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DB-Nummer: 1777

Reflektionen über die Revolution in Nicaragua : Sandinistische Revolution

Günter Grass, Johano Strasser und Franz Alt waren auf Einladung des Kulturministers Ernesto Cardenal eine Woche lang in Nicaragua; ihre Eindrücke waren positiv: Die Revolution habe den Ärmsten des Landes geholfen, die Alphabetisierungskampagne trage Früchte; Günter Grass sprach von einem bemerkbaren "kulturellen Erwachen". Ausschnitt aus einem über einstündigen Gespräch zur Situation in Nicaragua Frage: In Nicaragua machen Poeten Politik - Grass hat sich bei seinem Aufenthalt aber nicht nur um Kultur und Kulturrevolution gekümmert. Grass: Die Gespräche hätten sich in erster Linie um wirtschaftliche und soziale Probleme gedreht, für die Themen Kultur und Kulturrevolution sei keine Zeit geblieben; die Revolution habe aber durch ihre Verbindung mit dem Katholizismus insgesamt etwas Schöperisches; die Sandinistische Revolution sei einzigartig; andere große Revolutionen seien gekennzeichnet von Kämpfen, Rache, Hinrichtungen, Deportationen; die Mitglieder der alten Regierung Samoza seien größtenteils nach Honduras oder in die USA geflüchtet, andere seien inhaftiert. Frage: Wie werden die Samoza-Anhänger in den Gefängnissen behandelt? Grass: ist überrascht gewesen, dass Nicaragua einen modernen Strafvollzug versuche; der Innenminister Tomás Borge ist unter Samoza inhaftiert gewesen; einen vergleichbaren humanen Strafvollzug gebe es in keinem anderen Land der Dritten Welt, nicht einmal in vielen westeuropäischen Ländern; selbst in der Bundesrepublik werde ein solcher Strafvollzug von konservativer Seite bekämpft. Frage: Ist die sandinistische Revolution ein Ableger Kubas oder etwas Neues? Grass: Die von den Sandinisten ausgehende Bewegung sei eine neue Art von Revolution, nicht vergleichbar mit der in Kuba; in Nicaragua sei die Revolution von unten entstanden und sei nicht aus sozialisten Gedanken, sondern aus christlichem Engagement heraus entstanden; dieses Modell einer neuen Revolution sei sowohl für die USA als auch für die Sowjetunion unbequem. Frage: Was hat die Revolution konkret für die Bevölkerung gebracht? Grass: Bei den dortigen Indianern habe sich herausgestellt, dass 80% der Männer aufgrund der Armut unter Tuberkolose leidet; diese Männer würden nun gesundheitlich versorgt und bekämen zum ersten Mal eine Rente; es gebe überall im Land nachweisbare soziale Veränderungen wie u.a. die Alphabetisierungskampagne; vieles stecke noch in den Anfängen, die Schulen seien primitiv und würden zum Teil von Kubanern geleitet; die Alphabetisierungskampagne sei zwar gut, würde aber auch neue Probleme aufwerfen. Frage: Welchen Einfluss hat die Opposition auf die Bevölkerung? Unterstützt die Bevölkerung die Revolution oder die Opposition? Grass: die Mehrheit der Bevölkerung habe nicht vergessen, was eine Regierung wie die unter Samoza bedeuten würde; die Mehrheit profitiere von der Revolution und würde sie auch weiterhin unterstützen; der Westen dürfe in solch kurzer Zeit nicht zu viel erwarten; im Westen habe man in den letzten Jahren eher Einschränkungen der demokratischen Rechte hinnehmen müssen. Frage: Ist Zensur mit dem pluralistischen Konzept der Sandinisten vereinbar? Grass: verneint; die Zensur im militärischen Bereich werde befürwortet, man erkenne, dass sich Nicaragua im Zustand militärischer Bedrohung befinde und verurteile die Politik der USA gegenüber Nicaragua, sehe aber die Zensur, die über den militärischen Bereich hinausgehe, als falsch an. Frage: Konnte Grass seine Erkennisse in praktische Hilfe einfließen lassen? Grass: Zusammen mit den anderen Reisenden hat Grass sich ein Projekt in der Größenordnung von 40.000 DM überlegt; von dem Geld soll eine Schmiedewerkstatt für landwirtschaftliche Geräte errichtet werden. Frage: Findet Grass es problematisch, dass Poeten Politik machen? Grass: Es sei nicht einfach für die Politiker, literarische Projekte hintenan zu stellen; die Priorität dieser Politiker liege aber in der Fortführung der Revolution; nach drei bis vier Jahren könne sich die Revolution beruhigen, dann könnten auch einige der Schriftsteller-Politiker "von der Politik Urlaub machen". Frage: Spielt es für die Bevölkerung in Nicaragua eine Rolle, dass Schriftsteller Politik machen? Grass: ist überrascht gewesen, wie sachkundig diese Politiker seien; die Existenz als Schriftsteller teile sich eher nebenbei mit; Poeten würden in Nicaragua aber sehr geschätzt; daran könne man sich in Deutschland ein Beispiel nehmen, wo Schrifsteller mit Ratten und Schmeißfliegen verglichen wurden. Frage: Beziehung der Bevölkerung zum Nationaldichter Rubén Dario? Grass: Selbst in den elelndsten Hütten finde mann noch Bilder oder Büsten von Dario; eine solche Präsenz eines Nationaldichters sei in Deutschland nicht vorstellbar. Frage: Anderer Nationaldichter Augusto César Sandino? Grass: Auch dieser sei überall vertreten.



Urtitel:
Kulturreport Eindrücke und Reflektionen des Schriftstellers Günter Grass nach einer Reise durch Nicaragua
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Es gibt positiv…so ergangen dort.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Günter Grass reist Ende August zusammen mit Johano Strasser und Franz Alt nach Nicaragua. Die Springer-Presse wirft Grass daraufhin vor, er habe sich vom Sandinisten-Regime einladen lassen und beschönige deshalb die Zustände im Land. Franz Alt verteidigt Grass in seinem Nicaragua-Bericht im Spiegel vom 13. September 1982 gegen diese Vorwürfe. (vgl. auch Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 407ff) Als „Revolution“ wird in Nicaragua heute zumeist die Zeit der ersten Herrschaft der Sandinisten von 1979 bis 1990 bezeichnet als die FSLN-Regierung 1979 die Schulpflicht für Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren durch gebührenfreie Schulen durchsetzte. Durch die 1980 und 1981 folgende landesweite Alphabetisierungskampagne wurde der Anteil von Analphabeten in der Bevölkerung von 50 Prozent (1979) auf 12 Prozent gesenkt.

Schlagworte:

Person:
Sandino César Augusto; Strasser Johano; Alt Franz; Cardenal Ernesto; Somoza Anastasio; Dario Ruben
Sach:
Revolution; Kultur; Kulturrevolution; Schriftsteller
Geo:
Nicaragua; Sowjetunion; USA; Kuba
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
02.09.1982
Datum Erstsendung:
02.09.1982
Aufnahmeort:
RIAS berlin
Sprachen:
unbekannt
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:44:39
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:19:08
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Kulturreport
Archivnummer:
Z127543003, alte Archivnr.:587-822
Produktionsnummer:
DZ127543003
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Höynck, Rainer (Beitragende(r))
Person:
Schumann, Peter B. (Beitragende(r))
Person:
Wichert, Lothar (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Kulturreport Eindrücke und Reflektionen des Schriftstellers Günter Grass nach einer Reise durch Nicaragua. RIAS berlin .

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