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DB-Nummer: 1730

Günter Grass über die Verleihung des August-Bebel-Preises 2011 (Rohfassung) : Interview zur Verleihung des August-Bebel-Preises 2011 an Oskar Negt

Frage: Grass hat - neben einigen Stiftungen zuvor - im letzten Jahr die August-Bebel-Stiftung gegründet. Grass: nennt den von ihm gestifteten Alfred-Döblin-Preis, der seit 1979 vergeben wird, den Daniel-Chodowiecki-Preis und den Otto-Pankok-Preis der "Stiftung zugunsten der Sinti und Roma"; er selbst sei seit über 50 Jahren im Sinne der SPD politisch engagiert; August Bebels Buch "Aus meinem Leben" veranschauliche die Entstehung der Arbeiterbewegung in Deutschland; die SPD als älteste Partei Deutschlands sei ein Garant für den Bestand von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit; das Wissen von der eigenen Parteigeschichte sei bei Parteimitgliedern aber sehr gering; darum möchte Grass mit dem Preis an August Bebel erinnern; durch Bebels Buch "Die Frau und der Sozialismus" sei er in den 1960er und 1970er Jahren mehr emanzipiert worden als durch Bild-Zeitungskolumnen von Alice Schwarzer; in "Grimms Wörter" habe er einige seiner Vorhaben angekündigt, u.a. auch, die August-Bebel-Stiftung zu gründen; das Preisgeld in Höhe von 250.000 Euro wird beim ersten Mal aus zusätzlichen Spenden vergeben; der Preisträger Oskar Negt sei einer der bedeutendsten Sozialphilosophen in Deutschland. Frage: Grass hatte eine sehr enge Beziehung zu Willy Brandt; welche persönliche Bedeutung hat August Bebel für Grass? Grass: erinnert an die schwierige Zeit der Sozialistengesetze, durch die Bismarck die Sozialdemokratie hätte auslöschen wollen; nach 1890, als die Sozialistengesetze keine Mehrheit mehr fanden, sei der Kampf zwischen Bismarck und Bebel zugunsten Bebels entschieden worden; von Bismarck sei nichts mehr geblieben außer "Denkmäler und Bismarcks-Hering", Bebels Leistungen hingegen schon; Bebel habe im Revistionistenstreit eine vermittelnde Position eingenommen; besonders bewundernswert findet Grass auch, dass Bebel aus London briefliche Ratschläge von Marx und Engels erhalten habe und Bebel sie im Gegenzug mit seiner Realität konfrontiert hätte; diese Briefe seien anrührend und stark; auch Wilhelm Liebknecht habe zusammen mit Bebel in Reichstagsreden vor der Annexion von Elsaß-Lothringen gewarnt und ein Bündnis Frankreichs mit Russland vorausgesagt; die Voraussage zum Ersten Weltkrieg sei auf Liebknecht und Bebel zurückzuführen; beide hätten weitreichende Kenntnis der außenpolitischen Lage gehabt, dies sei sehr bewundernswert. Frage: Der Bebel-Preis will Menschen ehren, die sich um die soziale Bewegung in Deutschland verdient gemacht haben. Der erste Preisträger Oskar Negt, Soziologe und Adorno- und Horkheimer-Schüler - warum? Grass: Negt habe sich sehr für die Gewerkschaftsbewegung eingesetzt; er komme zwar von Adorno und Habermas her, habe aber direktes bürgerliches Engagement gezeigt; Grass bewundert Negts Lebenswerk. ____ Zwischenfrage abseits des eigentlichen Interviews von Kogel an Grass, ob dieser mit einer Frage zur Fukushima-Katastrophe einverstanden ist; Grass ist einverstanden. Frage: Die Atom-Katastrophe von Fukushima hat zu einer Wende in der Atompolitik geführt; wie schätzt Grass das Ereignis ein und wie beurteilt er die innenpolitischen Folgen? Grass: hofft darauf, dass diese Katastrophe "die Augen öffnet"; mit dem Wort "Sicherheitsrisiko" sei "Worthurerei" betrieben worden; es sei nun deutlich geworden, was dieses Wort heißt; an den Folgen, die weit über Japan hinaus gingen, werde man lange zu tragen haben; die Augenwischerei werde jedoch fortbetrieben; die Atom-Lobby sei sehr stark; von diesen und vielen anderen Lobby-Bereichen werde man mitregiert; diesen "Skandal ohne Gleichen" mahne er schon seit Jahren an; Grass hofft, dass der "Wahlschwindel" vor den Wahlen in Baden-Württemberg vom Bürger durchschaut werde.



Urtitel:
August-Bebel-Preis verliehen
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…wird. Vielen Dank. (ATMO)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Die 2010 von Günter Grass gegründete August-Bebel-Stiftung soll Menschen, die sich ähnlich wie Bebel um die deutsche soziale Bewegung verdient gemacht haben, fördern und im nationalen Gedächtnis verankern. Alle zwei Jahre soll herausragenden Persönlichkeiten der August-Bebel-Preis verliehen werden.?? Der erste Preisträger, so wurde im März 2011 bekannt gegeben, ist der Sozialphilosoph und Soziologe Professor Oskar Negt. Der Preis gilt seinem Lebenswerk, in dem sich Negt immer wieder im Sinne Bebels eingesetzt hat, zuletzt mit dem 2010 erschienenen Buch „Der politische Mensch“. Andere von Grass gestiftete Preise bzw. Stiftungen, die von ihm ins Leben gerufen wurden: Der Alfred-Döblin-Preis ist ein nach Alfred Döblin benannter Literaturpreis für unveröffentlichte Prosa, der 1979 von Günter Grass gestiftet wurde. Literarisches Colloquium Berlin und die Akademie der Künste (Berlin) richten den Literaturwettbewerb alle zwei Jahre aus. Der Preis war im Lauf seiner Geschichte mit unterschiedlichen Summen dotiert; 2007 und 2009 betrug die Preissumme 15.000 Euro. Seit 2007 wird der Preisträger durch ein "Wettlesen" bestimmt. Die Nominierten werden ins Literarische Colloquium Berlin eingeladen, wo sie ihre Texte vortragen und zur Diskussion stellen. Die Lesungen der Nominierten werden - ebenfalls seit 2007 - mitgeschnitten und bei Literaturport als Hörprobe veröffentlicht. Der Preisträger wird direkt im Anschluss an die Lesungen von der Jury bestimmt; die Preisverleihung findet traditionell am nächsten Tag in der Akademie der Künste statt. Im Jahre 1992 gründete Günter Grass die Daniel-Chodowiecki-Stiftung, deren Zweck es ist, durch die Auszeichnung polnischer bildender Künstler die deutsch-polnischen Kulturbeziehungen zu fördern. Zweck der Daniel-Chodowiecki-Stiftung ist es, durch die Auszeichnung polnischer bildender Künstler die deutsch-polnischen Kulturbeziehungen zu fördern. Der Preis wird in Polen ausgeschrieben und der Preisträger von einer dort tagenden Jury ausgewählt. Günter Grass war 1948 bis 1952 an der Kunstakademie Düsseldorf Student bei Otto Pankok. Er erinnert mit einem Otto-Pankok-Preis und der 1997 in Lübeck gegründeten "Stiftung zugunsten des Romavolks" daran, dass der Künstler Otto Pankok in seinem sozialkritischen Werk immer wieder auf verfemte Minderheiten, insbesondere auf die "Zigeuner" aufmerksam machte. Die Stiftung soll das Verständnis für die Eigenarten des Romavolks fördern und über dessen kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufklären, sowie zu Toleranz beitragen. Gefördert werden journalistische, wissenschaftliche, sozialpolitische und künstlerische Arbeiten, deren Anlass und Thema das Romavolk ist, insbesondere die Sinti und Roma in Deutschland. Erste Preisträgerin war 1999 die Filmemacherin, Publizistin und Bürgerrechtlerin Melanie Spitta. 2002 wurde der Preis an den aus dem Kosovo stammenden Arzt und Menschenrechtler Ibrahim Hasani verliehen, 2006 an das Kieler Sinti-Mediatorinnen-Modell für beispielhafte Integrationsarbeit für Sinti-Kinder an Kieler Schulen.

Schlagworte:

Person:
Döblin Alfred; Bebel August; Schwarzer Alice; Negt Oskar; Brandt Willy; Bismarck Graf Otto von; Marx Karl; Engels Friedrich; Liebknecht Wilhelm; Adorno Theodor W.; Horkheimer Max
Werke:
Grimms Wörter; Aus meinem Leben; Die Frau und der Sozialismus
Sach:
Stiftung; Otto-Pankok-Preis; Sinti; Roma; SPD; Partei; Demokratie; Revisionismusstreit; Atomkraft; August-Bebel-Stiftung; Sozialistengesetze; Atompolitik
Geo:
London; Frankreich; Elsass; Lothringen; Japan; Baden-Württemberg; Fukushima
Zeit:
1960er Jahre; 1970er Jahre; 1890
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
16.03.2011
Datum Erstsendung:
21.03.2011
Aufnahmeort:
Bremen, Jacobs-University
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:12:28
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
mp3
Kopie:

Länge der Kopie:
00:12:28
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Nordwestradio
Archivnummer:
B003982221
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Interviewpartner)
Person:
Cerna, Libuse (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

August-Bebel-Preis verliehen. Bremen, Jacobs-University .

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