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DB-Nummer: 2017

Siegfried Lenz als Bundespräsident

Frage: Der von CDU/CSU vorgeschlagene Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Carl Karstens wird voraussichtlich die Wahl gewinnen; Grass behagt dies nicht, er hat einen anderen Vorschlag - warum? Grass: Hätte es begrüßt, wenn Walter Scheel im Amt geblieben wäre; die junge Generation wende sich aufgrund des "Parteienstaats" und des Bonner Establishments vom Staat ab; Carstens sei in dieser Zeit nicht der geeignete Kandidat; Carstens sei konservativ und reaktionär und wolle den repräsentativen Ordnungsstaat; er selbst [Grass] habe eine Alternative vorgeschlagen; als Hindenburg 1932 für das Präsidentenamt kandidiert habe, sei von Seiten der Schriftsteller Heinrich Mann als Gegenkandidat vorgeschlagen worden; die Weimarer Republik habe dies damals nicht begriffen; die gegenwärtige Bundesrepublik zeichne sich auch im Ausland durch ihre große kulturelle Leistung aus, insbesondere im Bereich der Literatur; darum sei Siegfried Lenz als geeigneter Kandidat vorstellbar; dies könnte es auch der jungen Generation möglich machen, sich mehr zu engagieren; es gebe eine neue "Ohne-mich"-Bewegung, der man so entgegen wirken könne. Frage: Mit dem Namen Siegfried Lenz ist auch ein moralischer Anspruch verbunden, die positiv auf die junge Generation wirken könnte; Grass hat aber darauf hingewiesen, dass der Vorschlag, Heinrich Mann zum Bundespräsidenten zu wählen, seinerzeit mit Hohn bedacht worden ist; könnte dies nun nicht wieder passieren in Bezug auf Siegfried Lenz? Grass: kann sich dies nicht vorstellen und würde es schrecklich finden; dann sei Bonn wie Weimar; Carstens sei zwar nur ein "Mini-Hindenburg", aber es gebe reaktionäre Tendenzen in Deutschland; dies sei eine gefährliche Tendenz; Siegfried Lenz werde nicht nur von der jungen Generation respektiert; auch die ältere Generation sei Lenz dankbar, dass er literarisch eine verlorene Provinz (Ostpreußen) wieder habe aufleben lassen; dies sei u.a. eine große Leistung von Siegfried Lenz. Frage: Fürchtet Grass den Vorwurf der politischen Naivität? Grass: Man habe Carl von Ossietzky, der damals mit anderen zusammen Heinrich Mann vorgeschlagen habe, auch für naiv gehalten; rückblickend sei aber nicht Carl von Ossietzky der Naive gewesen, sondern vorausschauend eine starke Gegenkraft nominiert; es sei fraglich, ob Heinrich Mann die Weimarer Republik gerettet hätte, der Widerstand gegen den Nazismus wäre aber sicher stärker gewesen; man solle Bonn nicht mit Weimar gleichsetzen; man brauche aber einen Mann an der Spitze, der die Ermüdung und die "Verschleißmomente" im Staat erkenne und der jungen Generation Orientierung gebe; Lenz sei dafür der Richtige. Frage: In der Bundesversammlung besitzt die CDU/CSU die Mehrheit; untergraben Grass' Vorschläge nicht die demokratischen Prozesse? Grass: Er [Grass] schlage deshalb einen Kandidaten vor, der nicht polarisiere und der von allen drei großen Parteien in der Bundesversammlung akzeptiert werden könnte. Frage: Glaubt Grass, dass CDU/CSU in der Lage sind, Grass' Vorschlag ernsthaft zu diskutieren? Grass: CDU/CSU wären damit gut beraten; die CDU/CSU sei nicht mehr in der Lage, Perspektiven und politischen Weitblick zu entwickeln; es sei nirgendwo festgelegt, dass der Bundespräsident einer Partei angehören müsse; die Ansichten von Lenz seien demokratischer Art, er komme also als Kandidat in Frage; die CDU/CSU habe die Möglichkeit, über ihren eigenen Schatten zu springen. Frage: Kann sich Grass einen anderen überparteilichen Kandidaten vorstellen? Grass: Es gebe eine Reihe von möglichen Kandidaten im kulturellen Bereich; auch Golo Mann sei denkbar; niemand solle hinterher behaupten, es habe keine Alternativen gegeben; unter dem Dach der Literatur bzw. der beiden deutschen Literaturen habe sich als verbindendes Element die deutsche Sprache weiterentwickelt seit 1945; einer, der dazu gehöre, sei Siegfried Lenz; es gebe keinen besseren, der diese kulturellen Leistungen Deutschlands wieder in den Vordergrund stellen könne; die wirtschaftlichen Leistungen Deutschlands würden im Ausland wahrgenommen, aber auch die kulturelle und intellektuelle Vielfalt.



Urtitel:
Günter Grass im Gespräch mit Hanjo Kesting
Anfang/Ende:
Herr Grass, im…Dank, Herr Grass.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten im Mai 1979; die CDU/CSU hat Karl Carstens als Kandidaten vorgeschlagen

Schlagworte:

Person:
Scheel Walter; Carstens Karl; Ossietzky Carl von; Mann Heinrich; Mann Golo; Lenz Siegfried
Sach:
Bundespräsident; Wahl; CDU; CSU; Weimarer Republik
Geo:
Bonn; Weimar; Ostpreußen
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
03.05.1979
Datum Erstsendung:
03.05.1979
Aufnahmeort:
Hannover
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:14:47
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:14:43
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Journal 3 für Kultur und Politik
Archivnummer:
6907523
Produktionsnummer:
0
Teilnehmende:

Person:
Kesting, Hanjo (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Günter Grass im Gespräch mit Hanjo Kesting. Hannover .

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