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DB-Nummer: 1820

Aus dem Ausland betrachtet: Zur Situation der Intellektuellen in der Bundesrepublik Deutschland : Gespräch nach der Diskussion "Intellektualität und Macht in der Bundesrepublik" vor Sozialisten in Mailand

Grass ist von italienischen Sozialisten zu einer Diskussion nach Mailand eingeladen worden; Thema: "Intellektualität und Macht in der Bundesrepublik" Frage: Wurde das Thema beibehalten oder hatten die aktuellen Ereignisse Einfluss? Grass: Die Atmosphäre sei angesichts der Ermordung Hanns Martin Schleyers und der Selbstmorde in Stuttgart-Stammheim "geladen" gewesen; das Thema habe er zunächst nicht verlassen, sei aber in Details auf die aktuelle Situation eingegangen; die Intellektuellen in der Bundesrepublik (u.a. Grass selbst und Heinrich Böll) würden von der CDU/CSU und der Springer-Presse als Sympathisanten verdächtigt; im Ausland habe man dagegen ein gewisses Ansehen; in Mailand habe er versucht, das Bild der deutschen Intellektuellen zu korrigieren, bevor es auch dort zu Anschuldigungen und Verdächtigungen gekommen sei Frage: Welche Vorbehalte hat man gehabt? Hat Grass argumentativ antworten können? Grass: Es habe große Aufregung geherrscht unter den vielen jungen Linken; für diese habe festgestanden, dass man von den "Ermordeten von Stammheim" sprechen müsse; Grass hat dies zurückgewiesen; neben der offensichtlichen Tatsache, dass es sich um Selbstmorde gehandelt habe, stehe aber fest, dass es ein Skandal sei, der auf das Verssagen der badenwürttembergischen Landesregierung unter Filbinger zurückzuführen sei; dass Filbinger nicht zurückgetreten sei, mache ihn verdächtig; es sei auch zu befürchten, dass der eingesetzte Untersuchungsausschuss nicht im demokratischen Sinne genau arbeiten könne; es bestehe die Gefahr der Legendenbildung und der Entstehung von Märtyrer-Figuren in ganz Europa, wenn die Fakten nicht exakt aufgeklärt würden; der entstehende Schaden könne sonst größer sein als der Terrorismus selbst; die Position der Bundesrepublik zu verteidigen werde zudem sonst immer schwieriger Frage: Steckt mehr hinter der Kritik im Ausland als der bloße Wunsch nach Aufklärung der Fakten? Ständige Vorbehalte gegenüber Deutschen? Grass: Diese Vorbehalte würden bei vielen bestehen; auch ein lückenloser Untersuchungsbericht könne bei einigen keine Wirkung zeigen; eine breite Schicht in Italien und anderen Ländern habe diese Vorbehalte aber nicht; die Diskussion in Mailand sei in der italienischen Presse ausführlich behandelt worden; der Nicht-Rücktritt von Hans Filbinger sei eine Schwachstelle und sei für die Rechten in Deutschland eine Bestätigung; in Deutschland sei man aufgrund der Vergangenheit gezwungen, den Demokratie-Beweis täglich zu erbringen; in Italien habe man sich angewöhnt, die faschistische Vergangenheit zu verdrängen; Grass hat in der Diskussion auf den Marsch auf Rom durch Mussolini erinnert Frage: Auf dem Hamburger Parteitag hat Bundeskanzler Schmidt dazu aufgerufen, Verständnis für die Reaktionen im Ausland aufzubringen - ist dies ein Weg, um die Richtung des Protestes zu verstehen? Grass: Es gebe durchaus Anlass zur Kritik; den Radikalenerlass hält Grass für unzulässig und undemokratisch; die junge Generation werde dadurch zum Opportunismus gezwungen; wenn dies im Ausland als Faschismus angesehen würde, müsse dies zurückgewiesen und danach die Kritik gegen die Missstände in Deutschland geäußert werden; Kritiker am Radikalenerlass, dass habe Grass selbst erlebt, würden bereits zu Sympathisanten gemacht; in dieser zwiespältigen Situation würden sich die Intellektuellen befinden; man müsse radikal die Frage nach Ursachen stellen und es müssten Vorsorgen getroffen werden, die nicht allein auf Gesetzen fußten; 200 000 jugendliche Arbeitslose könnten ein Potenzial für einen möglicherweise ausufernden Terrorismus bilden; in Italien würde durch die Wechselwirkungen zwischen linken und rechten Terroristen das Land zunehmend ins Unglück gestürzt; die Verantwortlichen für die Arbeitslosigkeit seien dann auch mitverantwortlich für den ausufernden Terrorismus; hinzu komme, dass Franz Joseph Strauss in einer solchen Situation nach Chile reise und Pinochet besuche und somit ein System des Rechtsterrorismus aufwerte; noch schlimmer als dies sei, dass die Öffentlichkeit dazu schweige abgesehen von wenigen kritischen Kommentaren; dies seien "Verschleißmomente" der Gesellschaft; Strauss habe Ähnliches auch im Verhältnis zum Obristen-Regime in Griechenland oder auch in Portugal getan; Grass hält Strauss für untragbar in einer demokratischen Gesellschaft; Strauss habe seine eigenen Leute, Kiesinger, Barzel und Kohl, "von hinten gemeuchelt" und ihnen später die Hände geschüttelt; dies könne der jungen Generation nicht als Vorbild für demokratisches Verhalten gegeben werden, sondern wirke abschreckend und habe seinen Reflex im Ausland, indem Strauss mit der Bundesrepublik gleichgesetzt würde; das Versagen der Öffentlichkeit sei aber noch schlimmer als das Verhalten von Strauss Frage: Die Einschätzung aus dem Ausland, Deutschland sei ein faschistischer Staat, ist vergangenheitsgewandt; gibt es dennoch immer noch Ansätze dafür? Grass: bestätigt; dies treffe aber nicht nur auf die Deutschen zu; in beiden deutschen Staaten gebe es ein hysterisches Sicherheitsbedürfnis; andere Länder würden mit viel größeren Krisen besser klarkommen, z.B. England und Italien; in Deutschland sei der Ruf nach "mehr Staat" sehr viel lauter; man müsse lernen, mit mehr Konzentration und Gelassenheit zu reagieren, wie es auch Helmut Schmidt vorgemacht habe; Grass befürwortet, dass die SPD dies auf ihrem Parteitag nicht mitgemacht habe; die Beschneidung von Freiheiten sei eigentlich etwas, das die Terroristen wollten; die Demokratie werden nach und nach aufgegeben Frage: Besteht ein Problem darin, dass man erst mit der Diskussion begonnen habe, seit Prominente Opfer von Gewalttaten wurden? Grass: bestätigt; auch Heinrich Böll habe dies gesagt; es sei anrüchig, wenn die FAZ Terrorismus mit Gewalt gleichsetze, das "Aussperren von Arbeitern" aber nicht als Gewalt wahrnehme"; auch Geld und Wirtschafts- und Pressekonzentration könne Gewalt sein; in Berlin habe man Ende der 60er Jahre erleben können, wie die radikale Spitze des Studentenprotestes sich von der demokratischen Bewegung gelöst habe und dabei dankbare Partner bei der Springer-Presse gefunden habe; der Terrorismus habe sich dadurch wechselseitig hochgeschaukelt; ein Teil der Öffentlichkeit sei an der Entwicklung vom Radikalismus zum Terrorismus beteiligt und mitschuldig; Heinrich Böll habe es nicht aufgegeben, eindringlich zu den Terroristen zu sprechen und sie zu verstehen; dies sei Böll als Sympathisantentum angelastet worden; Grass selbst ist damals anderer Meinung gewesen, nämlich dass die Terroristen nicht auf Argumente hören würden, glaubt aber heute, dass Böll Recht gehabt habe; Böll habe zwar keinen sichtbaren Erfolg gehabt und die Terroristen wie Baader und Meinhoff nicht von ihrem Weg abbringen können, wohl aber Menschen, die auf dem Weg in den Terrorismus gewesen seien, nachdenklich stimmen können; diese Erfolge müsse man sehen, auch wenn sie nicht offensichtlich seien; um so schlimmer sei es, wenn Böll nun inbesondere in der Springer-Presse missbraucht würde; als Böll sich für Solchenizyn eingesetzt hatte, sei dies willkommen gewesen; sein Engegement, junge Leute von dem Weg zum Terrorismus abzubringen, habe zu Verdächtigungen gegen ihn geführt; Grass bezweifelt, dass Presse- und Meinungsfreiheit tatsächlich in der Praxis bestehen würden; vom Kartellamt habe es Mahnungen gegen die Presse-Zusammenballungen, insbesondere in Hamburg und Berlin, gegeben, da man die Meinungsfreiheit gefährdet gesehen habe; der Staat sei hier zu Korrekturen gemäß des Grundgesetzes aufgerufen Frage: In Italien hat Grass gesehen, dass die Bürger sich dafür engagiert haben, dass die Presse den ausländischen Schriftsteller und sein Land vorstellt. Dies sei in der Bundesrepublik noch nie passiert Grass: Dies sei erstaunlich; in Italien gebe es nicht nur den hässlichen Ausdruck des "Anti-Deutschen" in der Presse; in Italien habe sich in den letzten Jahren vieles geändert: Die kommunistische Partei sei ein ordnender Faktor und setze in erster Linie auf Reformen; ohne dies wäre die wirtschaftliche und soziale Situation Italiens viel schwieriger; die kommunistischen Zeitungen in Italien hätten die vordergründige Hetze gegen Deutschland nicht mitgemacht; Grass hofft, durch die Diskussion auch andere linksliberale zu einer ähnlichen Sichtweise gebracht zu haben Frage: Wie empfindet Grass seine Rückkehr in die Bundesrepublik angesichts der Tatsache, dass Schrifsteller schon immer zur auswärtigen Kulturpolitik gehört haben, nun aber in der Terrorismus-Debatte Vorwürfe gegen die Schriftsteller aufgekommen sind Grass: hat diese Situation schon oft erlebt und fühlt sich nicht gekränkt; die radikalen Demokraten seien stärker als die "Nachhut der Reaktion"; auf Dauer besorgniserregend sei aber die Hilflosigkeit der Diplomaten im Ausland in solchen Sitationen; in Brüssel habe er eine ähnliche Veranstaltung mit Fritz J. Raddatz erlebt, auch diese haben einen "aufklärenden Erfolg" gehabt; der Botschafter in Brüssel, Limburg, sei während der Obristen-Zeit in Athen gewesen; Grass ist damals von einer Gruppe Opposotioneller eingeladen worden, dabei habe er eine Pressekonferenz im Goethe-Institut veranstalten wollen, was aber vom Botschafter Limburg abgelehnt worden sei; in Brüssel habe Limburg eine Einladung zum Mittagessen ausgesprochen, die Grass jedoch abgelehnt hat; das Auswärtige Amt könne von den Schriftstellern eine Menge lernen Frage: Bei der letzten PEN-Tagung ist deutlich geworden, dass die Schriftsteller insgesamt ein ungutes Gefühl haben, Grass hat dafür Gründe genannt; wie wird die Situation analysiert? Grass: das übertriebene Sicherheitsbedürfnis verführe immer wieder dazu, in Krisensituationen Gesetze zu erlassen und die demokratische Substanz zu beschränken; dieser deutsche Perfektionsimus stoße im Ausland auf Staunen und Furcht; die Gegenkräfte seien aber stark; der sozialliberalen Koalition wirft Grass vor, auf das Verlangen der Opposition und Reaktion nach mehr Gesetzen zu defensiv zu reagieren; es komme darauf an, Bürokratie wieder abzubauen; der Radikalenerlass sei ein gefährliches Instrument und schütze vor nichts; die junge Generation werde zum Opportunismus verleitet; der Radikalenerlass müsse daher ersatzlos gestrichen werden, die freiwerdenden Mittel müssten in andere Bereiche fließen, z.B. für Berufs- und Ausbildungsplätze; die eigentlichen Probleme würden verdrängt, beispielsweise werde der West-Ost-Konflikt durch den Nord-Süd-Konflikt überlagert, spiele aber im öffentlichen Bewusstsein nur eine geringe Rolle; die Zeit der Vollbeschäftigung klinge allmählich aus, daher müsse man ein anderes Verhältnis zu Arbeit und Aufteilung der Arbeit gewinnen; für "Freizeit" herrschten so gut wie keine Konzepte, es würden aus ideologischen Gründen auch keine Diskussionen darüber geführt wie beispielsweise in Schweden; auch der Kapitalismus müsse entwicklungsfähig sein, z.B. hinsichtlich eines neuen Arbeits- und Freizeitkonzeptes



Urtitel:
Wir bieten Anlass zur Kritik. Das Bild der Deutschen im Ausland.
Anfang/Ende:
(Anmoderation) In Abänderung unseres…November dieses Jahres. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Die sogenannte Todesnacht von Stammheim bezeichnet die Nacht zum 18. Oktober 1977, in der die inhaftierten Anführer der Rote Armee Fraktion Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in der JVA Stuttgart Suizid begingen. Irmgard Möller überlebte als einzige. Das Ereignis war der Schlusspunkt des Deutschen Herbstes, in dem die zweite Generation der RAF versuchte, die Gefangenen freizupressen. In direkter Folge wurde am darauffolgenden Tag der von der RAF entführte Hanns Martin Schleyer ermordet.

Schlagworte:

Person:
Böll Heinrich; Filbinger Hans; Strauß Franz-Josef; Mussolini Benito Amilcare Andrea; Schleyer Hanns Martin
Sach:
Springer-Presse; Presse; Terrorismus; Radikalenerlass; Faschismus; Extremismus; Gewalt; Ermordung; Selbstmord
Geo:
Stuttgart-Stammheim; Italien; Chile; Griechenland; Portugal; Brüssel; Athen; Mailand
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
20.12.1977
Datumszusatz:
AD unbekannt
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:43:00
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:43:15
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Archivnummer:
alte Archvivnr.: 511 773
Teilnehmende:

Person:
Rommeney, Ernst (Interviewpartner)
Person:
Rommeney, Ernst (Redaktion)

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Zitierform:

Wir bieten Anlass zur Kritik. Das Bild der Deutschen im Ausland.. unbekannt .

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