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DB-Nummer: 1776

Gespräch im Literarischen Kolloquium Berlin 1982 : Unter anderem über den Alfred-Döblin-Preis und das Ost-West Verhältnis in Politik und Literatur

Frage: Zum dritten Mal ist der von Grass gestiftete Alfred-Döblin-Preis vergeben worden: Gert Hofmann wird ausgezeichnet für seinen unveröffentlichten Roman "Auf dem Turm"; ist Grass zufrieden mit der Wahl der Jury? Grass: Ist darüber sehr erfreut; Hofmann hat bei den ersten beiden Preisvergaben gelesen; Grass schätzt Hofmanns Bücher, und mit "Auf dem Turm" sei Hofmann "etwas Zwingendes gelungen"; der Roman laufe vom Thema und von der Diktion her auf eine Katastrophe, eine "Entblößung menschlichen Verhaltens" zu; dies habe ihn beim Lesen fasziniert; er habe auch gerne für den wegen Krankheit nicht anwesenden Preisträger 10 Seiten aus dem Manuskript gelesen. Frage: Der Schweizer Gerold Späth ist erster Preisträger des Alfred-Döblin-Preises gewesen, der Österreicher Klaus Hoffer der zweite Preisträger; wird der Preis zum Kennzeichen einer gewissen literarischen Richtung? Grass: Dies sei ungewiss; es habe im Kuratorium und bei ihm selbst Überlegungen zur Preisvergabe gegeben; er [Grass] sei von Beginn an dafür gewesen, kein fertiges Buch auszuzeichnen, sondern ein Manuskript, und den Autor damit bei seiner Arbeit zu unterstützen; aus Erfahrung wisse er [Grass], dass der Autor durch Druck von Außen oft dazu gezwungen werde, das Manuskript zu schnell abzuschließen; die einzige Vorgabe sei, dass die eingesendeten Manuskripte einen epischen Anspruch haben müssten; es sei auch ein Versuch, von der Ich-Bezogenheit der Literatur wegzukommen und das Ich in größere epische Zusammenhänge einzubringen. Frage: Fritz Raddatz hat die Stiftung als Fortführung der Gruppe 47 bezeichnet, auch die Veranstaltung im Literarischen Colloquium Berlin lässt sich in diese Tradition stellen. Grass: Stimmt zu, es gebe aber einige Veränderungen; er habe Hans Werner Richter gebeten, der Vorsitz im Kuratorium zu übernehmen, damit dieser vielleicht doch wieder etwas kreiere, das die abgebrochene Tradition der Gruppe 47 fortsetzen könne; Richter habe einige Fehlentwicklungen der Gruppe 47 revidiert; die großen Kritiker (Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser) hätten in den letzten Jahren der Gruppe 47 die Diskussion zu sehr dominiert; diese seien nun nicht mehr eingeladen und die Autoren würden dadurch ermuntert, selbst in die Diskussion einzugreifen und mehr über das Handwerkliche zu reden; die Veranstaltungen seien, verglichen mit den Treffen der Gruppe 47, vom rhetorischen Gesichtspunkt her weniger glanzvoll, würden sich aber ebenso gut auf den Text konzentrieren, wie dies in den besten Tagungen der Gruppe 47 der Fall gewesen sei. Frage: Themenwechsel: Vor 2 Monaten hatte Stephan Hermlin zum Schriftstellerkongress in Ost-Berlin eingeladen; parallel fand ein Treffen zwischen Erich Honecker und Bundeskanzler Schmidt am Werbellinsee; am 13. Dezember wurde in Polen das Kriegsrecht ausgerufen; ist das Schriftstellertreffen möglicherweise eine "Eintagsfliege" gewesen, obwohl Folgeveranstaltungen (Mai und Juni in Den Haag und Köln) angekündigt sind? Grass: Die Schriftsteller hätten einen Anstoß gegeben, dies sei der Verdienst Hermlins; trotz der Schwierigkeiten in der DDR habe der Kongress doch realisiert werden können; es sei kein "Scheinkongress" gewesen; es habe auch in Westdeutschland Bestrebungen gegeben, den Kongress zu verhindern, z.B. von Seiten der FAZ; von Anfang an sei ein lebhaftes und streibares Gespräch das Ziel gewesen, ebenso wie die direkte Reaktion auf die aktuellen Ereignisse (Kriegsrecht in Polen); Adolf Muschg und er [Grass] hätten dies getan und die Gefährdung des Friedens in verschiedenen Brennpunkten angesprochen; im Falle Polen seien die Großmächte offenbar bereit, ihre Macht zu missbrauchen; dies sei aber auch in Mittelamerika der Fall; aufgrund des Vietnamkrieges und des Verhaltens in Mittelamerika hätten die USA kein Recht mehr, moralische Ansprüche zu erheben; gleiches gelte für die Sowjetunion; diese Meinung habe auf dem Kongress auch Widerspruch erfahren; wichtig sei auch gewesen, dass sich Ost und West nicht als zwei Lager gegenüber gestanden hätten; es gebe Grund zu der Hoffnung, dass die Friedensbewegung auch ihre Entsprechung in der DDR finden werde; es gebe zwar auch Widerstände, aber auch in Westdeutschland habe es Widerstände gegen die Friedensbewegung gegeben; der Kongress sei bewegend und überraschend gewesen; hinzu kommen, dass der Kongress sich wiederspiegeln werde in der Akademie der Wissenschaft: Protokoll und Wortlaut der Diskussion würden in der DDR veröffentlicht; in der BRD erscheint in diesen Tagen, herausgegeben vom Luchterhand Verlag, ebenfalls die gesamte Diskussion; wünschenswert wäre, dass Politiker dieses Buch benutzen würden und sich damit befassen würden, was Schriftsteller zum Thema Frieden einfiele; Beispiel: Peter Härtling, der darauf hinweise, dass die Sprache nicht auf den Frieden vorbereitet sei; über diese Dinge müsse man nachdenken. Frage: Bernd Engelmann hat auf die Gesamtauflage der Kongressteilnehmer hingewiesen, um eine Art von Selbstbewusstsein der "Friedensinitiatoren" zu stärken oder festzuhalten; ist dies nicht eine Überschätzung dessen, was Schriftsteller und Intellektuelle zu bewirken vermögen? Grass: Was man anstoßen könne, sei eine andere Frage; Schriftsteller und Intellektuelle seien aber nicht die "wirklichkeitsfremden Narren" als die sie dargestellt würden; in der Politik gebe es allzu viele Menschen, die Macht hätten und wie der amerikanische Präsident "mittelmäßige Schauspieler" seien und die von enfernten Kontinenten und Ländern und deren Kultur keine Kenntnis hätten; dies sei beänstigend; die Mischung aus Inkompetenz und Wille zur Macht nehme immer mehr zu; Beispiele: Militärs in Polen, Beamtenapparat in der Sowjetunion, aber auch die Präsidentschaftkandidaten in den USA, die sich durch "Ge- und Missbrauch der Medien" und Bestechung an die Macht kämen und diese Macht missbrauchen würden; vielleicht gebe es aber Menschen, die die Zwischentöne des Kongresses und die Möglichkeiten der Kultur wahrnehmen können; letzteres sei eine geringe Chance, die man aber nicht überschätzen dürfe; das Selbstbewusstsein der Schriftsteller sei berechtigt, denn es sei eine Leistung, in deinem zerstörten Land eine neue Gegenwartsliteratur entstehen zu lassen; es sei damit etwas zustande gekommen, das trotz Trennung und Zweistaatlichkeit in Verantwortung für Frieden und Sprache gesamtdeutsch auftrete. Frage: Sieht Grass sich bestärkt in der Meinung, dass es eine gesamtdeutsche Literatur und eine Kulturnation gibt? Grass: Stimmt zu, sieht aber, dass beides gefährdet sei, solange die Frage der Nation ausgeklammert werde oder versucht werde, die Nation ausschließlich politisch zu definieren, also im Sinne von Wiedervereinigung; dies würde die heutigen Möglichkeiten verbauen, z.B. den Rückgriff auf den Begriff "Kulturnation" im 19. und 18. Jahrhundert; heute gebe es die Möglichkeit, einen Nationbegriff zu finden, der die beiden deutschen Staaten wahrnehme und als zwei Staaten einer Kulturnation behandle; dies sei ein Nationverständnis, dass der deutschen Geschichte entspreche und auch von den deutschen Nachbarn angehem wäre; diese Art von Nationverständis müsse aber erarbeitet werden, im politischen Bereich gebe es hier zu wenig Bemühungen; die Gesellschaft in beiden deutschen Staaten sei fast unheilbar materialistisch geprägt; man habe sich in Ost und West zu sehr an materielle Werte gehalten, als dass man die Chance des Konzepts "Kulturnation" sofort aufgreifen könnte; ob dazu Zeit bliebe, sei aber fraglich; auch der Bereich der Kultur sei anfällig. Frage: Sind die Literaturen der BRD und der DDR sich näher als etwas die Literatur der BRD der Literatur Österreichs oder der Schweiz? Grass: In einem bestimmten Bereich seien sich BRD- und DDR-Literatur näher; Uwe Johnson sei mit seinen ersten drei Prosabüchern ("Mutmaßungen über Jacob", "Das dritte Buch über Achim", "Zwei Ansichten") der wichtigste Autor, der von der DDR in den Westen gegangen sei; Christa Wolf antworte mit "Der geteilte Himmel" auf ihn und habe damals noch ihre eigenen Möglichkeiten als Parteimitglied sehr optimistisch eingeschätzt; die weiteren Entwicklungen bei Johnson und Wolf wiesen sehr starke Bezüge auf (auch zu anderen Autoren wie Walser und Grass selbst); es gebe also einen stärkeren oder auch leidenschaftlicheren Dialog zwischen DDR- und BRD-Literatur als etwa zwischen Frisch / Dürrenmatt und den BRD-Autoren; selbst artistische Autoren würden in Deutschland auf die Realitäten in beiden deutschen Staaten zurückgeworfen. Frage: Sind die Friedensbemühungen durch die Ereignisse in Polen widerlegt? Sind die Ereignisse ein Grund zur Resignation? Grass: Widerlegt nicht, aber erschwert; die Ereignisse in Polen würden aber Treffen wie den Kongress noch notweniger machen, denn der Friede sei durch eine zusätzliche Art und Weise gefährdet; es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass eine Fortsetzung der Treffen in Frage stehe. Frage: Kann auf die polnische Entwicklung Einfluss genommen werden? Grass: Wenn man über Polen und das Unrecht in Polen spreche, müsse man auch über das Unrecht sprechen, dass der Westen in der Welt selber verursache; zu Polen dürfe man zwar nicht schweigen, aber als Moralwächter sei man nicht glaubwürdig.



Urtitel:
Interview mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Herr Grass, zum …auch verstehen könnte.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Der Alfred-Döblin-Preis ist ein nach Alfred Döblin benannter Literaturpreis für unveröffentlichte Prosa, der 1979 von Günter Grass gestiftet wurde. Literarisches Colloquium Berlin und die Akademie der Künste (Berlin) richten den Literaturwettbewerb alle zwei Jahre aus. Der Preis war im Lauf seiner Geschichte mit unterschiedlichen Summen dotiert; 2007 und 2009 betrug die Preissumme 15.000 Euro. Seit 2007 wird der Preisträger durch ein "Wettlesen" bestimmt. Die Nominierten werden ins Literarische Colloquium Berlin eingeladen, wo sie ihre Texte vortragen und zur Diskussion stellen. Die Lesungen der Nominierten werden - ebenfalls seit 2007 - mitgeschnitten und bei Literaturport als Hörprobe veröffentlicht. Der Preisträger wird direkt im Anschluss an die Lesungen von der Jury bestimmt; die Preisverleihung findet traditionell am nächsten Tag in der Akademie der Künste statt. Preisträger

Schlagworte:

Person:
Reich-Ranicki Marcel; Kaiser Joachim; Hofmann Gert; Richter Hans-Werner; Muschg Adolf; Späth Gerold; Engelmann Bernt; Hoffer Klaus; Raddatz Fritz J.; Schmidt Helmut; Honecker Erich; Härtling Peter; Johnson Uwe; Wolf Christa
Werke:
Auf dem Turm
Sach:
Alfred-Döblin-Preis; Gruppe 47; Manuskript; Friedensbewegung; Schriftstellerkongress; Kulturnation
Geo:
Berlin; Polen; Sowjetunion; DDR; USA; Köln; Den Haag; Mittelamerika
Zeit:
18. Jahrhundert; 19. Jahrhundert
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
26.02.1982
Datumszusatz:
AD unbekannt
Aufnahmeort:
RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:22:45
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:22:45
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Archivnummer:
Z132999 002; alte Archivnr.: 566-298
Produktionsnummer:
DZ132999 002
Teilnehmende:

Person:
Kremer, Hanno (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Interview mit Günter Grass. RIAS Berlin .

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