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DB-Nummer: 1720

"Günter Grass im Visier der STASI" auf der Leipziger Buchmesse 2010 : Szenische Lesung

Näbrich, Sven; Schlüter, Kai

"Günter Grass hat die "Leipziger Erklärung" zum Schutz des geistigen Eigentums mitunterschrieben; Grass selbst ist 30 Jahre lang, von 1961 (Bau der Berliner Mauer) bis zur Wiedervereinigung, von der Stasi bespitzelt worden; Grass ist in dieser Zeit regelmäßig in der DDR gewesen, um die Einheit der deutschen Kultur zu befördern; die Stasi-Akten über Günter Grass hat der Journalist Kai Schlüter gesichtet, kommentiert und zu einem Buch zusammengefasst; das Buch wurde in Leipzig vorgestellt, Grass war dabei anwesend ebenso wie der Verleger Christoph Links. Bericht von der Buchvorstellung "Günter Grass im Visier der Stasi": Passagen aus dem Buch werden von einem Schauspieler vorgetragen; im anschließenden Gespräch kommentiert Grass die Stasi-Aufzeichnungen über ihn. O-Ton Grass: er habe sich mit seinen DDR-Kollegen einen Scherz daraus gemacht, über die Unterschiede zwischen west- und ostdeutscher Lyrik zu diskutieren und sich vorzustellen, welche Mühe die Stasi-Mithörer gehabt hätten, dies zu entschlüsseln; dabei habe man Rotwein oder auch West- oder Ostschnaps getrunken. Vor allem für DDR-Autoren hätten diese geheimen Treffen auch gefährlich werden können; Grass galt für die Stasi als gefährlicher Provokateur und einflussreiche Persönlichkeit mit weitreichenden Beziehungen; auch bei offiziellen Treffen wie dem deutsch-deutschen Treffen der Weimarer Akademie in den 1960er Jahren oder bei Diskussionen um das deutsch-deutsche Kulturabkommen in den 1980er Jahren erhob Grass seine kritische Stimme. O-Ton Grass: er sei für das Kulturabekommen gewesen, hätte dieses aber gerne auf einer höheren und kritischeren Ebene sehen wollen. Die Stasi-Akte zu Günter Grass umfasst ca. 2200 Seiten, die Überwachung ist aber erfolglos geblieben; ein Überwachungsbericht aus dem Jahr 1988 zeigt die Hilflosigkeit der Stasi gegenüber Grass. Auszug aus dem Überwachungsbericht - amüsierte Reaktionen im Publikum. Grass interessiert sich inzwischen nicht nur für seine Stasi-Akte, sondern auch für Berichte des BND über ihn. Grass: kann sich vorstellen, dass beim BND und beim Verfassungsschutz ähnliche Berichte in ähnlicher Stillage über ihn vorliegen. _____ Studio-Interview mit Kai Schlüter: Frage: Wie muss man sich die Arbeit mit den Akten zu Günter Grass vorstellen? Schlüter: Die Akten seien sehr verstreut abgelegt gewesen; im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit habe er eine Akte zu Grass im Umfang von etwa 700 Seiten vorgefunden, zudem Material in Rostock, Frankfurt an der Oder, Leipzig, Dresden, Neuruppin und Potsdam; diese Akten seien ungeordnet abgelegt gewesen und hätten sortiert, thematisch und chronologisch gruppiert werden müssen, um das Buch zusammenzustellen. Frage: Was ist nötig gewesen, um die verzerrte Darstellung der Stasi-Akten zu entzerren? Schlüter: er habe die in den Akten erwähnten Personen kontaktiert und deren Erinnerungen zusammengestellt (z.B. Friedrich Schorlemmer, Frank-Wolf Matthies, Hans-Joachim Schädlich, Bernd Jentzsch); so hätten die Leser die Chance einer objektiven Einordnung. Frage: Hat Schlüter auch Günter Grass befragt? Schlüter: hat mehrere lange Interviews mit Grass geführt, seine Erinnerung sei erstaunlich gut, präzise und verlässlich. Frage: Hat Schlüter auch Stasi-Spitzel befragt? Schlüter: hat dies auch getan; einige hätten auf Interview-Anfragen nicht reagiert (z.B. Manfred Wekwerth, ehem. Präsident der Akademie der Künste oder Hermann Kant); mit anonymen Spitzel, die zur Observation von Grass gezwungen worden seien, habe er jedoch gesprochen. Frage: Was hat Schlüter über die Mentalität des Spitzels in Erfahrung gebracht? Schlüter: Es gebe nicht ""den"" Spitzel, die Motive seien sehr unterschiedlich gewesen. Frage: Einige Spitzel sind spießig gewesen, in einer Akte liest man, dass Grass und seine Frau ""ordentlich gekleidet"" gewesen seien. Schlüter: solche Einträge gebe es; Grass sei von einer Spezial-Abteilung überwacht worden, in der hochrangige Offiziere vertreten gewesen seien; die detaillierten Einträge läsen sich zum Teil sehr lächerlich. Frage: Schlüter hat zwei Jahre lang in Akten über eine Person gestöbert - wie war dies für ihn persönlich? Schlüter: es stehe nicht viel Persönliches in den Akten, vieles werde auch geschwärzt, z.B. Angaben über Dritte oder intime Angaben; die Akten hätten eine ""seltsame Suggestivkraft"" - der ""Wahnsinn"" sei ihm irgendwann normal vorgekommen. Frage: Wie hat sich Schlüters Bild über Grass nach dem Studium der Akten verändert? Schlüter: Grass habe über 30 Jahre sehr gradlinig seine Position aufrecht erhalten, vor allem hinsichtlich der Einheit der Kulturnation; er habe sowohl an der DDR als auch an der alten BRD Kritik geübt".



Urtitel:
Leipziger Buchmesse 2010
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Einer der die…der Leipziger Buchmesse. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Zur "Leipziger Erklärung": Hamburg/Leipzig - Keine Preise für Plagiate: Mit dieser Forderung ist jetzt eine Reihe von Literaturstars an die Öffentlichkeit getreten. Schriftsteller wie Günter Grass, Erich Loest und Christa Wolf unterzeichneten kurz vor Eröffnung der Leipziger Buchmesse eine "Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums". Darin heißt es: "Wenn ein Plagiat als preiswürdig erachtet wird, wenn geistiger Diebstahl und Verfälschungen als Kunst hingenommen werden, demonstriert diese Einstellung eine fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen im etablierten Literaturbetrieb." Damit spielen die Unterzeichner sicherlich auch auf die Kontroverse um die Nachwuchsautorin Helene Hegemann an. Die 18-Jährige hatte sich für ihr Debüt "Axolotl Roadkill" unter anderem bei dem Werk eines Internet-Bloggers bedient und dies zunächst nicht kenntlich gemacht. Hegemann ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,683716,00.html)

Schlagworte:

Person:
Links Christoph; Schlüter Kai; Schorlemmer Friedrich; Matthies Frank-Wolf; Schädlich Hans-Joachim; Kant Hermann; Wekwerth Manfred; Jentzsch Bernd
Werke:
Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte
Sach:
Stasi; Kulturnation; Spitzel; Buchmesse; Leipziger Erklärung; Stasi-Akte; BND; Verfassungsschutz
Geo:
DDR; Leipzig; Berlin; SWGeo
Zeit:
1960er Jahre; 1980er Jahre; 1961
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
19.03.2010
Datum Erstsendung:
21.03.2010
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:11:29
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:11:29
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Archivnummer:
3649369000
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Näbrich, Sven (Autor(in))
Person:
Schlüter, Kai (Vorredner(in))
Person:
Schlüter, Kai (Autor(in))

Zitieren

Zitierform:

Näbrich, Sven / Schlüter, Kai: Leipziger Buchmesse 2010.

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