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DB-Nummer: 2007

Eine Bilanz der 15 Jahre nach Erscheinen der "Blechtrommel"

Frage: Vor 15 Jahren erschien "Die Blechtrommel", vor 10 Jahren ist Grass zum ersten Mal für die SPD in den Wahlkampf gezogen; neben Heinrich Böll ist Grass inzwischen der berühmteste deutschsprachige Autor, auch im Ausland; die SPD ist inzwischen in der Regierung, Grass' Engagement hat also gewissermaßen seinen Abschluss gefunden; trifft das auch für den Schriftsteller Grass zu? Wie sieht die Bilanz des Schriftstellers Grass aus? Grass: Es gebe in dem Zeitraum einige Zäsuren, schriftstellerische wie private; seine Anfänge lägen in der bildenden Kunst; er habe zwar geschrieben und das Schreiben habe seine Bedeutung gehabt, er habe aber nicht damit gerechnet, dass das Schreiben sein Hauptberuf werden könne; nach Veröffentlichung des ersten Lyrikbandes 1956 ["Die Vorzüge der Windhühner"] habe er sich nicht vorstellen können, als Prosa-Autor berühmt zu werden; wie viele seiner Generation habe er ein starkes politisches Interesse gehabt; dass er sich mit seinem berühmt gewordenen Namen für eine Partei engagieren würde, habe er sich damals nicht vorstellen können; es sei also vieles unvorhersehbar gewesen, und dies gelte auch für die Zukunft; eine literarisch sehr "glückliche" Periode habe es Ende der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre gegeben, möglicherweise von der Gruppe 47 ausgehend; nach der Generation Andersch / Böll / Koeppen / Frisch sei eine neue Generation gewachsen; parallel zum Ende der Gruppe 47 sei diese Phase Ende der 1960er Jahre abgeschlossen gewesen Frage: Martin Walser hat einmal gesagt, dass eine Zeit kommen werden, in der die "graumelierten Literaturherrschaften" wieder an einem runden Tisch sitzen würden - hält Grass dies für realistisch? Grass: Dies sei ein realistischer Wunsch, für den allerdings die Voraussetzungen fehlen würden; diese Voraussetzungen habe es zur Zeit der Gruppe 47 gegeben; es habe den öffentlichen, restaurativen Druck der Adenauer-Ära gegeben und das Bemühen um eine deutsche Nachkriegsliteratur; diese Voraussetzungen seien nicht mehr gegeben und sie seien auch nicht wünschenswert Frage: Welche Rolle würde Grass der Gruppe 47 zuschreiben? Hat sie nicht sogar ein Chaos hinterlassen? Grass: Man habe der Gruppe 47 viele Titel gegeben, die alle mehr oder weniger richtig seien, z.B. "Hauptstadtersatz"; dies sei ein Punkt gewesen, der ihm [Grass] Spaß gemacht habe; die Gruppe 47 habe kein "enges, ideologisches Korsett" gehabt, es seien "von Heißenbüttel bis zu realistischer Schreibweise" alles vertreten gewesen, ausgenommen linker und rechter ideologischer Literatur; die Treffen seien Zäsuren im Jahr gewesen, einige hätten auch gezielt auf die Treffen hingearbeitet Frage: Welche Rollen spielen die alten Freundschaften (besonders das Quartett Enzensberger, Walser, Grass, Johnson)? Was ist von den literarischen und politischen Übereinstimmungen geblieben? Grass: Bei der literarischen Beurteilung und beim Handwerklichen des Schreibens habe sich nicht sehr viel geändert; die politischen Unterschiede habe es damals schon gegeben und diese hätten zu Distanzen und Brüchen geführt, die sich nicht mehr leicht korrigieren ließen Frage: Wenn die vier genannten Autoren bei einer angenommenen Tagung der Gruppe lesen würden, würde man dann über das Handwerkliche reden oder würde die Diskussion mehr auf die Inhalte gehen? Grass: bestätigt; Johnson und ihm wäre es sicher möglich, vom Text auszugehen und weder Form noch Inhalt isoliert zu betrachten; bein Enzensberger und Walser sei dies wohl schwieriger; die Art, wie man in der Gruppe 47 über Literatur gesprochen habe, sei immer noch die richtige Methode, da die vorgetragene Kritik zwar auch politisch, aber nicht isoliert politisch gewesen sei Frage: Hat es Strömungen in der Gruppe 47 gegeben, die zu politisch zu manipulieren versucht haben? Grass: Am Anfang habe er eine "Tendenz zu einer Art Wiedergutmachungsliteratur" in der Gruppe vorgefunden; er, Martin Walser und andere hätten dies kritisiert; die Kritik sei dann unbefangener und genauer geworden; es habe außerdem eine Tendenz von realistischen Schriftstellern gegeben (Lyrik von Heißenbüttel), die sich nie habe durchsetzen können; ab 1960 habe sich die Entwicklung verschlechtert durch die Anwesenheit von Verlegern bei den Treffen; es habe sich "eine Art Suhrkamp-Stall" breit gemacht Frage: Die Kritik hat seinerzeit von "Literaturmafia" gesprochen, die wichtige Positionen im Kulturbetrieb besetzt; wurde dies von der Gruppe selbst auch so wahrgenommen? Grass: Die Verdächtigungen habe man wahrgenommen; er selbst habe diese lächerlich gefunden; Joachim Kaiser habe bei der Süddeutschen Zeitung eine gewisse Postition gehabt, ebenso Schwab-Felisch und einige Professoren (z.B. Höllerer); dies seien aber auch die einzigen Germanisten gewesen, die sich für Gegenwartsliteratur interessiert hätten; Höllerer habe ein Gespür für Autoren gehabt, die anfangs völlig unbekannt gewesen seien; es sei auch für Literaturzeitschriften eine Möglichkeit der Orientierung gewesen; man habe in der Gruppe einmal im Jahr die Möglichkeit gehabt zu sehen, woran die Schriftsteller arbeiten würden Frage: Ein interner Literaturmarkt… Grass: Nicht "Markt", das sei später gekommen… Frage: Literaturforum… Grass: bestätigt; der Marktcharakter sei durch die Anwesenheit der Verleger aufgekommen; ab 1959 habe sich eine neue deutsche Literatur auch auf dem Buchmarkt als erfolgreich erwiesen Frage: Auch der ausländische Markt hat dann Bedeutung gewonnen… Grass: bestätigt; von Außen sei dies aber überschätzt worden und störend gewesen; der Einfluss von Außen, z.B. auf der Tagung in Saulgau, bei der zum erstem Mal das Fernsehen dabei gewesen sei, habe die Unbefangenheit genommen Frage: Ende der 1950er Jahre und in den 1960er Jahren wurde viel von engagierter Literatur geredet; der Begriff wurde als Synonym für nonkonformistisches Verhalten in einer restaurativen Zeit verwendet; Handke hat einmal gesagt, es gebe keine engagierte Literatur/Kunst, sondern nur engagierte Schriftsteller; was hat "engagierte Literatur" damals für Grass bedeutet und welchen Wandel hat diese durchgemacht? Grass: Sowohl engagierte Literatur als auch engagierte Schriftsteller sind für Grass "weiße Schimmel"; er benutze keinen dieser Ausdrücke für sich bzw. seine Literatur; das Schriftsteller und Literatur engagiert seien, sei für ihn eine Selbstverständlichkeit Frage: Stimmt Grass der These zu, dass sich die Literatur Mitte der 1960er Jahre geteilt hat in eine unmittelbar politische und eine, die den Rückzug in die Innerlichkeit versucht oder gar durchführt? Grass: Bei manchen sei dies deckungsgleich; bei jüngeren Autoren beobachte er nach den 68ern den verständlichen Rückzug auf die eigene Person; derartige Literatur habe für ihn einen esotherischen L'art-pour-l'art-Bezug und seien dabei trotzdem Ausdruck von Gesellschaft Frage: Ist diese Literatur resignativ? Grass: meistens; Resignation sei aber etwas Nützliches und Notwendiges; ohne Resignation gebe es gar keine Erkenntnis; mit den Wechselbeziehungen zwischen Utopie und Melancholie habe er sich intensiv beschäftigt; zum Studentenprotest habe er nur die Haltung einnehmen können, die er in "örtlich betäubt" und im "Tagebuch einer Schnecke" eingenommen habe; dies sei eine skeptische Position gewesen, die trotz Sympathie mit der Bewegung schon zu Beginn den resignativen Rückfall wahrgenommen habe; von denen, die euphorisch gewesen seien, habe das nicht akzeptiert werden können; eine subjektive Sicht gehöre zur Literatur; die Aufteilung in engagierte und L'art-pour-l'art-Literatur solle man nicht aufrecht halten, trotz vereinzelter Agitpop-Literatur, von der "ganz gewiss nichts kommt" Frage: Derzeit macht sich das Urteil breit, dass die Literatur in einer gewissen Lethargie lebt… Grass: Das sei nicht verwunderlich; für die junge Generation sei der Abstand zu den für sie prägenden Jahren noch nicht zu groß ist; diese Abstand sei aber wohl notwendig, und daher rühre der Rückzug auf die eigene Position; die Situation sei vergleichbar mit seiner eigenen nach dem Zweiten Weltkrieg; die Erschütterungen durch den Studentenprotest seien genauso groß gewesen wie die Erschütterungen seiner eigenen Generation; auch seine eigene Generation habe Jahre der Distanz benötigt; Literatur bestehe auch nicht nur aus dem, was die momentan junge Generation produziere; es sei falsch, dem modischen Jugend-Trend der Zeit zu folgen und der Literatur Stillstand zu attestieren Frage: Grass hat sich aus der öffentlicihen politischen Arbeit zurückgezogen; Grass hat auch Willy Brandt öffentlich kritisiert und damit Wirkung erzielt; die politische Landschaft ist offenbar um Figuren und Bewegungsspielraum ärmer geworden Grass: Es habe eine graduelle Veränderung gegeben; die eigenen Wünsche und Vorstellungen, darunter sein eigenes Verhältnis zur SPD und die Wählerinitativen, hätten ein Ende gefunden und seien in gewisser Hinsicht auch gescheitert; die Ära Brandt/Heinemann sei eine "für deutsche Verhältnisse einmalige Periode" gewesen, die aber sehr kurz gewesen sei; Brandt und Heinemann hätten eine Menge Brückenschläge zu den Intellektuellen im weitesten Sinne versucht; was davon bleibe, müsse man erst sehen Frage: Der Versuch der Versöhnung von Macht und Geist… Grass: "Versöhnung" sei etwas hoch gegriffen; dieser Gegensatz sei aber zu prüfen; es gebe auch Schriftsteller, die nicht intellektuell seien (z.B. Böll); in der Phase Brandt/Heinemann sei es zu einer Annäherung und Klärung gekommen, Helmut Schmidt sei vermutlich selbst zu sehr Intellektueller, um den Brückenschlag, den Brandt begonnen habe, auszubauen; Brandt habe nicht nur "intellektuelle Qualitäten" besessen, sondern auch gefühlsmäßige, die ihn zugleich verwundbar gemacht hätten; der liberarle und kollegiale Umgang miteinander sei von Brandts Kabinett missachtet worden; Brandt habe, so Grass' Kritik, nicht erkennen wollen, dass die politischen Kräfe (nicht nur die der Gegener) für seinen Kurs noch nicht bereit gewesen seien; Brandt hätte demzufolge einen "strafferen Kurs" wählen müssen Frage: Brandt hätte sich dann aber selbst widersprochen Grass: Brandt habe "edler" so gehandelt wie er gehandelt habe; vieles Begonnene werde als "Bauruine" stehenbleiben, wenn andere nicht daran weiterarbeiten würden Frage: Ist Grass wegen dieser Entwicklung ein wenig von der Politik enttäuscht? Grass: Nicht nur "ein wenig"; mit den Leistungen der Partei und den eigenen Leistungen könne man sich nicht trösten Frage: Was ist der Grund für die Enttäuschung? Nur die Vorgänge in der Partei oder ist es eine allgemeinere Enttäuschung? Grass: Enttäuschung über die Möglichkeiten der Vernunft; "Enttäuschung" sei nicht das richtige Wort, eher "Verzweiflung"; es gebe Trends und Hinwendungen zu irrationalem Verhalten in der Literatur, die zu guten Ergebnissen führen würden, aber nicht mehr aufklärend wirken könnten Frage: Glaubt Grass immer noch an die Unteilbarkeit von Politik und Moral? Stellt Willy Brandt nicht eine Ausnahme dar und ist deswegen in der praktischen, alltäglichen Politik gescheitert? Grass: Die Praxis der Politik sei, bei feierlichen Anlässen von Moral zu sprechen, aber im Alltag dazu einen Unterschied zu machen; dies sei eine weit verbreitete Praxis, der Wunschzustand sei aber, dass Politik und Moral deckungsgleich würden; dies geschehe aber nur selten oder nie; bei manchen Politikern seien solche Annäherungen zu erkennen; diese würden viel mehr politische Signale senden als machtpolitisch ausgerichtete Siege anderer Politiker; die Infragestellung der Kissinger-Politik oder der Politik des Ostblocks habe in Prag und in Chile stattgefunden, aber auch in Deutschland; die Erinnerung daran werde bleiben, auch ein Maßstab sei gesetzt worden; dies sei der Triumph, der manchmal in Niederlagen stecke; es werde zudem die Hoffnung auf künftige Politiker gesteckt, die eine Deckung von Moral und Politik anstreben; zusammen mit diesem "Erziehungsziel" sollte jedoch gleichzeit die Skepsis wachsen, damit die Hoffnung nicht zu groß werde; politische Arbeit sei nur dann realisierbar, wenn dieses beiden Ziele zusammen angestrebt würden; wenn Politik bloß auf machpolitischen Pragmatismus hinauslaufe, müsse er dieser Politik kritisch gegenüber stehen Frage: Wie ist der Begriff der politischen Moral zu füllen? Grass: Brandt habe gesagt, dass Politik für Menschen gemacht werden müsse; es gebe die von vielen Staaten (u.a. der Sowjetunion) unterschriebenen Menschenrechte, die einen moralischen Anspruch darstellen würden, der zum Teil sehr klar formuliert sei; um diese durchzusetzen, bedürfe es jahrzehntelanger politischer Arbeit Frage: Grass ist gegenüber der Realisierung von Vernunft skeptisch geworden; muss Vernunft für Menschen gemacht werden, muss es nicht sogar eine Art "Diktatur der Vernunft" geben? Grass: Duttschke fordere dies in seinem akutellen Buch und habe damit Recht; dies führe zu einer Pervertierung der Vernunft und schließe das alternative Denken aus; alternatives Denken sei die Voraussetzung für demokratisches Verhalten; selbst der "beste" Beamten-Apparat gehe daran zugrunde, da die (politische) Phantasie verarme Frage: Salvador Allende ist ein Anhänger der Volksfrontpolitik gewesen; diese Idee gebe es auch in den Köpfe westdeutscher Schriftsteller; was hält Grass von dieser Möglichkeit? Wie sollten sich Schriftsteller politisch verhalten? Grass: Die Volksfront sei eine abstrakte Idee; das Problem lasse sich nur fallweise beurteilen; in Deutschland sei dies indiskutabel: Die SPD könne mit der DKP keine Volksfront bilden; dies gelte für jede kommunistische Partei, die sich bedingungslos zur stalinistisch-leninistischen Richtung bekenne; am wenigstens treffe dies für die Kommunistische Partei in Italien zu; dort könnte sich die Frage der Volksfront am ehesten stellen Frage: Wird man duldsamer oder unduldsamer je älter man wird? Anlässlich der Solschenizyn-Diskussion hat es Auseinandersetzungen u.a. mit Walser gegeben; Grass hat sich sehr scharf geäußert Grass: Im Verlauf der Jahre habe er den Andersdenkenden und auch den Kommunisten gegenüber mehr Toleranz bewiesen als umgekehrt; Toleranz sei nicht gerade die Stärke der Kommunisten; im Fall Solchenizyn habe auch seine Toleranz ihre Grenze erreicht; ein anderes Beispiel sei Biermann vs. Degenhardt: vor Biermann habe er Respekt, seine Arbeit sehe er aber kritisch; wenn ein Biermann-Epigon sich mit einer Partei konform erkläre, die Intoleranz praktiziere, müsse eine starke Reaktion erfolgen Frage: In Deutschland verschärft sich das Klima (Stichwort Radikalenerlass); ist dies gerechtfertigt? Grass: Dies sei nicht gerechtfertigt; er sei seit Jahren gegen den Radikalenerlass; der Radikalenerlass zeige, dass sich die Demokratie ihrer Stärke offenbar nicht bewusst sei; die Bundesrepublik vertrage ohne Probleme 3000 bis 4000 Kommunisten bzw. Linke



Urtitel:
Moral, Politik und Literatur - Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Vor 15 Jahren…Aufforderung zur Denunzierung.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Person:
Heißenbüttel Helmut; Böll Heinrich; Andersch Alfred; Koeppen Wolfgang; Frisch Max; Enzensberger Hans Magnus; Walser Martin; Johnson Uwe; Solschenizyn Aleksandr
Werke:
Die Blechtrommel; Aus dem Tagebuch einer Schnecke
Sach:
Gruppe 47
Zeit:
1960er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
03.12.1974
Datum Erstsendung:
31.05.1975
Aufnahmeort:
Hannover
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:42:11
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:42:11
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF)
Archivnummer:
6906202000 Tonträgerverweis:W203596
Produktionsnummer:
HW203596
Teilnehmende:

Person:
Arnold, Heinz Ludwig (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Kesting, Hanjo (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Moral, Politik und Literatur - Gespräch mit Günter Grass. Hannover .

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