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DB-Nummer: 1754
10.20379/dbaud-1754

Günter Grass liest und diskutiert mit Schülern des West-Berliner Humboldt-Gymnasiums : Lesung und Diskussion über Fragen der Lyrik

Grass, Günter

Drittes Schülergespräch, das von RIAS mitgeschnitten wird. Track 1: Grass liest "Geöffneter Schrank" aus dem Lyrik-Band "Die Vorzüge der Windhühner" (WA 1 (2007), S. 14) anschließend Diskussion nach Fragen der Schüler zu folgenden Themen: - Prosa-Form des Gedichts; fehlende Metrik; Trennung von Lyrik und Prosa; - Grass verweist auf ein Kapitel in der "Blechtrommel", in dem Oskar in einem Schrank zuflucht nimmt; im Gedicht "Geöffneter Schrank" sei der Schrank die Metapher, die Gegenstände würden von der Funktion her gesehen; verstünde man Lyrik als getarnte Prosa, müsse man einen Großteil der Lyrik des 20. Jahrhunderts streichen (z.B. Guillaume Apollinaire); die Metrik im Gedicht sei unaufdringlich und werde von der Metapher bestimmt; Verortung des geordneten Schrankes in einer chaotischen Welt; wiederkehrendes Motiv des Vakuums; - schwere Verständlichkeit von Lyrik gegenüber Prosa; Grass versteht diese als "Widerstand"; Verkürzung und Metaphorisierung als Kennzeichen von Lyrik, das aber nicht verbindlich sei; Grass nennt in diesem Kontext Walt Whitman und seine hymnisch langen Gedichte; "Geöffneter Schrank" sei eine Bestandsaufnahme, in der die Gegenstände sogleich umfunktioniert würden, so Grass; die Form der Beschreibung könne dafür nicht herhalten; - Vielzahl der Metaphern; Bildersprache als Erhellung oder Verdunkelung des Sinns; Assoziationsketten als Sinnerweiterungen; - Versform: freier Rhythmus, der vom Sprechen her motiviert sei; - Verständlichkeit der Gedichte vs. Reine Bewusstseinslyrik; - Grass zu seiner Arbeitsweise beim Schreiben von Lyrik: erster Einfall, der lange liegen bleibt, dann erste Verse; langer Prozess bis zur eigentlichen Niederschrift; insgesamt langer Arbeitsprozess bei Gedichten; das "Aushalten" und "In-Frage-Stellen" des Einfalls seien das Schwierigste beim Schreiben von Lyrik; Inhalt und Form sieht Grass als Ganzheit; Metrik und Reime seien ein "Kinderspiel", schwieriger sei es, sich nicht in eine solch strenge Form zu binden; die Zeilenumbrüche in "Geöffneter Schrank" seien nicht willkürlich, sondern würden das Verstehen unterstützen; Geschmack, Verstehen und Wirkung eines Gedichts seien aber nicht vorhersagbar; manche Gedichte verstehe man zuerst und dann wieder nicht (Grass nennt Trakl, Hölderlin und Brecht); Gedichte würden sich im Laufe der Jahre verändern, ähnlich wie Bilder, die nachdunkeln; manche Gedichte hätten nur eine momentane Funktion, würden dann aber Jahrhunderte später wieder eine aktuelle Funktion finden (z.B. Barock-Lyrik); Einfachheit der Lyrik: Grass sagt, manche Probleme müssten "verkompliziert" und in Widersprüche gesetzt werden; - zur Gültigkeit der Gedichte: Grass leht die Forderung nach Perfektheit und Abgeschlossenheit ab; auch im Fragment könne ein Gedicht vollständig sein. 29:50 min.: Grass liest aus dem Lyrikband "Ausgefragt" das Gedicht "Irgendwas machen" (WA 1 (2007), S. 174) Grass erläutert dazu einführend, dass das eigentliche Gedicht "In Ohnmacht gefallen" (ebd.) heiße und "Irgendwas machen" sich als Essay anschließe, das mit Zeilenumbrüchen arbeite; dieser Essay münde dann in ein Gedicht nach den Worten "Ich weiß ein Rezept"; darauf folge ein "Rezept-Gedicht" und das Rezept "Schweinekopfsülze" (WA 1 (2007), S. 178) und schließlich ein "Epilog" (WA 1 (2007), S. 182); anschließend Diskussion nach Fragen der Schüler zu folgenden Themen: - politische Lyrik als "sinnentleerter Protest" (Schüler); keine Ausstrahlung der Gedichte in die Öffentlichkeit (Schüler); "Irgendwas machen" beschäftige sich aber, so Grass, mit den Protestgedichten, die unmittelbare Wirkung erzielen wollten; direkt für den Wahlkampf und mit direkter Wirkungsabsicht habe er nur das Gedicht "Gesamtdeutscher März" geschrieben; auch dessen Wirkung sei nicht nachweisbar; die Funktion eines Gedichtes, Bewusstsein zu verändern, sei aber nicht abstreitbar; wenn er Menschen ansprechen wolle, bevorzuge er andere Formen: die Wahlrede, die Rundfunkdiskussion und die direkte politische Aktion (z.B. Offener Brief). Track 2: Lesung des Gedichts "Der Neubau" aus dem Gedichtband "Ausgefragt" (WA 1 (2007), S. 193) anschließend Diskussion nach Fragen der Schüler zu folgenden Themen: - Verständlichkeit des Gedichts für "einfache Leute" (Schüler); Grass hält die Unterscheidung nach Bildungsgrad für eine "verhängnisvolle Arroganz"; das Gedicht mache Aussagen über die Geschwindigkeit von Kommunikation; dieser Vorgang müsse verkürzt dargestellt werden, nicht in Prosa; das entscheidende Kriterium sei die Genauigkeit; diese können auch, wie im Fall von "Der Neubau", mit einfachen Mitteln erreicht werden; - Genauigkeit vs. Widersprüche: letztere müssen, so Grass, deutlich gemacht werden ("einerseits - andererseits"); Grass verweist auf das Schwarz-Weiß-Denken des Kalten Krieges und auf Formen des Neomarximus in Cuba und in der Tschechoslowakei; auch bei diesen Formen des Neomarximus müsse man differenzieren; - Parteinahme für die SPD; - Politisches Engagement vs. Lyrik: für Grass gehören Engagement und Lyrik zusammen; das Wort "engagiert" sei im Zusammenhang mit Lyrik bzw. Schriftsteller eine Tautologie ("weißer Schimmel"); Schriftsteller müssten sich mit Realität auseinandersetzen und seien daher in jedem Fall engagiert; Grass ist zunächst als Bürger an Politik interessiert, als Schriftsteller habe er aber bestimmte Möglichkeiten; er gehe in die "Provinz" und spreche dort die Menschen an; Grass warnt vor zu utopischen Zielen: utopisch-revolutionäre Ziele würden sich nicht realisieren lassen; Studenten könnten sich einen moralischen Protest erlauben, im Berufsleben würde dann aber Ernüchterung einsetzen und der Protest zum apolitischen Verhalten mutieren; man müss an das Erreichbare und das schon Erreichte denken; - Engagement für die SPD: Grass verhält sich stets kritisch zur SPD; die große Koalition sei unter den gegebenen personellen Voraussetzungen nicht tragbar; die Kritik schließe aber ein weiteres Engagement nicht aus; - Formale und inhaltliche Aussagen von Lyrik: Für Grass provozieren Denkvorgänge bestimmte Formen; obwohl die Zeitumstände anders und nicht mehr nachvollziehbar seien, könne man auch heute noch Gedichte von Walter von der Vogelweide verstehen und auf die Gegenwart projizieren; für die "Ewigkeit" könne man nicht schreiben; - Maßstäbe für die Beurteilung gesellschaftlicher Probleme: Politik sei nur ein Teil der Wirklichkeit; durch den Schreibprozess würden Einsichten dauerhaft in Frage gestellt; für das Schreiben seien "schizoide" Wesenszüge unerlässlich; dies sei bei Romanen bzw. Romanfiguren, die ihr Eigenleben führen würden, besonders deutlich; während sich der Autor in Romanfiguren spalte, könne er in der Lyrik wieder zu einer Position finden. Abschließend liest Grass Gedichte aus dem Band "Ausgefragt": - "Schreiben" (WA 1 (2007), S. 138) - "Mein Freund Walter Henn ist tot" (WA 1 (2007), S. 149)



Urtitel:
Prominente zu Gast - Günter Grass unterhält sich mit Berliner Schülern des Humboldt-Gymnasiums
Anfang/Ende:
Track 1: Herr Grass, herzlichen…in falschen Versen. Track 2: Der Neubau. Beim Ausschachten...auszufüllen - hineinstarren - schlaflos.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Diskussion
Schlagworte:

Person:
Apollinaire Guillaume; Whitman Walt
Werke:
Die Vorzüge der Windhühner; Gleisdreieck; Ausgefragt
Sach:
Lyrik; Prosa; Metapher; Politik; Engagement; SPD; Wahlkampf; Metrik; Neomarxismus; Romanfigur
Geo:
Kuba; Tschechoslowakei
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
23.03.1968
Datum Erstsendung:
20.04.1968
Aufnahmeort:
Berlin-West Tegel, Humboldt Gymnasium
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Mehrere Male Nebengeräusche, Schwankende lautstärke
Original:

Originallänge:
01:17:25
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
01:17:51
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Schulfunk - Schulklassengespräche
Archivnummer:
Z23132 100 u. 200 alte Archivnr.: 351-163
Produktionsnummer:
DZ232132100
Teilnehmende:

Person:
Ossowski, Rudolf (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
unbekannt, (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Prominente zu Gast - Günter Grass unterhält sich mit Berliner Schülern des Humboldt-Gymnasiums. Berlin-West Tegel, Humboldt Gymnasium .

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