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Medienarchiv

DB-Nummer: 1971

Die Indien-Erfahrungen

Lohr, Stephan

Gespräch über "Zunge zeigen" und die Indien-Erfahrungen von Günter Grass Grass: Arbeitsgrundlage für "Zunge zeigen" sei sein Tagebuch gewesen, das von Anfang an auch Skizzen und Zeichnungen enthalten habe; zwischen den Prosa-Eintragungen finde sich auch bereits das Gedicht; die drei Arbeitsprozesse, Prosa, episches Gedicht und Zeichnung, habe er noch über die Zeit des Kalkutta-Aufenthalts hinaus fortgeführt; Frage: Gedankliche und zeitliche Parallele? Grass: bestätigt; der Leser des Buches "Zunge zeigen" könne gleichzeitig auch die Arbeitsvorgänge sehen; Frage: In "Zunge zeigen" wird die Sicht eines europäischen Intellektuellen deutlich, der nur schwer von seiner eigenen Grundlage absehen kann... Grass: bestätigt, dies solle auch deutlich werden; das Fremdsein sei Voraussetzung gewesen; Frage: Die Distanz macht Grass gleich am Anfang deutlich… Grass: Distanz schließe aber nicht aus, dass man zu Einsichten komme; Grass ist gegen das Verwischen der Gegensätze; wenn Europäer indischen Gurus hinterherlaufen würden, würden sie sich und anderen etwas vormachen; Frage: Welche Widersprüche haben Grass am stärksten irritiert? Grass: Viele Dinge; auch Indien sei von technischem Fortschritt ge- und ver-zeichnet; die Verzeichnung falle aber noch stärker aus, da sich manche Regionen des Landes noch im 16. oder 17. Jahrhundert befänden; es gebe auch in Europa Regionen, die noch nicht von der Aufklärung des 18. Jahrundert berührt worden seien, aber dennoch hochtechnisiert seien; in einem Entwicklungsland von der Größe Indiens falle ein solcher Gegensatz besonders auf; von Gandhis Konzept einer Selbstständigkeit habe man sich entfernt; Indien übernehme Konzepte der Industriestaaten mit dem Ergebnis, dass ein Viertel der Gesellschaft der Mittel- und Oberschicht angehöre und der Rest der Bevölkerung "wie abgeschrieben" sei; Frage: Grass nennt sich einen Missvergünungsreisenden… Grass: Dies sei ein Zitat und sei eine ironische Beschreibung dafür, dass ein Reisender beladen sei mit dem, "was Europa ihm auflegt" und ein neues Land kennenlerne; Frage: Grass verbindet im Buch das Motiv des Zungezeigens der Göttin Kali mit dem Foto von Albert Einstein; wie ist Grass zu dem Motiv gekommen? Grass: Bekanntschaft mit der Göttin Kali habe er schon bei seiner ersten Indien-Reise gemacht; dies habe sich auch im Roman "Der Butt" niedergeschlagen; Kali würde einem im bengalischen Alltag begegnen; man finde an den Posterstände Stalin als Poster, Beckenbauer und andere Stars, aber auch die Göttin Kali; die Legende besage, dass Kali aus Schreck und Scham die Zunge herausstrecke; dies entspreche Grass' Versuch, eine neue Entsprechung für Scham zu finden; im Buch gebe es eine Beschreibung von einer Gewerkschaftsitzung von Tabakarbeitern, die Grass an eine Zeit Ende des 19. Jahrhunderts erinnert habe (Beginn der Arbeiterbewegung); der Bericht von Engels über die Arbeiterklasse in England besitze wortwörtlich im heutigen Indien weiterhin Gültigkeit; es habe ihn [Grass] daran erinnert, dass er ein demokratischer Sozialist sei; Frage: Hat Grass in Indien versucht etwas zu finden, das er dort eher zu finden hoffte als in Deutschland? Grass: So abstrakt lasse sich dies nicht formulieren; seit seinem ersten Indien-Besuch sei ein "Ungenügen" geblieben; er habe stets nach Indien zurückkehren wollen, um genauer hinsehen zu können; was ihn erschreckt habe, habe er näher kennenlernen wollen, um sich selbst in Frage stellen zu lassen; Frage: Wie charakterisiert Grass selbst seine Sichtweise auf Indien? Grass: In allen Elendsregionen der Dritten Welt könne man bemerken, dass Elend und Überlebenswille Hand in Hand gingen; das Elend sei nicht lethargisch; viele Europäer seien weniger vom Elend geschockt als von der "Frechheit" im Elend zu lachen und von der Art, Fröhlichkeit und Vitalität zu zeigen; sentimentale Bedürfnisse könnten dort nicht befriedigt werden; hinzukomme, dass das Elend eine "schockierende Art von Schönheit" zeige; Frage: Grass hat von der Ästhetik der Armut gesprochen… Grass: bestätigt; dies sei ein gefährliches Thema; Elend und Rückständigkeit in Indien und anderen Teilen Asiens ließen sich dadurch eklären, dass es in diesen gebieten bespielsweise nie eine Form der europäischen Aufklärung gegeben habe.



Urtitel:
Günter Grass am Ganges
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Vom Herbst 1986…Aquatinta Radierung bei. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Von Herbst 1986 bis Juli 1987 hat Günter Grass in Indien in der Nähe von Calcutta gelebt; im Band "Zunge zeigen" beschreibt er seine Eindrücke.

Schlagworte:

Person:
Einstein Albert
Werke:
Zunge zeigen
Sach:
Tagebuch; Aufklärung; Armut; Elend
Geo:
Indien; Kalkutta
Zeit:
16. Jahrhundert; 17. Jahrhundert; 18. Jahrhundert
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
25.08.1988
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:11:20
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
00:11:19
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB)
Sender / Institution:
ARD
Sendereihe:
Texte und Zeichen - Das Kulturjournal
Archivnummer:
6911132000
Produktionsnummer:
H6911132
Teilnehmende:

Person:
Lohr, Stephan (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Scheller, Wolf (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Lohr, Stephan: Günter Grass am Ganges. unbekannt .

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