Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 1779

Günter Grass als neuer Präsident der Akademie der Künste Berlin : Gespräch über Anforderungen, Aufgaben und Öffnung der Akademie

Frage: Eine Zeitung begrüßt die Wahl von Günter Grass zum Präsidenten der Akademie der Künste Berlin, er selbst beschreibt sein Programm als "schöpferische Unruhe" - auf die Akademie oder auf die Außenwirkung bezogen? Grass: auf die Akademie bezogen; die provizierte "schöpferische Unruhe" der Akademie habe aber auch eine Wirkung nach Außen; er habe darauf hingewiesen, dass es existzenbedrohende Krisen gebe (atomare Bedrohung, Umweltzerstörung, Verelendung in der Dritten Welt); diesen Gründen dürfe sich keine Institution verschließen; die Berliner Akademie sei im Vergleich zu anderen Akademien eine "Arbeitsakademie" und darum motivationsfähig. Frage: Politische Möglichkeiten von Grass und der Akademie? Grass: Die Akademie habe den Auftrag, beratend tätig zu sein; sie müsse dafür sorgen, vom Berliner Senat rechtzeitig informiert zu werden (z.B. über Bauvorhaben); die wachsende Arbeitslosigkeit sei sturkturbestimmt, Arbeitsplätze würden wegrationalisiert; mit der entstehenden Freizeit müsse man erst umzugehen lernen; diese Freizeit müsse man als Muße verstehen, die wiederum Voraussetzung sei für die Auseinandersetzung mit Kunst; in diesem Zusammenhang sei die Einflussnahme auf den Schulunterricht bedeutsam: Kunst- und Musikerziehung seien vernachlässigt worden; auch in diesem Bereich könne die Akademie ihre beratende Funktion nutzen. Frage: Bei der Akademie gibt es keine Abteilung für Medien, das öffentlich-rechtliche Mediensystem steht aber derzeit auf dem Prüfstand. Grass: Überlegungen dazu habe die Akademie schon vor zehn Jahren angestellt; die Überlegungen zu einer "Medien"-Abteilungen seien zögerlich verlaufen, auch von Senats-Seite; in den letzten Jahren habe man aber Gründungsmitglieder gewählt, und man warte nun darauf, dass das entsprechende Gesetz verabschiedet werde; die Zusammenarbeit mit den gewählten Gründungsmitgliedern wolle man aber bereits aufnehmen; es seien Probleme durch die Veränderungen im Medienbereich absehbar; die Akademie müsse sich auch diesem Thema stellen. Frage: Auf welche Mitstreiter hofft Grass angesichts der vielfältigen Themen und angesichts der Überalterung der Akademie? Grass: kann als Präsident nur allgemeine Empfehlungen geben; die Gefahr bestehe, dass man den Kontakt mit der jungen Generation verliere; auf diesen Punkt will Grass hinweisen; die Akademie müsse auch mehr die Möglichkeit nutzen, auf die DDR zu schauen; in der Literaturabteilung gebe es einige Autoren, die noch in der DDR leben (z.B. Christa Wolf); dies führe zu "wohltuenden Spannungen" in der Akademie; die Abteilung "Bildende Kunst" habe dagegen keine DDR-Kontakte; man müsse die Möglichkeit nutzen, mit Mitgliedern aus der DDR einen Dialog zu beginnen; dieser sei unter Politikern noch sehr schwer. Frage: Interna, die nicht so sehr an die Öffentlichkeit gekommen sind wie beispielsweise das Friedensgespräch der Schriftsteller? Grass: Das Friedensgespräch der Schriftsteller sei in Ost-Berlin begonnen worden und inzwischen auch in der Akademie ausgetragen worden; das dritte geplante Gespräch im Dezember werde sich anders zusammensetzen; als Ort sind Stationierungsgebiete für Pershing-II-Raketen vorgesehen; es stelle sich die Frage, ob die Akademiemitglieder dazu bereit wären, auch Aufeinandertreffen mit der Polizei in Kauf zu nehmen. Frage: Wie könnte es auf die Öffentlichkeit und die Akademie selbst wirken, wenn Akademie-Mitglieder verhaftet werden? Grass: will sich selbst als Präsident in dieser Hinsicht keinen Zwang auferlegen. Frage: Wie weit werden die Mitglieder dem Programm ihres Präsidenten folgen? Grass: Bei der Wahl seinen verschiedene Positionen sichtbar gewesen; streitbare Auseinandersetzungen sind Grass Recht.



Urtitel:
Kulturreport
Anfang/Ende:
Als Sie, Günter…wird belebend wirken.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Günter Grass wird am 4. Juni 1983 mit knapper Mehrheit zum Präsidenten der Akademie der Künste Berlin gewählt Zu Grass als Präsidenten der Akademie vgl. auch: Zimmermann - Günter Grass unter den Deutschen, S. 417ff. Zur angesprochenen geplanten Medien-Abteilung der Akademie der Künste: Die Sektion Film- und Medienkunst wurde 1984 auf Initiative von Günter Grass als sechste Abteilung der Akademie der Künste gegründet. Ihre Mitglieder sind Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren und Szenografen für Spiel- und Dokumentarfilme in Film und Fernsehen, Fotografen, Hörspielautoren, Medienkünstler, Filmhistoriker und Filmwissenschaftler. Schwerpunkt der Arbeit der Sektion ist die Beschäftigung mit dem gegenwärtigen Stand und der Zukunft der Medienkultur. Die Sektion beschäftigt sich in Einzelveranstaltungen und Reihen mit medialen Kunstwerken, deren gedanklichem Umfeld und gesellschaftlichen Kontexten. Sie veranstaltet Foren zu aktuellen Problemen der Medien und begreift sich als Ort der Begegnung zwischen den medialen Künsten und anderen Bereichen des wissenschaftlichen Nachdenkens. Die Veranstaltungen der Sektion sind sowohl intern wie öffentlich. (Quelle: http://www.adk.de/de/akademie/sektionen/film-medien-kunst/)

Schlagworte:

Person:
Wolf Christa
Sach:
Akademie der Künste; Atomare Bedrohung; Dritte Welt; Arbeitslosigkeit; Medien; Pershing II; Präsident; Umweltzerstörung; Freizeit
Geo:
Berlin; DDR
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
16.06.1983
Datum Erstsendung:
16.06.1983
Aufnahmeort:
RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:52:54
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:13:27
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Kulturreport:
Archivnummer:
Z128179001, alte Archivnr.: 602-336
Produktionsnummer:
DZ128179001
Teilnehmende:

Person:
Wichert, Lothar (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Kulturreport. RIAS Berlin .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export