Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 1753

Gespräch über die Studenten-Proteste und das Establishment

Frage: Grass hat in der Berliner Zeitung "Der Morgen" einen Aufruf veröffentlicht, in dem er sich gegen Gewaltaktionen wendet, u.a. gegen das Einschlagen von Fensterscheiben bei Fillialen der "Berliner Morgenpost"; die Studenten mahnt er, dass ihr Protest gegen das Establishment nicht selbst zum Establishment wird; Grass verwendet den Begriff "Establishment" also doppelt - was versteht er darunter? Grass: Das Einschlagen von Fensterscheiben habe eine "fatale Nähe" zu Umständen, die in Deutschland bekannt seien; die Gewalt sei jedoch als "Wirkung" anzusehen, deren Ursachen man aufdecken müsse; die terroristischen Aktionen seien darauf zurückzuführen, dass die Springer-Presse in Berlin vor einem Jahr systematisch gegen die Studenten gehetzt habe; die Springer-Presse habe damals zu Gewalt und härterem Durchgreifen aufgefordert; der Fanatismus von Axel Springer habe den Fanatismus von Rudi Dutschke erst erschaffen; es habe des Establishments bedürft, um Rudi Dutschke in die Öffentlichkeit (z.B. die Illustrierte "Stern") zu bringen; Frage: Ist die Opposition "Springer-Presse 1967" vs. Studentenproteste differenziert genug? Grass: Es bestehe eine latente Bereitschaft zur Gewalttätigkeit, um die bestehende Ordnung zu verteidigen; wenn diese Bereitschaft durch einen Konzern [Springer] geweckt und vorangetrieben würde, könne nicht davon die Rede sein, dass sie Stimmung in der Bevölkerung aufgegriffen werde; die Universitäten und Hochschulen seien "das restaurative Kind der Adenauer-Ära", die Studenten seien entsprechend einseitig ausgewählt und würden sich unpolitisch verhalten; dies schlage nun ins Gegenteil um; die Studenten würden meinen, politisch zu handeln, seien dabei aber nach wie vor apolitisch und würden politische Schlagworte aus zweiter und dritter Hand (Amerika, England) benutzen; der Begriff "Establishment" werde dabei ohne Hinterfragen als Schimpfwort verwendet; "Establishment" sei aber nicht grundsätzlich etwas schlechtes; es werde erst problematisch, wenn es keine Möglichkeiten der Mitsprache mehr gäbe; seit Beginn der Großen Koalition sei die Lage aufgeladen; Frage: Versteht Grass unter "Establishment" die Verfestigung sozialer Gruppen und Strukturen, in denen ideologische Positionen nicht aufgegeben werden? Ist der Protest in diesem Zusammenhang nicht verständlich? Grass: Es komme darauf an, dass die eigentlichen Ziele der Studenten nicht von Demagogie überdeckt würden wie z.B. durch die Räterepublik; Frage: Die Studenten nennen Solidarisierung als Begründung - Grass: Dies sei verständlich; die Studenten würden einen "mittelmäßigen Funktionär" wie Kurt Mattick angreifen ähnlich wie die Bremer Richard Boljahn; diese seien stellvertretende Schwachpunkte für eine Schicht, die die Studenten mit dem Establishment gleichsetzen; Frage: Wenn Grass von "mittelmäßig" spricht, ist das ein Eliteanspruch, eine Anmaßung Grass: Ist froh, dass die Generation, die nach dem Krieg geboren ist, protestiert, und nicht mehr bereit ist "die Hypothek ihrer Väter und Großväter" mitzuschleppen; der Zusammenahng von Ursache und Wirkung sei zzu bedenken; Frage: Frage nach der Ursache - die politischen Errungenschaften sind vergleichbar gut Grass: Im Vergleich würde man gut abschneiden; man dürfe jedoch nicht den gleichen Fehler wie die Studenten machen, die die Probleme der Dritten Welt oder Vietnams auf die Bundesrepublik übertragen; der SDS habe vernünftige Vorschläge zu einer Hochschulreform gemacht; Frage: Muss man, wenn man seine politischen Ziele nicht duchsetzen kann, Faschist oder Maoist werden? Grass: verneint; dies habe aber zwei Seiten; wenn man auf Autoritätsprinzipien bestehe, müsse eine "unfertige" Gesellschaft wie die westdeutsche eine Reaktion nach ganz Links und nach ganz Rechts erfolgen; Frage: Auf die Proteste der Studenten ist aber nicht nur mit Autorität reagiert worden; nach den Ereignissen 1967 [Attentat auf Benno Ohnesorg] habe es Diskussionen mit und Verständnis für die Studenten gegeben; dies werde durch die neuen Proteste zerschlagen Grass: Die Studenten seien sehr erschrocken über die Gewalt und den Terror; man müsse die Studenten aus der "falschen Solidarität" herausführen und ihnen Gelegenheit geben, ihren Protest neu zu formulieren; die Studenten könnten den etablierten Weg über die Parteien noch nicht gehen; Grass plädiert für Evolution und Kompromisse; man müsse Geduld mit den Studenten haben; Frage:



Urtitel:
Kulturelles Wort und Vorträge 1968: Atelier am Sonntagabend
Anfang/Ende:
Zu Gast im…für ihren Besuch.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

"Internationaler Vietnam-Kongress" am 17./18. Februar 1968 in der TU Berlin Vgl. auch Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 248ff.

Schlagworte:

Person:
Springer Axel Cäsar; Dutschke Rudi; Ohnesorg Benno; Mattick Kurt; Boljahn Richard
Sach:
Studentenprotest; Springer-Presse; Presse; große Koalition; Gewalt; Faschismus; SDS; Terrorismus; Establishment
Geo:
Berlin; USA; England; Vietnam
Zeit:
1967
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
09.02.1968
Datum Erstsendung:
09.02.1968
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Ton sehr leise.
Original:

Originallänge:
00:32:26
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:21:55
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Atelier am Sonntagabend
Archivnummer:
Z124696 001; alte Archivnr.: 348-737
Produktionsnummer:
DZ124696001
Teilnehmende:

Person:
Kundler, Herbert (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Eifler, Horst (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Kulturelles Wort und Vorträge 1968: Atelier am Sonntagabend. unbekannt .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export