Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 1757

Über die Mitbestimmung am Theater

Interview mit Günter Grass über dessen Mitarbeit an den Städtischen Bühnen Frankfurt Frage: Wie lässt sich Grass Funktion am Frankfurter Theater - die erst mit dem Wort "Berater" beschrieben wurde - definieren? Grass: "Beirat" komme der Funktion näher als "Berater"; der Vorschlag sei nicht nur von ihm, sondern auch von Schauspielern und Bühnenarbeitern gekommen; Entscheidungen über den Spielplan sollen dadurch nicht mehr allein bei der Dramaturgie liegen; darüber habe es ein Gespräch mit der SPD-Fraktion Frankfurt gegeben; Grass' Vorschlag ist, dass der Personalrat über den künstlerischen Beirat entscheidet; er will aus seiner Kenntnis heraus Vorschläge machen; die Arbeit eines künstlerischen Beirats sei wichtig für das Klima im Haus und könne mehr liefern als "isolierte Entschlüsse"; die letzte Entscheidung liege aber nach wie vor beim Schauspieldirektor. Frage: Grass' Stellung IN der Hierarchie oder außerhalb? Grass: außerhalb dazu und innerhalb der Bemühungen, Hierarchien abzubauen; einig sei man sich gewesen, dass die bisherige Funktion des Chefdramaturgen ersetzt werden solle durch ein dramaturgisches Team; man suche nach Dramaturgen, die auch Regie führen könnten; auch für Schauspieler sei es sehr wichtig, dass keine einsamen Beschlüsse gefasst würden; für Richard Münch werde es nicht einfach sein, ein neues Ensemble zusammenzustellen; man werde auf Gastschauspieler zurückgreifen müssen, was einerseits teuer sei, andererseits die Ensemble-Bildung nicht befördere. Frage: Kleine Theater wie die Schaubühne in Berlin schließen für einen gewissen Zeitraum, wenn die Stücke noch nicht fertig sind; ein Staatstheater könne sich dies nicht erlauben. Grass: auch dies sei eine zusätzliche Belastung, die nicht aus dem Weg zu räumen sei; die Theaterbesucher würden zu Recht erwarten, dass ihnen das staatliche Theater etwas biete; für die Qualität seien der Schauspieldirektor und der Beirat zuständig; Mitbestimmung sei nicht nur bei Theatern ein wichtiges Thema; die Mitbestimmung am Theater sei aber nicht nur auf soziale Dinge ausgerichtet, sondern besitze auch eine künstlerische Komponente; einen Spielplan könne man dich durch Mehrheitsbeschlüsse zusammenstellen, sondern müsse ihn ausdiskutieren; auch Kompromisse durch Mehrheitsbeschlüsse seien nicht praktikabel. Frage: … weil nicht die Güte der Vorschläge sondern die Stellung in der Hierarchie ausschlaggebend wäre. Grass: stimmt zu; man habe vereinbart, dass das Urteil eines Beleuchters im Beirat genauso viel Gewicht habe wie das Urteil eines Dramaturgen; die Entscheidung liege aber beim Schauspieldirektor; der Spielplan soll durch einige Szenen dem Publikum vorgestellt werden. Frage: Soll der Spielplan VOR dem endgültigen Beschluss dem Publikum vorgestellt werden? Grass: er soll zur Kenntnis gegeben werden; es mache keinen Sinn, einen Spielplan zu beschließen, der auf Widerstände von Außen stoße; auch am Ende einer Spielzeit wolle man eine Art Rechenschaftsbericht in szenischer Form ablegen; dabei sei das Votum des Publikums von Gewicht; das Theater könne Volkshochschulen und Bildungsstätten nicht ersetzen; das Theater arbeite mit den Mitteln der Unterhaltung; ein Teil des Publikums wolle klassische Stücke sehen wie "Nathan der Weise" oder "Sommernachstraum", die Grass sehr befürwortet; in einem städtischen Theater müsse man jedoch auch andere Publikumswünsche berücksichtigen; eine strenge Aufteilung moderner und klassischer Stücke auf kleines und großes Haus lehnt Grass jedoch ab; als Beispiel nennt er "Nathan der Weise" im großen Haus und "Kannibalen" im kleinen Haus, die sich ergänzen würden. Frage: Zusammenhänge zwischen "Nathan der Weise" und "Die Kannibalen"? Grass: Inhaltliche Zusammenhänge; zudem in Bezug auf das Thema Aufklärung/Vernunft; während Lessing der Aufklärung verpflichtet sei, habe man in Deutschland seit Auschwitz die Grenzen der Vernunft kennengelernt; am deutschen Theater habe man in den letzten Jahren viele Mitbestimmungs-Diskussionen erlebt; Grass will kein Mitbestimmungsmodell entwerfen und den Städtischen Bühnen überzustülpen; man müsse es praktisch und gemeinsam ausarbeiten; wenn man in Frankfurt etwas Modellhaftes initiieren könne, müsse sich zeigen, ob andere Bühnen dies übernehmen könnten. Frage: Können Frankfurt und Berlin in Konkurrenz treten? Grass: hält Konkurrenz für sehr gut; für Peter Stein sei die Berliner Schaubühne am geeignetsten. Frage: Konnte Grass sich vorstellen, Intendant oder Schauspieldirektor zu werden? Grass: verneint dies entschieden.



Urtitel:
Ideen - Kontroversen - Kritik: Mitbestimmung am Theater. Beirat oder Berater
Anfang/Ende:
(Anmoderation) In dieser Sendung…überhaupt nicht vorstellen.
Genre/Inhalt:
Theater
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Kooperationsvertrag zwischen Günter Grass und den Städtischen Bühnen Frankfurt im November 1970. Dieser kommt u.a. dadurch zustande, dass der Schauspieler und Regisseur Richard Münch, der "Die Plebejer proben den Aufstand" und "Davor" in Hamburg inszeniert hatte, nach Frankfurt wechselt und Grass als einen geeigneten Mitstreiter ansieht. Die Städtischen Bühnen Frankfurt, die zu dieser Zeit in einer Krise stecken, erhoffen sich Besserung durch die Beteiligung des namenhaften Autors Günter Grass. Zu Grass' Tätigkeit am an den Städtischen Bühnen Frankfurt vgl. auch Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 304ff.

Schlagworte:

Person:
Stein Peter; Münch Richard
Werke:
Nathan der Weise; Die Kannibalen
Sach:
Theater; Bühne; Beirat; Spielplan; Ensemble
Geo:
Frankfurt; Berlin
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
13.02.1970
Datum Erstsendung:
13.02.1970
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:30:01
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:17:26
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Kulturelles Wort und Vorträge 1970
Archivnummer:
Z124954003, alte Archivnr.: 383 487
Produktionsnummer:
DZ1245954003
Teilnehmende:

Person:
Schittheim, Dieter (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Höynck, Rainer (Regie)

Zitieren

Zitierform:

Ideen - Kontroversen - Kritik: Mitbestimmung am Theater. Beirat oder Berater. unbekannt .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export