neue Terroristenwelle hervorrufen; Frage: Was ist für Grass wichtiger: Wort oder Bild? Grass: hat sich diese Frage nie gestellt; er stehe jedesmal vor einem weißen Blatt Papier, das "beschmutzt" werden wolle mit Zeichnungen oder mit Zeichnen; Frage: nach Heinrich Bölls Tod gilt Grass als das Gewissen der Nation in Deutschland wie Bertrand Russell es in England gewesen ist oder Jean Paul Sartre in Frankreich; Grass: lehnt diese Beschreibung ab; wie Böll lehne auch er ab, das Gewissen einer Nation zu verkörpern; was Böll und auch er versuchten, sei, sich als Bürger und Schriftsteller in das gesellschaftliche Geschehen einzumischen; ein Gewissen für andere zu vertreten lehne er hingegen ab.



Urtitel:
Spätsendung Chinesische Redaktion - Interview mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Herr Grass, warum…Danke Ihnen. Wiederhören.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Grass ist 75 Jahre alt geworden Eröffnung des Günter Grass Hauses im Oktober 2002 Dritter Golfkrieg (Irakkrieg) vom 20. März 2003 bis 1. Mai 2003 Terroranschläge vom 11. September 2001

Schlagworte:

Person:
Bush George W.; Böll Heinrich; Sartre Jean-Paul; Russell Bertrand; Brandt Willy
Werke:
Der Butt; Die Rättin; Unkenrufe
Sach:
Günter Grass Haus; Schreiben; Zeichnen; Manuskript; Skizze; Lyrik; Skulptur; Ausstellung; Terrorismus; Krieg; Golfkrieg; Gewissen
Geo:
Berlin; Hamburg; Lübeck; Danzig; Kaschubei; Kalkutta; Indien; Hamburg; Irak; Afghanistan
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
17.12.2003
Datum Erstsendung:
17.12.2003
Aufnahmeort:
Köln
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Anmerkung Qualität:
"Telefonqualität"
Original:

Originallänge:
00:09:41
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
WAV
Kopie:

Länge der Kopie:
00:09:41
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Archivnummer:
3526559000
Produktionsnummer:
453163
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Fu, Yue (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Spätsendung Chinesische Redaktion - Interview mit Günter Grass. Köln .

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