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DB-Nummer: 1912

Literaturnobelpreisreaktionen

Günter Grass erhält den Literaturnobelpreis dafür, dass er "mit munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat"; Grass wird bereits seit 20 Jahren als Kandidat gehandelt _____ Live-Bericht aus einer Weinhandlung in Lübeck mit Günter Grass und Gerhard Steidl Frage: Auch die Weinhandlung direkt unter dem Sekretariat von Günter Grass ist quasi mit dem Nobelpreis geehrt worden Grass: bestätigt; dies hinge eng zusammen; einmal in der Woche habe er seinen "Lübeck-Tag" und diktiere seiner Sekretärin Hilke Ohsoling seine Briefe; zwischendurch trinke er einen Cappucchino in der Weinhandlung; an den Stehtischen unterhalte er sich mit den Bürgern Lübecks; Frage: Einer der Anwesenden behauptet, er werde in einem der nächsten Romane von Grass auftauchen Grass: Es gebe noch andere Formen als den Roman; ein Ehepaar sei von Hamburg nach Lübeck gegangen und habe Studien zu Johannes Brahms gemacht; immer, wenn er sie treffe, lerne er etwas über Brahms; Frage: Gerhard Schröder hat Grass ein Telegramm geschickt; was hat er geschrieben? Grass: Schröder habe sehr einfühlsam geschrieben; die Presse behaupte, Schröder habe keine Ahnung von Literatur, was aber nicht zutreffe; Schröder sei zur Zeit in Prag und habe genau wie Johannes Rau als Bundespräsident sehr herzliche Glückwünsche übersandt; darüber habe er sich sehr gefreut; Frage: Vor dem Haus steht die Polizei, Grass hat nun "Schutzstufe 3"… Grass: Diese Schutzstufe habe er schon mehrmals gehabt, als er von Rechten bedroht worden sei; Frage: Kurt Thater ist der Besitzer des Weinladens; was sagt er zu Günter Grass? Thater: Mit Grass habe er eine fast väterliche Beziehung; dies und die Auszeichnung durch den Literaturnobelpreis mache ihn glücklich; Frage: Am heutigen Abend ist im Weinladen auch über Grass' Werk diskutiert worden… Grass: Es handele sich um "kundige Leser", die aber selbstverständlich nicht alles gelesen hätten; dies sei auch nicht notwendig, schließlich habe er selbst seine Bücher auch nicht mehr gelesen; vier Jahrzehnte habe er geschrieben… Frage: Gerhard Steidl wird als Verleger jetzt noch viel Arbeit bekommen… Steidl: "Die Maschinen werden sicherlich rauchen" Grass: Steidl sei ein Verleger mit einer eigenen Druckerei; da er [Grass] Wert auf das Zusammenspiel von Wort und Bild lege; den gesamten Produktionsprozess eines Buches könne er bei Steidl mitverfolgen. ___ Reaktionen in Norddeutschland zum Literaturnobelpreis für Günter Grass Gerhard Schröder: Mit Grass sei einer der größten deutschen Schriftsteller des Jahrhunderts ausgezeichnet worden; er [Schröder] habe fast alles von Grass gelesen und Grass habe den Preis verdient. Beim Steidl-Verlag sammeln sich Glüchwunschtelegramme Iris Radisch (Die Zeit): Grass habe den Preis für sein Lebenswerk verdient, auch wenn die letzten Bücher weniger erfolgreich gewesen seien. Matthias Schreiber (Der Spiegel): hat erst viel Arbeit auf ihn zukommen sehen und dann gedacht, dass Grass den Nobelpreis eigentlich zu spät bekommen habe, da das beste Buch von Grass "Die Blechtrommel" sei. Walter Jens: sieht Grass' Qualität in der breiten Spannweite zwischen Groteskem/Derben und Zartheit/Witz/Ironie; dies hätten wohl auch seine Gegener erkannt und wüden nun behaupten, Grass sei einer von "ihnen", was aber nicht stimme. Prof. Hans-Gert Winter (Literaturwissenschaftler Universität Hamburg): Grass sei ein Exportschlager und dies sei nun ausgezeichnet worden; in Deutschland sei Grass gar nicht so angesehen, sondern eher umstritten; der Nobelpreis werde Grass Auftrieb verleihen; der Preis sei Grass zu gönnen. -------------- Frage: Warum hat Grass den Nobelpreis bekommen? Walter Helfer (Skandinavien-Korrespondent): Grass habe 20 Jahre gewartet, und in Akademie-Kreise heiße es, dass Grass den Preis schon viel früher verdient gehabt hätte; Grass sei in Schweden sehr populär, alle seine Werke sind ins Schwedische übersetzt; die Konkurrenz beim Nobelpreis sei hochkarätig gewesen (John Updike, Philip Roth); Frage: Steht Grass auch für die Rolle Deutschlands in diesem Jahrhundert? Horace Engdahl (Schwedische Akademie): Deutschland sei nicht nur ein Thema, sondern auch eine Art von Allegorie; es gebe auch allgemeingültige Dinge, z.B. im "Butt", in dem es um Universalgeschichte gehe; Frage: Oft wird gefragt 'Warum erst jetzt?' Engdahl: Ein Beschluss müsse manchmal nicht nur richtig, sondern auch reif sein; Frage: Sowohl Heinrich Böll als auch Grass gelten als politisch engagiert und umstritten; ist die Entscheidung der Akademie auch eine politische? Engdahl: verneint; Grass' Bücher seien keine Fortsetzung der politischen Polemik; von einer ausländischen Sicht könne man dies wohl besser wahrnehmen; Grass beschreibe zwar seine politische Erfahrung indirekt in seinen Büchern, aber seine Bücher gingen weit darüber hinaus; es sei nicht Absicht der Akademie, sich in deutsche Innenpolitik einzumischen; Frage: Freuen sich die Schweden über den Nobelpreis für Günter Grass? Helfer: bestätigt; deutsche Literatur sei in Schweden immer populär gewesen; ob Grass' neustes Werk ("Mein Jahrhundert") für die Wahl zum letzten Nobelpreisträger des Jahrhunderts einen Ausschlag gegeben hat, sei bloße Spekulation. ___________ Frage: Hat Politik bei der Nobelpreisentscheidung eine Rolle gespielt? Karasek: Die Verspätung habe politische Gründe; der erste Nachkriegs-Nobelpreis an Heinrich Böll - ein Jahr nach dem Friedensnobelpreis an Willy Brandt - habe der Unterstützung der Schriftsteller für die deutsche Ostpolitik gegolten; Grass sei zusammen mit Böll einer der Schriftsteller gewesen, die diese Richtung vertreten hätten; allein "Die Blechtrommel" sei "größer als alle Werke Bölls zusammen"; Böll sei damals aber eine Symbolfigur der deutschen Literatur gewesen; die Schwedische Akademie habe damals also politisch entschieden und verfolge auch heute noch oft politische Ziele; Frage: War es bei Grass späte Wiedergutmachung? Karasek: verneint; es sei vielmehr die Einsicht gewesen, dass Grass ohne Zweifel der wichtigste deutsche Schriftsteller sei, wenn auch mit einem schon alten Buch. __________ Einspieler: Günter Grass und sein Werk Grass: Die erste Hälfte des Jahrhunderts sei von den Deutschen bestimmt worden, die zweite Hälfte von den Folgen, mit denen man über das Ende des Jahrhunderts hinaus wahrscheinlich zu tun haben werde; eine weitere Einsicht sei, dass die Kriege nie aufgehört hätten. Biographischer Überblick mit historischen Aufnahmen (Fotos) _______________ Frage: Verhältnis von Grass zu seinen Kritikern? Karasek: Das Verhältnis sei sehr schwierig; auch sein [Karaseks] Verhältnis zu Grass sei meistens angespannt gewesen; "Die Blechtrommel" habe er [Karasek] allerdings schon immer zu den 10 wichtigsten Büchern des Jahrhunderts gezählt; Schrifsteller seien nicht die Arbeitgeber der Kritiker, die Leser seien es; Frage: Was macht Grass zu einem Schriftsteller von Weltrang? Karasek: "Die Blechtrommel" und "Katz und Maus"; wer ein Buch wie "Die Blechtrommel" geschrieben habe, der habe ausgesorgt; problematisch bei Grass sei, dass er politisch habe wirken wollen und ein politischer Mensch sei; Grass sei wegen der "Blechtrommel" als Anarchist, Pornograph und Blasphemiker verschrien gewesen und habe sich "nach und nach brav gemacht zum SPD-Trommler"; dies sei für Grass und für Deutschland gut gewesen, seine Literatur habe aber darunter gelitten; mit der "Blechtrommel" habe Grass aber das meiste erreicht, was ein Schriftsteller erreichen könne. _____________ Einspieler: Der politische Günter Grass _____________ Frage: Was bedeutet der Nobelpreis für Grass für die deutsche Literatur? Karasek: sehr große Bedeutung und Anerkennung, dass es in der deutschen Literatur eine Kontinuität gebe; Frage: Warum hat es 27 Jahre lang keinen Nobelpreis gegeben? Karasek: Dies sei keine allzu lange Zeit; es müssten auch neue Entwicklungen in den verschiedenen Ländern betrachtet werden; die Entscheidung über den Literaturnobelpreis werde nicht im luftleeren Raum gefällt; Frage: Vor Grass hat es schon sieben deutsche Nobelpreisträger gegeben… Karasek: korrigiert: 8; der erste sei Mommsen gewesen; Thomas Mann sei dabei ein "ähnlich später Fall wie Günter Grass". _____________ Einspieler: Deutsche Literaturnobelpreisträger



Urtitel:
N3 aktuell: Günter Grass - Literaturnobelpreis für Günter Grass
Anfang/Ende:
Spannung heute in…mit Günter Grass. (MUSIK)
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Feature
Historischer Kontext:

Günter Grass erhält den Literaturnobelpreis 1999

Schlagworte:

Person:
Ohsoling Hilke; Böll Heinrich
Werke:
Mein Jahrhundert; Die Blechtrommel; Der Butt; Katz und Maus
Sach:
Nobelpreis; Literaturnobelpreis
Geo:
Schweden; Stockholm; Lübeck
Zeit:
20. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
30.09.1999
Datum Erstsendung:
30.09.1999
Aufnahmeort:
Schweden, Stockholm; Lübeck; Göttingen; Hamburg;
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Ab ca 29:00 Hintergrundmusik auf der Tonspur lauter als Sprecherinstimme .
Original:

Originallänge:
00:30:46
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
BETAS
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:30:29
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)
Sender / Institution:
Deutschlandradio (DLR)
Sendereihe:
N3 aktuell
Archivnummer:
1080392
Produktionsnummer:
9957630000
Teilnehmende:

Person:
Stoltenberg, Annemarie (Interviewpartner)
Person:
Krumme, Friederike (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Steidl, Gerhard (Beitragende(r))
Person:
Schröder, Gerhard (Beitragende(r))
Person:
unbekannt, (Beitragende(r))
Person:
Schreiber, Matthias (Beitragende(r))
Person:
Jens, Walter (Beitragende(r))
Person:
Winter, Hans-Gert (Beitragende(r))
Person:
Helfer, Walter (Beitragende(r))
Person:
Engdahl, Horace (Beitragende(r))
Person:
Karasek, Hellmuth (Beitragende(r))
Person:
Grimm, Joachim (Redaktion)
Person:
Bungartz, Christoph (Redaktion)
Person:
Börner, Hans-Jürgen (Redaktion)
Person:
Grimm, Joachim (Redaktion)
Person:
Krumme, Friederike (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

N3 aktuell: Günter Grass - Literaturnobelpreis für Günter Grass. Schweden, Stockholm; Lübeck; Göttingen; Hamburg; .

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