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DB-Nummer: 1790

Das Verhältnis Deutschlands zu den USA : Aus dem 5. Wewelsflether Gespräch anlässlich des Besuchs von US-Präsident Ronald Reagan

Anlässlich des Besuches von US-Präsident Ronald Reagan werden drei kritische Demonstrationen erwartet; bei einer von ihnen werden auch die SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski und Oskar Lafontaine sprechen; CDU und CSU kritisieren dies als offenen Antiamerikanismus. Ausschnitte aus dem 5. Wewelsflether Gespräch anlässlich des Besuches von US-Präsident Reagan, das von Bjorn Engholm (SPD, Oppositionsführer im Kieler Landtag) geleitet wird. Björn Engholm: man müsse kritisch über amerikanische Politik auch mit dem Amerikaner selbst diskutieren; die Beziehungen zu Amerika seien zu wichtig, als dass man sie allein den Amerikanern überlassen dürfe; kritische Äußerungen mit Antiamerikanismus gleichzusetzen sei - dies betone auch Günter Grass - nicht zulässig; Antiamerikanismus sei nicht weniger "töricht" als Antisowjetismus. Umfrageergebnisse der letzten Jahre in der Bundesrepublik belegen weit über 50% Sympathie für Amerika. Jurek Becker: Der sich in Anfängen befindliche Amerikanismus werde von vielen überbewertet; in der Presse, vor allem in der mit Rechts sympathisierenden Presse, werde das Thema zu groß dargestellt; es werde dort vor einer Gefahr gewarnt, die faktisch nicht existiere; das Verhältnis der Regierungen sei unproblematisch, da die Bundesregierung "bis in die letzten Kapillaren domistiziert" sei; für die Hilfe durch den Marshall-Plan sei man offenbar immer noch dankbar, dies werde wohl auch in 100 Jahren noch so sein; bei den Intellektuellen gebe es eine sehr kritische Haltung gegenüber den USA; im Kulturbereich spiele diese Kritik möglicherweise eine wichtige Rolle; im öffentlichen Bewusstsein sei diese Haltung nebensächlich. Günter Grass hat zwiespältige Gefühle gegenüber den USA; bestimmte basisdemokratische Impulse sind für Grass ohne die Anregung aus den USA nicht denkbar; diese basisdemokratischen Bewegungen betrachten aber auch die weltpolitische Rolle der Vereinigten Staaten kritisch und schließlich am Vietnam-Krieg. Günter Grass: Der Umbruch habe in der Zeit des Studentenprotestes stattgefunden; der Protest habe sich an der Unterstützung des Schah-Regimes im Iran entzündet; man habe einer kriegsgeschädigten Generation verkaufen wollen, dass durch die Krieg die Freiheit verteidigt würde; es seien aber andere Interssen gewesen als die Freiheit Vietnams; es habe sich ein kritische Verhältnis zur "Schutzmacht" USA entwickelt, das auch in dem Verhältnis der DDR zur Sowjetunion gespiegelt sei; dies habe auch mit der Enstpannungspolitik in den 1970er Jahren zu tun; der Besuch Kennedys sei darum ein so großes Ereignis gewesen; Kennedy habe im Gegensatz zu Reagan tatsächlich Kenntnis von Europa gehabt; Bewunderung und Kritik nebeneinander seien notwenidige Vorgänge im Verhältnis zu den USA und hätten mit Antiamerikanismus nichts zu tun; was in der "rechten Presse" als Antiamerikanismus bezeichnet werde, würde von den meisten Amerikanern als Selbstverständlichkeit gesehen werden; im Falle seiner Nicaragua-Kritik sei er (Grass) nicht dem Vorwurf des Antiamerikanismus ausgesetzt gewesen, weil auch seine schärfste Kritik noch weit unter dem liege, was die Amerikaner selbst kritisieren würden. Shephard Stone (Direktor des Aspen-Instituts; Ehrenbürger Berlins) zur Entwicklung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses in den letzten 40 Jahren: Die Haltung gegenüber den USA habe sich seit dem Besuch von Kennedy in Berlin geändert; auch in den kommenden Jahren werde sich das Verhältnis ändern; wenn Europa stärker werde, würde der Einfluss der USA in Europa natürlich sinken; dies gelte auch für Deutschland; die meisten Amerikaner würden sich darüber aber keine Gedanken machen; auch die großen Zeitungen wie die New York Times würden wenig über Europa berichten; Reagan stünde aber der Bundesrepublik viel freundlicher als seine Vorgänger Carter und Kennedy; dass die USA ihre Zukunft eher im Verhältnis zu Japan oder Korea sehen würden, sei eine falsche Meinung; In Reagans Kabinett gebe es viele Harvard-Leute. In der Kritik steht das amerikanische Raketenprogramm SDI (Strategic Defense Initiative); im Zusammenhang damit kommt bei den Wewelsflether Gesprächen die Frage auf, ob sich die BRD mit dem Status eines Satteliten der USA abgefunden habe. Zum Sateliten-Verhältnis Deutschlands gegenüber den USA: Jurek Becker: Das Sateliten-Verhältnis sei geschickt "designed", aber de facto vorhanden Walther Leisler Kiep: Die BRD sei der "größte Verbraucher von in Amerika produzierter Sicherheit"; auf das Militärbündnis und auf die Führungsmacht im Bündnis sei man angewiesen; das Verhältnis führe aber zu Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlichen Stellungnahmen; die BRD müsse nicht alles kritiklos übernehmen, was die USA vorgäben; SDI sei ein Beispiel dafür; im Gegensatz zu dem westlichen Bündnis sei ein Austritt auf dem Warschauer Pakt nicht möglich; in Prag 1968 und in Ungarn sei ein solcher Austritt versucht worden und von der Führungsmacht Sowjetunion verhindert worden; Griechenland könne dagegen am morgigen Tag aus der NATO austreten; für die beiden deutschen Staaten bestehe die Hoffnung, dass sich ihr Verhältnis dadurch besser, dass sie in ihren Bündnissen verblieben. Engholm: fragt sich, welche Chancen für Deutschland bestehen, auf die Außenpolitik der USA einzuwirken, und welche bestanden haben (Vietnam, Chile u.a.). Leisler Kiep: Die Bundesregierung habe im November 1982 den USA deutlich gemacht, dass die BRD keine wirtschaftlichen Sanktionen gegen die Sowjetunion als Mittel der Außenpolitik mittragen werde; die wirtschaftlichen Beziehungen seien wichtig für das Verhältnis zu der Sowjetunion; Europa müsse lernen, mit eigener Stimme zu sprechen; von 1968 bis 1979 seien die USA auf die Sowjetunion zugegangen, um Spannungen auszuräumen, und hätten dabei auf imperialistische Absichten (z.B. in Afrika) und auf neue Waffensysteme verzichtet; erst in Reaktion auf die Afghanistan-Invation der Sowjetunion sei es zu der Politik gekommen, die jetzt kritisiert werde; Reagan sei u.a. für seine Außenpolitik gewählt worden. Hans-Jochen Vogel: Zwischen der Bundesrepublik und den USA gebe es viele Übereinstimmungen, u.a. auch in der Frage des Verhältnisses zwischen dem Staat und dem Einzelnen; Amerika habe einen wesentlichen Beitrag in der Anti-Hitler-Koalition geleistet; zwischen den Interessen der USA und denen der BRD gebe es aber deutliche Unterschiede; die Amerikaner hätten weltweite Interessen, die den sozialdemokratischen Auffassungen der Deutschen oft widersprechen würden; bei allen Vorbehalten gegenüber der jetzigen Situation in Nicaragua seien die Unterschiede zum früheren Verhalten der USA gegenüber Nicaragua sehr augenfällig und kritikwürdig; derartige Unterschiede gebe es aber auch an anderer Stelle; es sei unverständlich, warum die USA die Urteile des Internationalen Gerichtshofes in Abrede stelle; wenn es um ihre eigenen Interesse gehe, greife die Weltmacht USA offenbar zu Verhaltensweisen, die seine [Vogels] Zustimmung und die der Deutschen nicht erhalten könnten; auch auf wirtschaftlichem Gebiet bestehe ein deutlicher Interessensgegensatz; für die weltweiten wirtschaftlichen Probleme sei die Administration der USA eine entscheidende Ursache; dass die USA zum Weltschuldnerstaat würden, sei nicht akzeptabel; diese Politik müsse korrigiert werden; auch innerhalb des Bündnisses gebe es erhebliche Meinungsverschiedenheiten, die Beispielsweise zum Thema SDI offen ausgetragen worden seien; zentral sei die Frage, ob der Frieden mit technischen Mitteln bewahrt werden müsse, oder ob dies eine politische Aufgabe sei; letzteres wird für wahrscheinlicher gehalten [von Vogel / der SPD]; die Bundesregierung habe seit 1982 weniger ihren Einfluss geltend gemacht, Kritik sei oft unterblieben; nach geltenden Vereinbarungen sei man aber Verbündeter der USA; man dürfe nicht zum "Vasallen" der USA werden, diese Grenze sei bereits mehrmals berührt und überschritten worden; es werde wohl vorerst nie dazu kommen, dass die Bundesrepublik ihre Interessen gegenüber den USA durchsetzen könnte; wer dies wolle, müsse eine Einigung Europas befürworten; es sei fraglich, ob Europa zum Schauplatz der Interessensgegensätze der Großmächte werden würde, oder ob Europa mit seiner Wirtschaftskraft und seiner Geschichte es vermöge, mit einer Stimme zu sprechen, ohne eine weitere Weltmacht zu werden und Konflikte entschärfen zu können. Engholm: In den USA gebe es kaum Vorstellungen davon, was es bedeuten würde, in Deutschland zu leben oder z.B. mit der Entspannungspolitik vertraut zu sein; in ihrem politischen Bewusstsein seien die Amerikaner weit entfernt von Europa. Stone: widerspricht Björn Engholm; es gebe 600.000 amerikanische Familien in Deutschland und kein Amerikaner wolle einen Krieg in Europa. Vogel: man habe mit den Amerikanern eine gemeinsamen Grundüberzeugung über die Organistation einer Gesellschaft; mit der Sowjetunion gebe es diese gemeinsame Überzeugung nicht; mit der Sowjetunion verbinde aber die Erfahrung was es bedeute, wenn fremde Armeen in das eigene Land einfallen und Menschen töten würden; diese Erfahrung hätten die Amerikaner nie gemacht. Leisler Kiep: in die Weltpolitik könnten die eigene Erfahrungen einfließen; die Europäer könnten den Amerikaner deutlich machen, dass die Dritte Welt Problematik nicht als ein Teil der Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und Amerika gesehen werden dürfe.



Urtitel:
40 Jahre Deutsch-Amerikanische Nachkriegsbeziehungen - 5. Wewelsflether Gespräch
Anfang/Ende:
(Anmoderation, setzt abrupt ein) Zeiten Eisenhauers oder…Vereinigten Staaten erlebt hat. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Günter Grass ist zusammen mit Björn Engholm Initiator der Wewelsflether Gespräche.

Schlagworte:

Person:
Reagan Ronald; Lafontaine Oskar; Engholm Björn; Wischnewski Hans-Jürgen; Kennedy John Fitzgerald
Sach:
Antiamerikanismus; Außenpolitik; Entspannungspolitik; NATO
Geo:
USA; Vietnam; Nicaragua; Europa; Japan; Korea; DDR
Zeit:
1970er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
27.04.1985
Datumszusatz:
AD nicht genannt
Aufnahmeort:
Wewelsfleth, RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:29:17
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:29:20
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sender / Institution:
ARD
Sendereihe:
Studio Bonn berichtet
Archivnummer:
Z 26430900, alte Archivnr.: 634 291
Produktionsnummer:
DZ26430900
Teilnehmende:

Person:
Engholm, Björn (Beitragende(r))
Person:
Becker, Jurek (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Vogel, Hans Jochen (Beitragende(r))
Person:
Leisler Kiep, Walther (Vorredner(in))
Person:
Stone, Shepard (Beitragende(r))
Person:
Hohrmann, Helmut (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

40 Jahre Deutsch-Amerikanische Nachkriegsbeziehungen - 5. Wewelsflether Gespräch. Wewelsfleth, RIAS Berlin .

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