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DB-Nummer: 1767

Meinungsfreiheit und Ausweisung in der DDR

Frage: Welche Gefahr geht von Künstlern für die DDR aus? Grass: In den Ostblockstaaten werde die Gefährlichkeit der Literatur in dem Maße überschätzt, wie sie in westlichen Ländern unterschätzt werde; die Forderung nach absoluter Parteilichkeit der Schriftsteller gehe auf Lenin, nicht auf Marx, zurück; Praktiken wie die Ausbürgerung seien mit vergleichbarer Konsequenz von den Nazis praktiziert worden; unter dem Verlust an kultureller Substanz werde die DDR selbst leiden: "So blutet man sich aus"; das Land beraube sich der dialektischen Gegensätze und Widersprüche, die der Sozialismus im Sinne von Marx benötige; die Praktiken glichen einem säkularisierten Feudalismus; die Machtkämpfe innerhalb des ZK, die zu solchen "aberwitzigen Beschlüssen" geführt haben, seien kaum zu durchschauen; dies betreffe nicht nur die DDR, sondern auch die Bundesrepublik: man würde die Literatur missachten und die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Veränderungen in Ost und West daher nicht wahrnehmen. Frage: Passt sich die westliche Literatur den Beschränkungen der Meinungsfreiheit an? Grass: man habe immer den "freien Westen" verteidigt, obwohl es in Portugal und Griechenland Diktaturen gegeben hat; auch dort habe es Zensur und Unterdrückung gegeben; selbst Texte von Aristophanes seien zensiert worden; die Bereitschaft, in anderen westlichen Staaten ähnlich mit den Schrifstellern zu verfahren, sei vorhanden; vom Radikalenerlass bis zum Paragraphen 88a gebe es Anzeichen, dass aus Kommunistenfurcht liberale Rechte gestrichen würden; als Beispiel nennt Grass Peter-Paul Zahn, der in die Terroristenszene hineingeraten ist, und vergleicht ihn mit Werner Weinhold; der Freispruch von Weinhold im Westen sei politisch gefärbt und stelle das Rechtssystem in Frage; das Komitee "Freiheit im Sozialismus" versuche, unbekannte verfolgte Schriftsteller zu unterstützen; bekannte Autoren wie Christa Wolf, Robert Havemann und Friedrich Wilhelm Kunhnert würden durch ihre Namen geschützt. Frage: Spanien ist auf dem Wege zur Demokratie, dort finde auch Aussöhnung zwischen den Machthabern und den Intellektuellen im Exil statt. Grass: Nachdem die neue spanische Regierung die Exilautoren zurückgeholt habe, sei Fernando Arrabal der letzte gewesen; Anfang Dezember hat Grass beim ersten Parteitag der Sozialisten ein Wort für Arrabal eingelegt; Willy Brandt als Vorsitzender der internationalen sozialistischen Partei habe dies mit unterstützt; nun könne auch Arrabal nach Spanien zurückkehren; dies sei sehr wichtig, da Arrabal sich in seiner Literatur viel mit Spanien auseinandersetze.



Urtitel:
In dieser Stunde - Korrespondentenberichte aus aller Welt
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Menschenrechte stehen also…nun aushalten müssen.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Ausweisung eines ARD-Korresponenten aus der DDR; Ausbürgerung von Wolf Biermann; Hausarrest für Robert Havemann.

Schlagworte:

Person:
Marx Karl; Lenin Wladimir Iljitsch Uljanow; Wolf Christa; Biermann Wolf; Brandt Willy; Aristophanes; Havemann Robert; Arrabal Fernando; Kuhnert Friedrich Wilhelm
Sach:
Ausweisung; Zensur; Sozialismus; Leninismus; Diktatur; Schriftsteller; Demokratie; Exil; Meinungsfreiheit
Geo:
Griechenland; Portugal; DDR; Spanien; Westeuropa
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
23.12.1976
Datumszusatz:
AD unbekannt
Aufnahmeort:
RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:59:07
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:10:44
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Archivnummer:
Z114646001, alte Archivnr. 495-5797 Bd. 1-2
Produktionsnummer:
DZ114646001
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Kremer, Hanno (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

In dieser Stunde - Korrespondentenberichte aus aller Welt. RIAS Berlin .

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