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DB-Nummer: 1762

Streitgespräch auf dem 3. deutschen Schriftstellerkongress 1974 in Frankfurt am Main

Dokumentation des 3. deutschen Schriftstellerkongresses 1974 in Frankfurt am Main O-Ton Günter Walraff, der darauf von Günter Grass hart kritisiert wird. Ab 4:00: Auszüge aus dem Streitgespräch zwischen Günter Grass, Günter Wallraff, Yaak Karsunke und Heinrich Vormweg: Grass: kritisiert das Literaturverständnis von Günter Walraff als "einseitig" und "beengt"; die Literaturform der Reportage unterstützt Grass zwar, sie schließe aber andere Konzepte wie das von Helmut Heißenbüttel aus; Walraff reduziere den Realitätsbegriff, so das andere Verständnisse von Literatur, auch im VS, unmöglich würden. Wallraff: hat die Angriffe von Günter Grass als unsachlich, diffamierend und denunzierend empfunden; er selbst wolle keine Doktrin setzen, sondern nur eine Position einbringen; die realistische Kunst mache sich zum Sprecher den weniger Priviligierten in der Gesellschaft; dies dürfe in der öffentlichen Diskussion nicht ausgeschlossen bleiben. Karsunke: man müsse Wallraffs Position im Zusammenhang mit einer auch juristischen Diskussion über realistisch-aufklärerischer Literatur sehen (Beispiele: Prozess Siemens vs. Delius, Prozess gegen Engelmann); diese Literatur sei zur Zeit gefährdet, da ihre Autoren durch Anwalts- und Gerichtskosten an den Rand ihres Ruins getrieben würden. Grass: stimmt dem zu, beharrt aber auf die Einengung des Literatur- und Realitätsbegriffs; die wirtschaftliche Situation von Autoren werde sich aber im Werk beispielsweise von Heissenbüttel nicht so niederschlagen wie bei Wallraff; Wallraff versuche, bestimmte Literaturströmungen anzuklagen und zu diffamieren. Karsunke: Wallraff habe nicht Heissenbüttel gemeint; es herrsche ein Klima, auf das auch Walter Jens hingewiesen habe, in dem der Schiller-Preis an Ernst Jünger gehe, der zu den geistigen Wegbereitern des Faschismus gehöre; dieses Klima werde dazu führen, dass sich die Autoren überlegen würden, wie kritisch sie sein sollen. Wallraff: hat versucht, Mut zu machen, gesteht aber auch ein, einiges aus rhetorischen Gründen überspitzt formuliert zu haben. Grass: auf diese überspitzen Formulierungen müsse man antworten dürfen; es gebe sicherlich Autoren, die sich dem öffentlichen Druck und der Zeit beugen würden; diesen Opportunismus werde es immer geben; es gebe aber viele Autoren, die aus einer Form der "Verschlüsselung" nicht heraustreten würden. Karsunke: hat Grass' Kritik an Wallraff als polemisch und unfair empfunden. Grass: zitiert aus Wallraffs Rede. Wallraff: korrigert Grass: hat Wallraffs Worte als nicht kritisch genug empfunden; die Bedrohung des demokratischen Sozialismus müsse man von zwei Seiten her sehen; es gebe nicht nur die Opposition zum Privatkapitalismus, auch der Kommunismus wende sich - oft mit Mitteln des Terrors - gegen den demokratischen Sozialismus; Grass mahnt, in dieser Sache präzise zu sein und das Thema nicht der Springer-Presse zu überlassen. Wallraff: der Rahmen der Veranstaltung sei möglicherweise nicht weit genug; man müsse sich auf die eigenen Probleme konzentrieren. Vormweg: den von Wallraff genannte Rezessions- und Wortverweigerungsdruck würde derzeit jeder Autor spüren und er zeige eine Tendenz im VS, eine möglichst gemeinsame Haltung zu finden. Wallraff: angesichts der sich verändernden Gesellschaft müssten sich auch die Autoren neu definieren; mit dem Grundanspruch zum demokratischen Sozialismus könne man nicht alles lösen. Grass: der Begriff Sozialismus sei immer wieder korrumpiert worden, sowohl durch den Stalinismus als auch durch den Nationalsozialismus; die Begriff müssten klar getrennt werden; in den beiden Blöcken des Privatkapitalismus und des staatlichen Kapitalismus (=Kommunismus) gebe es immer dann parallele Handlungen, wenn der demokratische Sozialismus realisieren will (Beispiele: Tschechoslowakei, Chile); dies müsse zur Kenntnis genommen werden, dem Druck von Außen dürfe man nicht nachgeben; es müsse klare Positionen der Schriftsteller geben; dies wäre vor allem eine Aufgabe von Wallraffs Referat gewesen. Karsunke: es gebe Entwicklungen in der Bundesrepublik, die jeder kritische Autor aufmerksam verfolgen müsse und die misstrauisch machen würden; Wallraff habe genau darauf hingewiesen. Wallraff: wehrt sich dagegen, bei jeden Referat eine grundsätzliche Positionserklärung abgeben zu müssen, wie dies in der DDR Praxis sei. Grass: der Kongress ist einen öffentliche Veranstaltung und müsse dies auch sein; man habe im Verlaufe der Veranstaltung gemerkt, dass das Publikum und u.a. auch Heissenbüttel empfindlich reagiert hätten; die Bereitschaft auch bei jüngen, linksorienterten Leuten, sich differnzierte Meinungen anzuhören, gehe zurück; dies sei eine gefährliche Entwicklung. Wallraff: man versuche, die Schriftsteller vor verschiedene Wagen zu spannen, u,a, einen anarchistisch-linken; man dürfe sich aber nicht vorspannen lassen; sowohl politische Inhaftierungen als auch politische Morde müssten beim Namen genannt werden.



Urtitel:
Der 3. Schriftstellerkongress in Frankfurt. Ein Streitgespräch zwischen Günter Grass, Günter Wallraff, Yaak Karsunke und Heinrich Vormweg.
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Phantasie und Verantwortung…immer wieder geschieht.
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Dritter Kongress deutscher Schriftsteller vom 15. - 18. November 1974 in Frankfurt am Main Auf dem 3. Schriftstellerkongreß, in Frankfurt/Main 15. - 18. November 1974, stehen wichtige doch nicht ganz so spektakuläre Themen wie in Hamburg auf dem Programm. Die Teilnehmerliste verzeichnet nichtsdestotrotz an die 500 Schriftsteller und Journalisten aller Bekanntheitsgrade. Als Gast spricht Bundespräsident Walter Scheel. Dokumentiert ist der Kongress in dem Band „Phantasie und Verantwortung”. Zum Vorsitzenden wird Horst Bingel gewählt, seine Stellvertreter heißen Martin Gregor Dellin und Helmut M. Braem, Beisitzer sind Johannes Poethen, Fred Viehbahn, Dieter Lattmann und Wolfgang Weyrauch. Themen / Reden / Beschlüsse: „Die Gründerzeiten sind im Verband deutscher Schriftsteller (VS) vorbei, jetzt folgt die Zeit geduldiger Kleinarbeit. Dazu bedarf es der Unterstützung jedes einzelnen Kollegen.„, schreibt Horst Bingel im Nachwort der Kongreß-Dokumentation und nennt als Perspektiven der VS-Arbeit für die nächsten drei Jahre: Tarifpolitik, Bildung der Mediengewerkschaft, Verwirklichung der Bibliotheksabgabe, Basisarbeit in den Landesbezirken, Einsatz für Minderheiten im VS, Verbesserung der Honorarsituation, Ausbau internationaler Beziehungen in West und Ost, Befreiung der Autoren von der Mehrwertsteuer, u.a.

Schlagworte:

Person:
Jens Walter; Heißenbüttel Helmut
Sach:
Schriftstellerverband; IG Druck & Papier; Realität; Sozialismus; Kommunismus; Stalinismus; Kapitalismus
Geo:
Sowjetunion; DDR; Tschechoslowakei; Chile
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
21.11.1974
Datum Erstsendung:
21.11.1974
Datumszusatz:
Aufnahmedatum zweifelhaft (vgl. Kongress-Daten)
Aufnahmeort:
RIAS Berlin; Frankfurt am Main
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:43:45
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:18:55
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Kulturelles Wort und Vorträge 1974
Archivnummer:
Z125246 002; alte Archivnr.: 461-604
Produktionsnummer:
DZ125246002
Teilnehmende:

Person:
Wichert, Lothar (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Wallraff, Günter (Vorredner(in))
Person:
Karsunke, Yaak (Vorredner(in))
Person:
Vormweg, Heinrich (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Der 3. Schriftstellerkongress in Frankfurt. Ein Streitgespräch zwischen Günter Grass, Günter Wallraff, Yaak Karsunke und Heinrich Vormweg.. RIAS Berlin; Frankfurt am Main .

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