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DB-Nummer: 1751

Reaktionen auf die Forderung zur "Gedankenfreiheit für die tschechoslowakischen Schriftsteller"

Günter Grass im Gespräch mit Herbert Kundler und Horst Eifler Frage: Grass hat in einem offenen Brief an den Staatspräsidenten der Tschechoslowakei Antonín Novotný "Gedankenfreiheit für die tschechoslowakischen Schriftsteller" gefordert. Ausgegangen ist Grass von einer Veröffentlichung in der Zeitung "Sunday Times", in der ein angeblich von 300 tschechoslowakischen Intellektuellen verfasster Hilferuf abgedruckt worden war. Wegen seines offenen Briefes ist Grass von der SED als "Fürsprecher der Konterrevolution" bezeichnet worden; Am 22. September hat die "Zeit" einen offenen Brief von Grass an Pawel Kohout veröffentlicht; darin ließ Grass offen, ob der Hilferuf in der "Sunday Times" authentisch ist; Grass spricht von forciert scharfen Reaktionen aus den tschechoslowakischen Regierungs- und Parteikreisen auf die Forderungen der Schriftsteller nach dem vierten Schriftstellerkongress im Frühsommer und gibt an, er habe sich auf die "Sunday Times" verlassen; in diesem Zusammenhang erscheint es ironisch, dass Grass Vorwürfe gegen die Springer-Presse erhoben hat, nachdem drei Zeitungen des Springer-Konzerns Falschmeldungen über Arnold Zweig veröffentlicht hatten; am 27. September ist Grass in der "Welt" von dem Redakteuer Wilfried Hertz-Eichenrode als "Amateurpolitiker" bezeichnet worden; Es macht den Anschein, dass Grass zwischen zwei oder gar drei Stühlen sitzt; Grass: merkt an, dass er gerade auf einem Drehstuhl sitzt und dass er sich darauf "sehr vertraut" fühle; er fühle sich geehrt, dass er von Herz-Eichenroder und auch durch einen Artikel in "Neues Deutschland" bedacht werde; diese "hysterische Stimmlage" sei ihm seit Jahren vertraut; sowohl "Die Welt" als auch "Neues Deutschland" seien in den 50er Jahren steckengeblieben; dies sei auch die Ursache dafür, dass man aneinander vorbei rede und symptomatisch dafür, wie Meldungen lanciert und verbreitet würden; in seinem Entschuldigungs-Kommentar an Arnold Zweig habe er bewusst von faschistischen Methoden bei der Verbreitung von Meldungen geredet. Frage: Für die Sendung "Drüben" des ZDF hat Grass zu den drei Falschmeldungen in der Springer-Presse Stellung beziehen sollen; diese Stellungnahme hat Grass mit einer grundsätzlichen Kritik verbunden, die auch in der "Welt" zitiert wurde, und in der es heißt, dass der Springer-Konzern mit faschistischen Methoden Zweckmeldungen verbeite; außerdem hat Grass die Springer-Presse mit einem verfassungswidrigen Staat im Staat verglichen und ein Einschreiten gefordert; dieser Teil ist in der ZDF-Sendung nicht gesendet worden, am folgenden Tag aber in der NDR-Sendung "Panorama" [vgl. DB VID 631]; wie rechtfertigt Grass die Wendung "faschistische Methoden"? Grass: Die Formulierung sei nicht pauschal und als Schimpfwort gewählt worden, sondern als "genaue historische Bezeichnung"; hinter den Meldungen der Springer-Presse sei die "Tarantel-Press" erkennbar; dieses Unternehmen sei für Falschmeldungen bekannt, die in diesem Fall bewusst übernommen worden wären; diese Methode sei faschistisch; es ließe sich sogar von "totalitären" Methoden sprechen; in der Zeitung "Neues Deutschland" nähere man sich diesen faschistischen Methoden. Frage: Grass scheint eher "Propaganda" zu meinen? Grass: will dies nicht verallgemeinern; es habe immer Zeitungen gegeben, in denen gelogen oder verkürzt worden sei; im Fall der Springer-Presse geschehe dies jedoch bewusst; bei Reinhard Lettau gebe es Ausführungen zu den Praktiken der Springer-Presse; über vermeintlich straffällig gewordene Personen werde in der Springer-Presse so berichtet als handele es sich um bereits Verurteilte; auch diese Methode sei faschistisch und aus der Nazi-Zeit bekannt; es sei zu fragen, wie lange die Leser noch Vertrauen gegenüber der Presse aufbringen könnten; Grass hat sich bei Arnold Zweig entschuldigen wollen und ihn bitten wollen, die Praktiken der Springer-Presse nicht auf West-Berlin und die BRD zu verallgemeinern; auch in Bonn müsse man Wert darauf legen, dass die Glaubwürdigkeit der Presse erhalten bleibe. Frage: Auch innerhalb des Springerkonzers muss man differenzieren; Grass spricht von "dienstwilligen Journalisten" - was meint er damit? Grass: Er habe bewusst bei der Nennung von Axel Cäsar Springer diesen Begriff verwendet, da für Springer auch dienstunwillige Journalisten gearbeitet hätten, z.B. Paul Sethe und Sebastian Haffner; diese seien nach einer Zeit nicht mehr bereit gewesen, für Springer zu arbeiten; Grass versteht nicht, warum sich der Journalistenverband an dieser Formulierung stößt; es sei grundsätzlich zu fragen, ob die einzelnen Journalisten nicht mehr für ihre Berufsehre tun wollten; bei den Lesern, die von den Lesegewohnheiten der 50er Jahre abrücken würden, würde sich langsam Unbehagen ausbreiten. Frage: Manche Journalisten glauben, was sie schreiben, und dies stimmt manchmal mit den Ansichten des jeweiligen Arbeitgebers überein. Grass: fordert Selbstkritik und Selbstzweifel von den Journalisten. Frage: Steht Grass' eigene Glaubwürdigkeit in Frage, wenn er die gesamte Springer-Presse beschuldigt? Grass: Die Stellungnahme des Vorsitzenden des Deutschen Journalistenverbandes sei in der Springer-Presse nicht vollständig abgedruckt worden; in seinen eigenen Erklärungen nenne er nur die drei Zeitungen von Springer. Frage: Angemessen wäre, wenn Angehörige des Springer-Konzerns sich direkt mit Grass auseinander setzten würden; will Grass eine gerichtliche Auseinandersetzung? Grass: legt keinen Wert darauf; der Prozess würde sich über Jahre hinziehen, dies sei Zeitverschwendung; Grass will dem Konflikt jedoch nicht aus dem Weg gehen. Frage: Schafft Grass mit zu pauschalen Urteilen falsche Solidaritäten? Grass: Den gerichtlichen Prozess hätte die Springer-Presse eingeschlagen; seine Äußerungen will Grass nicht zurücknehmen und auch keine "falschen Verbündeten" haben; der Antikommunismus habe die Demokratie grundlegend beschädigt, dem müsse entgegen gewirkt werden; die Journalisten müssten sich einen neuen Ton zulegen.



Urtitel:
Kulturelles Wort und Vorträge 1967: Atelier am Sonntagabend
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Und nun, meine…der siebziger Jahre.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Die britische Zeitung "Sunday Times" veröffentlicht Anfang September 1967 ein Manifest von dreihundert tschechoslowakischen Intellektuellen, in dem gegen die Willkür der kommunistischen Regierung protestiert wird. Auch der Name Günter Grass taucht in dem Dokument auf, das sich jedoch bald darauf als Fälschung herausstellen wird. Grass hat aber als Reaktion auf das Manifest bereits einen offenen Brief an den tschechoslowakischen Staatspräsidenten und Ersten Parteisekretär der KPC Antonin Novotny geschrieben, in dem er Gedanken- und Meinungsfreiheit für die Intellektuellen fordert. Dafür gerät Grass in der DDR als Antikommunist in die Kritik. Grass versucht in dem bereits seit einigen Wochen andauernden Briefwechsel mit dem tschechoslowakischen Schriftsteller Pavel Kohout die Wogen zu glätten. Seit Mitte September 1967 ist auch der "Fall Arnold Zweig" (vgl. Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 240ff) in der Öffentlichkeit präsent. Hintergrund dieser Debatte ist, dass drei Zeitungen der Springer-Presse über einen vermeintlichen Brief des Ost-Berliner Schriftstellers und Exemigranten Arnold Zweig berichtet haben, der sich später als Fälschung der antikommunistischen "Tarantel-Press" herausstellt. Grass nutzt dies für einen Generalvorwurf gegen die Springer-Presse und beschuldigt den Konzern faschistische Öffentlichkeitsmethoden anzuwenden. Nachdem sich von den Springer-Blättern keines für die Fehlmeldung entschuldigt, greift Grass die Springer-Presse in der Sendung "Panorama" scharf an (25.9.1967). Mehrere Redakteure der "BILD" und der "Welt" erstatten daraufhin Strafanzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung (26.9.1967). Im Gegenzug kommt es zur Strafanzeige des Voltaire Verlages gegen drei Springer-Chefredakteure. Die Debatte zieht auch Politiker mit in den Meinungsstreit hinein. Im Oktober 1967 unterzeichnen siebzig Schriftsteller die Anti-Springer-Resolution.

Schlagworte:

Person:
Novotny Antonin; Zweig Arnold; Kohout Pavel; Springer Axel Cäsar; Haffner Sebastian; Hertz-Eichenrode Wilfried; Sethe Paul
Sach:
Springer-Presse; Die Welt; Neues Deutschland; ZDF; NDR; Faschismus; Demokratie; Presse; Journalismus; Sunday Times; Antikommunismus
Geo:
Tschechoslowakei
Zeit:
1950er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
29.09.1967
Datum Erstsendung:
01.10.1967
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:29:38
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:17:17
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Atelier am Sonntagabend
Archivnummer:
Z124677001
Produktionsnummer:
DZ124677001
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Eifler, Horst (Vorredner(in))
Person:
Kundler, Herbert (Vorredner(in))
Person:
Wichert, Lothar (Sonstige)

Zitieren

Zitierform:

Kulturelles Wort und Vorträge 1967: Atelier am Sonntagabend. unbekannt .

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