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Medienarchiv

DB-Nummer: 1976

Vom Zeichnen und den Tieren

Halstenberg, Armin

Ausschnit aus dem Vortrag "Günter Grass und seine Tiere" von Hans Meyer, mit der der "Literarische Sommer" und die begleitende Ausstellung mit Grafiken von Günter Grass eröffnet wird. Hans Meyer: Grass sei von seinen Tieren nie losgekommen, weder beim Zeichnen noch beim Schreiben, abgesehen vom ersten Gedichtband "Die Vorzüge der Windhühner"; bereits in den ersten Gedichten kommen Störche vor, die auf Trümmern sitzen; in späteren Erzählwerken ist das Titeltier auf dem Buchumschlag abgebildet: Katze (bei "Katz und Maus"), Schäferhund ("Hundejahre"); bei der Gruppe 47 habe man damals sehr gelacht, als Grass eine Episode aus dem Manuskript der "Hundejahre" vorgelesen habe. _______________ Günter Grass im Gespräch mit Armin Halstenberg: Frage: Vor dem Schriftsteller Grass hat es den Bildhauer und Zeichner Grass gegeben - warum hat Grass angefangen zu schreiben? Grass: Es habe sich beides von Kindheit an nebeneinander entwickelt; die Frage nach einer Entscheidung für den einen oder den anderen Beruf habe sich nie gestellt; er betreibe Zeichnen und Schreiben "mit einer Tinte"; die Entwicklung von Schrift sei eng mit Bildern und Zeich(n)en verbunden; Frage: Zeichnet Grass lieber oder schreibt er lieber? Grass: Beim Zeichnen sei das Ergebnis schneller erkennbar, Schreiben habe seinen eigenen Reiz; die Entwicklung von Figuren über Jahre hinweg, die Auseinanderstzung mit ihnen, sei reizvoll und anstrengend; Frage: Grass ist für seine bildmächtige Sprache bekannt; kommen diese Wortbilder vom Zeichnen her? Grass: bestätigt; vom zeichnerischen und bildhauerischen Sehen her würden spätere Figurenkonstellationen festgehalten; Frage: Kommen sich Zeichnen und Schreiben in die Quere? Grass: Bildhauerei und Schreiben seien nicht vereinbar; in Paris während der Arbeit an der "Blechtrommel" seien seine Plastiken vertrocknet; Frage: Hauptmotive aus Radierungen und Lithographien finden sich in Grass' Büchern wieder: Aale, Krebse, Schnecken, Ratten; sind die Zeichnungen Illustrationen zu den Büchern oder Vorstudien zum Schreiben? Grass: Während der Manuskriptarbeit an "Die Rättin" habe er an 12 großen Kaltnadelradierungen gearbeitet, die über das Manuskriptende hinausgegangen seien; Frage: Es ist also nicht die Bilderfolge zur "Rättin" zuerst da gewesen und dann der Roman? Grass: Die ersten Notizen zur "Rättin" habe er auf Ton geschrieben, sowohl Prosa- als auch Lyrik-Entwürfe; dann sei er zum Papier zurückgekehrt; Frage: 1974 hat Grass geschrieben, dass ihm die gesellschaftliche Relevanz seiner Bilder gleichgültig sei, denn Bilder könnten die Welt nicht verbessern. Kann Literatur die Welt verbessern? Grass: Verbessern sei übertrieben, verändern könne Literatur aber, und dafür gebe es Beweise; ohne die Literatur der Aufklärung hätte es keine Entwicklungen gegeben, unter denen man mitlerweile zu leiden habe, da die Aufklärung in eine Sackgasse geraten sei; dies lasse sich an Literatur nachweisen; Literatur habe ihre Wirkung, die oft verzögert sei, u.a. durch Zensur; Frage: Bei einem Schriftstellerkongress in New York hat Grass die Schriftsteller aufgefordert, radikaler zu werden; bedeutet dies, dass sich die Schriftsteller politisch engagieren sollen? Grass: Die Schriftsteller und die Liteatur müssten bemerken, dass man nicht einfach weiterschreiben könne, als sei die "Zusatzrate Unsterblichkeit" gesichert; die Zukunft sei weitgehend "besetzt", dies verändere die Bedingungen des Schreibens, sogar noch mehr als durch die neuen Medien; den neuen Medien könne man nur begegnen, indem man zu der Einsicht gelange, dass Schreiben nicht mehr unbedenklich ein Fortwirken von Literatur beanspruchen könne; dies sei eine radikale Einsicht, die auch schnell zu den Themen führe, die sich der Literatur aufdrängen würden, z.B. Umweltzerstörung, Verelendung, Bevölkerungswachstum, Selbstzerstörung; Frage: Sind diese Probleme nicht Aufgabe von Politik und Verbänden? Was kann Literatur in der Politik bewirken? Grass: Literatur könne das Lebensgefühl und Bewusstsein einer Generation darstellen; Literatur müsse falsche Hoffnungen zerstören; den Politikern gelinge es sehr leicht, zu zerstreuen und schönzufärben (z.B. die Tschernobyl-Katastrophe); Literatur könne dies durchschauen und Bewusstseinsveränderungen aufdecken; unter der "Ablagerungen" und "Staubschichten" könnten dann die Tatsachen sichtbar gemacht werden; Frage: Grass hat sich immer wieder als Staatsbürger politisch engagiert; wird er sich auch 1987 im Bundestagswahlkampf wieder für die SPD engagieren? Grass: wird im nächsten Jahr nicht in Europa sein, sondern ins Ausland nach Asien gehen; dort will er sich einer anderen Wirklichkeit stellen, die "auf andere Weise genauso katastrophal" sei; diesen langfristigen Plan könne er jetzt erst realisieren, nachdem er "Die Rättin" abgeschlossen habe; es sei das erste Mal, dass er nicht in einen Bundestagswahlkampf direkt eingreife; er wolle ein Jahr Abstand nehmen vom "Eurozentrismus"; hinzu komme, dass es in den Reaktionen auf sein letztes Buch "Die Rättin" nicht mehr um das Buch selbst gegangen sei, sondern um die Person des Autors, der "endlich mal die Schnauze halten" solle; davon wolle er Abstand nehmen und dann nach Deutschland zurückkehren; Frage: Grass wird per Briefwahl wählen? Grass: bestätigt Frage: Engagieren wird Grass sich nicht? Grass: er werde dort schreiben und sich den Gegebenheiten dort stellen; in Kalkutta habe er alles gebündelt gefunden, dorthin werde er zurückgehen; Europa und Deutschland werde er dabei nicht ablegen können.



Urtitel:
Texte und Zeichen: Das Kulturjournal vom 19. Juni 1986
Anfang/Ende:
(Trailer, Anmoderation) Texte und Zeichen…ich zurückkehren werde.
Genre/Inhalt:
Kunst
Präsentation:
Feature
Historischer Kontext:

Anlass: "Literarischer Sommer" in Hannover Vortrag "Günter Grass und seine Tiere" und Ausstellung "Graphik von Günter Grass" im Funkhaus in Hannover (Foyer des Sendesaals).

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
19.06.1986
Aufnahmeort:
hannover, Funkhaus
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:14:54
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
00:14:54
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
ARD
Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sendereihe:
Texte und Zeichen: Das Kulturjournal
Archivnummer:
6910545000
Produktionsnummer:
H6910545
Teilnehmende:

Person:
Müller, Lothar (Vorredner(in))
Person:
Mayer, Hans (Vorredner(in))
Person:
Halstenberg, Armin (Autor(in))

Zitieren

Zitierform:

Halstenberg, Armin: Texte und Zeichen: Das Kulturjournal vom 19. Juni 1986. hannover, Funkhaus .

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