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DB-Nummer: 1768

Über die Planung des Films "Die Blechtrommel" : Volker Schlöndorff und Günter Grass sprechen über die Vorbereitungsphase

Das Projekt der "Blechtrommel"-Verfilmung könne sich, so Grass, in den schwierigen deutsch-polnischen Begegnungsprozess einfügen; in Polen ist der Roman bislang nicht vollständig erschienen; Drehort für den Film soll u.a. Danzig sein; die Kosten werden etwa sechs bis sieben Millionen DM betragen, noch schiebt der Berliner Senat aber eine Entscheidung um die Finanzierung vor sich her; der Film entsteht in Kooperation des Hessischen Rundfunks mit der Filmproduktionefirma; das Filmprojekt wurde nun von Volker Schlöndorff und Günter Grass öffentlich vorgestellt. Rainer Höynck (?) im Gespräch mit Volker Schlöndorff und Günter Grass: Frage: Begriff der "Verfilmung"? Schlöndorff: Vergleicht sich mit einem Theatermacher, der nicht selber schreibt, sondern nur inszeniert; es ist ihm lieber, wenn ein Stoff bereits literarisch bearbeitet und verdichtet worden ist; Bücher und Filme würden die Wirklichkeit ordnen, die sonst zu konfus sei. Frage: Realismus als übersetzte Wirklichkeit; wie real ist "Die Blechtrommel" für Schlöndorff? Grotesker oder phantastischer Inhalt? Schlöndorff: Gelähmt habe in die phantastische Seite des Buches; erst nach dem ersten Treffen mit Günter Grass habe er verstanden, dass es sich auch um eine Autobiographie handle und sich auf Realität beziehe; dadurch habe er erst Mut für das Filmprojekt gefunden; auch der Film müsse sich von seinem realistischen Gehalt aus ins Phantastische öffnen; der Kinobesucher erwarte etwas zu sehen, was seine Phantasie anspreche. Frage: Schlöndorff hat zusammen mit Fanz Seitz am Drehbuch mitgearbeitet; ist "Die Blechtrommel" für Grass ein abgeschlossenes Werk oder kann Grass auch neue politische Erfahrungen miteinbringen? Grass: das angeschlagene Thema sei das Thema das 20. Jahrhunderts und somit im Gegensatz zum eigentlichen Schreibprozess nicht abgeschlossen; Hauptthema der Blechtrommel sei "Verweigerung und Protest"; die "infantile Prägung" des 20. Jahrhunderts habe nach dem Krieg nicht aufgehört; das Buch sei akutell geblieben und auch der Film werde aktuell sein. Frage: Schlöndorff und Grass haben betont, dass die Dreharbeiten nicht zwingend in Danzig stattfinden müssen; das Buch ist erstaunlicherweise noch nicht in Polen erschienen, Ansätze dazu hat es aber gegeben Grass: ein Buch mache mehrere Rezeptionen und Interpretationen möglich; dem Leser sei die Interpretation freigestellt, auch wenn sie der Intention des Autors entgegenstehe; Grass empfindet es als Bereicherung, wenn kreative Menschen wie Volker Schlöndorff ein solches Projekt in Angriff nähmen; auch er selbst schätze sein Buch möglicherweise anders ein als vor zwanzig Jahren; Bücher würden sich verselbstständigen und würden nur durch die produktive Mitarbeit des Leser zu Leben erweckt. Frage: Werden polnische Zuschauer den Film sehen können, die das Buch nie gelesen haben? Grass: Hält dies für möglich; die Kulturpolitik in kommunistischen Ländern sei wechselhaft; in Polen bestünden allein wegen der geographischen Lage besondere Zwänge; man erhoffe sich bei der Produktion des Filmes Entgegenkommen und Mitarbeit von polnischer Seite; der Roman und auch der Film seien im deutsch-polnischen Grenzbezirk zu verorten, was man aus beiderseitigem Interesse nicht aufgeben sollte; auch politisch liege dies nahe; beim letzten Besuch des Bundeskanzlers in Polen sei deutlich geworden, dass die Entspannungspolitik langsam aber unaufhaltsam sei. Frage: Es gibt Übersetzung der "Blechtrommel" auf polnisch, obwohl das Buch nie erschienen ist. Ist es denkbar, dass nach dem Film auch das Buch erscheint? Grass: "In Polen ist alles möglich"; das Land sei aufgrund seiner Lage stets phantasievoll geblieben; der Bucherscheinung und der Veröffentlichung des Films sieht Grass zuversichtlich entgegen. Frage: Schwierigkeit bei der Besetzung Oskars: Kein wirkliches "Filmkind" Schlöndorff: will sich an diese Schwierigkeit halten, da es darum gehe, Wirklichkeit darzustellen, die sich durch das Kind verkörpere; alles weitere müsse um das Kind herum organisch aufgebaut werden; dafür komme kein geübter Schauspieler in Frage; jede Verfilmung sei eine Zerreißprobe für ein Buch; Schlöndorff hat das Buch mit Kindern gelesen und u.a. mit dem Kind, das er für die Rolle vorsieht; die Kinder würden das Buch sehr gut verstehen. Frage: 1978 werden die Dreharbeiten beginnen; wird man im Jahr 1995 über die Verfilmung des "Butt" sprechen? Grass: hält dies für möglich, Schlöndorff: hat sich mit Grass beim Mittagessen die Besetzungsfrage für eine Verfilmung des "Butt" gestellt; Michel Simon wäre für diese Rolle prädistiniert gewesen, wenn er nicht bereits gestorben wäre.



Urtitel:
Kulturreport: Gespräch Grass-Schlöndorff
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Das Projekt geht…Butt spielen können.
Genre/Inhalt:
Roman
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Vorbereitungsphase zur Verfilmung der "Blechtrommel"

Schlagworte:

Person:
Simon Michel
Werke:
Die Blechtrommel; Der Butt
Sach:
Verfilmung; Roman; Wirklichkeit; Realismus; Film; Leser; Interpretation; Schauspieler; Veröffentlichung
Geo:
Danzig; Polen; Berlin
Zeit:
20. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
15.12.1977
Datum Erstsendung:
15.12.1977
Aufnahmeort:
RIAS Berln
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Teilweise "Telefonqualität"
Original:

Originallänge:
00:42:56
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:12:32
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Kulturreport
Archivnummer:
Z125762002, alte Archivnr.:511-853; 534-224
Produktionsnummer:
DZ125762 002
Teilnehmende:

Person:
Wichert, Lothar (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Schlöndorff, Volker (Vorredner(in))
Person:
Schulz, Peter (Vorredner(in))
Person:
Kohagen, Peter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Kulturreport: Gespräch Grass-Schlöndorff. RIAS Berln .

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Alle Rechte vorbehalten

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