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DB-Nummer: 1807

Über Qualitätsjournalismus in Deutschland : Publikationsfassung für den Weser-Kurier

Frage: Welche Zeitungen liest Grass regelmäßig? Grass: "Lübecker Nachrichten", die FAZ (um über "die politisch gegnerische Seite" informiert zu sein), den "Freitag", "Die Zeit" und "Die Süddeutsche"; Frage: Ist Grass mit dem politischen Journalismus in Deutschland zufrieden? Grass: verneint; in einer Krisenzeit wie dieser fehle ein gründlich recherchierender Journalismus; der Journalismus lebe zu sehr "von der Hand in den Mund" und sei oberflächlich; auch im Feuilleton werde wenig Inhaltliches berichtet; es sei ein "hämischer" Ton in die Berichterstattung hineingekommen; vieles sei humorvoll formuliert aber ohne Information; Frage: Müssen nur die Journalisten besser und mutiger werden oder muss sich der Journalismus strukturell verändern? Grass: Es gebe noch gute Journalisten, z.B. in der "Süddeutschen" oder in der FAZ; allgemein stünden aber die Zeitungen in wirtschaftlicher Abhängigkeit (Inserate); dass Chefredakteure auch für das wirtschaftliche Wohlergehen einer Zeitung verantwortlich seien, bringe die Zeitungen in Zwangslagen, unter der die Qualität zu leiden habe; hinzu komme eine Art von "schleichender Zensur", obwohl das Grundgesetz Zensur verbiete; Frage: Welchen Rat würde Grass jungen Autoren und Journalisten geben? Grass: Den Beruf ernst zu nehmen; der Journalismus habe eine Kontrollfunktion der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft gegenüber, z.B. auch im Bereich des Lobbyismus; nach Wahlen werde in den Zeitungen die mangelnde Wahlbeteiligung beklagt, dabei sei die Einschätzung falsch, dass diese nur auf Faulheit und Desinteresse der Wähler beruhe; vielmehr gebe es gegenüber dem Parlamentarismus ein "gewachsenes Misstrauen" in der Bevölkerung, da die Bevölkerung das Gefühl habe, das Land werde nicht von den gewählten Vertretern regiert, sondern von außerparlamentarischen Gruppen ("Staat im Staate"); es sei für jeden erkennbar, dass die geplante Gesundheitsreform immer wieder scheitere, weil die Lobby der Pharmakonzerne, Apothekenverbänden etc. so stark sei, dass die Politik unter einem negativen Einfluss stehe; Frage: Der gedruckten Zeitung wird mittelfristig das Aus vorhergesagt vor allem angesichts der Online-Konkurrenz; wie könnten Zeitungen dennoch überleben? Grass: Zeitungen müssten das leisten, was das Internet nicht leisten könne: gute Recherchen; guter Journalismus koste allerdings Geld, damit er den Vorgängen nachgehen könne; die Zeit sei sehr schnelllebig, die Skandale und Debatten würden einander ablösen; dem Journalismus fehle die "Nachhaltigkeit".



Urtitel:
Interview Grass für WK über Qualitätsjournalismus
Anfang/Ende:
Welche Zeitungen lesen…fehlt dem Journalismus.
Genre/Inhalt:
Literaturkritik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Das Interview ist am 30.8.10 in der WK-Beilage "Ausgezeichnet" in gekürzter Form erschienen und soll im Janaur 2011 im "Jahrbuch für Journalisten 2010" noch einmal gedruckt werden. Die Audiofassung ist unveröffentlicht.

Schlagworte:

Sach:
Journalismus; Zeitung; Feuilleton; Parlamentarismus; Lobbyismus; Gesundheitsreform
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
23.06.2010
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:05:11
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
WAV
Kopie:

Länge der Kopie:
00:05:14
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Schlüter, Kai (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Interview Grass für WK über Qualitätsjournalismus. Behlendorf .

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