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DB-Nummer: 2027

Über die Propaganda des Iran und die sogenannte Antisemitismuskeule

Frank Höfer (NuoViso Filmproduktion) liest "Was gesagt werden muss" Gespräch mit Jürgen Elsässer (Herausgeber Compact-Magazin) Frage: Funktioniert die Antisemitismus-Keule? Elsässer: Antisemitismus-Vorwürfe seinen die "mächstigste Waffe zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit", die politische Gegner einschüchtern solle; jeder der Israels "Angriffspolitik" kritisiere, müsse mit diesen Vorwürfen rechnen; von Grass sei es darum mutig, diese Äußerungen getan zu haben und sein literarisches Ansehen als Nobelpreisträger dafür einzusetzen, um im Vorfeld eines möglichen Angriffs Israels auf den Iran Position zu beziehen; dies hätte man von anderen Intellektuellen und von Oppositionspolitikern auch erwarten müssen; Grass spreche mit den U-Booten die deutsche Beihilfe zu "einre völkerrechtswidrigen Aktion und sogar eines Atomkrieges" an; diese U-Boote (Typ Dolphin) könnten atomar bestückt werden; diese Waffen könnten dann eingesetzt werden, um die iranischen Bunkeranlagen zu zerstören; Deutschland halte den Atomwaffensperrvertrag zwar ein, liefere aber Atomwaffenträger an ein Land [Israel], das den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet habe; Israel besitze laut Expertenangaben 200 bis 400 Atomsprengköpfe; angesichts dieser Tatsachen sei es verwunderlich, dass Grass der einzige sei, der das Wort ergreife; Grass weise selbst darauf hin, dass er mit seiner letzten Tinte schreibe; Grass wolle nicht noch einmal mitschuldig werden; Grass ist in der Waffen-SS gewesen und habe dies zu spät zugegeben; Grass sei aber ohne jeden Zweifel eni Antifaschist und ziehe aus dieser Haltung die Konsequenz, einen Angriffskrieg klar und deutlich abzulehnen; das Gedicht sei in den "fünf [eigentlich drei: Süddeutsche Zeitung, La Repubblica und El País] weltgrößten Tageszeitungen gleichzeitig" veröffentlich worden; dies deute darauf hin, dass Grass dies koordiniert habe und möglicherweise von anderen "Meinungsmachern" oder politischen Kräften unterstützt worden sei; dies sei ein Hinweis darauf, dass Grass fürchte, dass der Krieg bald ausbreche; es sei also tatsächlich eine politische Intervention, um den Krieg noch zu verhindern; der letzte Politiker, der derartiges versucht habe, sei Jürgen Möllemann gewesen; auch dieser habe "die Antisemitismuskeule übergebraten bekommen" Frage: Das Vorgehen Israels kann man kritisieren; welche Hauptgründe gibt es, die Atomanlagen im Iran zu bombadieren? Elsässer: Die "Propaganda" gegen den Iran arbeite mit zwei Stereotypen; das iranische Regime sei natürlich kein demokratisches; die Menschenrechtsverletzungen müssten kritisiert werden; der erste Vorwurf an den Iran sei jedoch, dass der Iran Atomwaffen produziere; der zweite Vorwurf sei der, dass der Iran von einer antisemitischen beherrscht sei und Israel auslöschen wolle; der Iran werde als Wiedergänger von Nazi-Deutschland dargestellt, Mahmud Ahmadinedschad als Nachfolger von Adolf Hitler; Netanjahu habe diese Vergleiche gezogen und vor einem neuen Feldzug des Antisemitismus gewarnt; dies sei die Funktionsweise der "Propaganda"; im Unterschied zu Israel habe der Iran aber den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben; der Atomwaffensperrvertrag bestehe auch zwei Komponenten: er verbiete die Herstellung von Atomwaffen, erlaube aber ausdrücklich die zivile Nutzung der Kernenergie; der Iran betreibe Anlagen im letztern Sinne; diese Anlagen können durch die Atomenergiebehörde ständig kontrolliert werden; dabei sei noch nie angereichertes Material entdeckt worden; atomare Geheimanlagen gebe es demnach im Iran nicht; der amerikanische Präsidentschaftkandidat John McCain habe dies zuletzt behauptet; diese Anschuldigen seien aber absurd; Anlagen zum Bau von Atombomben hätten eine sehr starke Energieabstrahlung und könnten daher von Sateliten entdeckt werden; der Streit des Iran mit der Atomenergiebehörte betreffe nicht die geregelten Kontrollen, sondern "freiwillige Zusatzleistungen"; vertragsmäßige Kontrollen würden aber stattfinden; die Vorwürfe an den Iran würden aus nicht verifizierten Geheimdienstquellen stammen; es sei hier ein Unterschied in der Arbeit der Kontrollbehörde zwischen Mohammed el-Baradei festzustellen; el-Baradei habe bewusst auf Geheimdienstinformationen verzichten wollen vor dem Hintergrund der angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak 2002; Yukiya Amano, der jetzige Leiter der Atomenergiekontrollbehörde verwende nun wieder Erkenntnisse der Geheimdienste, deren Ursprung unklar sei; die Kontrollbehöre habe vor kurzem berichtet, dass man keinen Zugang zu militärischen Anlagen in der Nähe von Teheran habe; diese seien aber keine Atomanlagen und unterstünden daher nicht der Behörde; in diesem Militäranlagen würden nur Computersimulationen durchgeführt; Israel besitze hingegen tatsächlich Atombomben, die nicht der Kontrolle unterliegen würden; ein weiterer Vorwurf seien die Vernichtungsdrohungen des Iran gegenüber Israel; in der Innenpolitik von Mahmud Ahmadinedschad finde sich eine derartige Drohung nicht wieder; der Iran habe die größte jüdische Gemeinschaft im gesamten Nahen Osten außerhalb von Israel; in der Außenpolitik werde Mahmud Ahmadinedschad 2005 zitiert; Mahmud Ahmadinedschad soll diese Vernichtungsdrohung damals geäußert haben; die Übersetzung des Zitates sei aber gefälscht worden; in einer Neuübersetzung sei deutlich geworden, dass Mahmud Ahmadinedschad einen historischen Exkurs gemacht habe und vom Zerfall unterdrückerischer Regime gesprochen; Ahmadinedschad habe eine Prognose angeschlossen und den Untergang des "zionistischen Regimes" vorhergesagt; dies sei also eine Prognose und keine Drohung gewesen; Ahmadinedschad wolle einen Wechsel des Regimes in Israel; dieses Regime sei selbst von Sigmar Gabriel (SPD) als Apartheits-Regime bezeichnet worden; Ahmadinedschad unterscheide also zwischen dem Regime und dem Volk Israels und wünsche sich eine demokratische Führung. Frage: Wenn derartige Dinge angesprochen werden, kommt es zu medialen Hinrichtunge (siehe Günter Grass bzw. "Was gesagt werden muss"); Benjamin Netanjahu stößt in Washington nicht auf volle Unterstützung Elsässer: Netanjahu sei 2012 in Washington bei Barak Obama gewesen und habe dort auf einen Angriff gedrängt; das Treffen sei sehr frostig gewesen; Netanjahu habe eine Bibelstelle über den Sieg über die Perser zu diesem Besuch mitgebracht; dadurch habe er deutlich gemacht, welche Verbindung er zwischen Religion und aktueller politischer Lage sehe; Obama habe in dieser Situation gebremst, da er im Wahljahr keine Krieg führen wolle; die militärischen Kapazitäten des Iran seien stärker als die des Irak, Libyens, Syriens und Afghanistans zusammen; die USA hätten vor allem das geostrategische Interesse, ihre Konkurrenten zu schwächen, vor allem China; der Iran spiele dabei eine wichtige Rolle, da über den persischen Golf die chinesischen Exporte bedient würden; über eine Kontrolle des persischen Golfes könne man also auch China kontrollieren; zudem spiele die Doller-Poltiik der USA eine Rolle; durch die Wirtschaftskrise sei der Doller unglaubwürdig geworden; der Dollar könne aber durch das Öl stabilisiert werden; wenn sich Länder von dem Dollar-Verkauf ausnehmen würden, würde ein Domino-Effekt entstehen; dieser Effekt sei auch das Todesurteil für Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi gewesen; seit 2008 würden die Iraner die Hälfte ihres Exportes nicht mehr über Dollar abwickeln; dies würden die USA stoppen wollen, um eine Sogwirkung zu verhindern; es gebe daneben auch irrationale Gründe für einen Krieg, etwa die religiösen Hintergrunde; radikale Christen und radikale Juden würden sich verbünden und eine letzte Schlacht gegen den Islam heraufbeschwören; diese Verbindung von Extremisten sei ein unkalkulierbares Moment; die Geheimdienste der USA und Israels hätten bereits im Irak-Konflikt Geschichten erfunden, die sich im Nachhinein alle als falsch erwiesen hätten; es sei aber zu hoffen, dass Obama die Situation kontrollieren könne; Netanjahu sei auf radikale Kräfte angewiesen. Frage: Grass hat diese Dinge in seinem Gedicht mit "sehr seichten Worten angerissen", bekommt aber starken medialen Gegendruck; Elsässer: Die Rolle der Medien habe sich stark verschlechtert; die Medien seien früher die vierte Gewalt im Staat gewesen, die die Politik kontrolliert habe; dies sei nun umgekehrt; Beispiel: Guido Westerwelle, der von den Medien angegriffen werde und ihn in den Krieg drängen wollten; die Medienlandschaft sei sehr monopolisiert; der "Spiegel" unter Augstein und die "Zeit" seien inzwischen pro-amerikanisch; der Springer-Konzern sei tonangebend in den Printmedien und sei dabei amerikanischen und israelischen Interessen verpflichtet; die Juden und Israelis seien nicht für den Krieg, es handele sich nur um eine radikale Clique; diese schlage nun auch auf Grass ein, dämonisiere den Iran und verherrliche die Kriegsvorbereitungen; fatal sei, dass die Linke in Deutschland und ihre Medien vom israelischen Einfluss erfasst worden seien und diesen gegenüber kapituliert hätten; darum sei die Autorität des Nobelpreisträgers Grass nötig gewesen, um die Süddeutsche Zeitung dazu zu bringen, sich für diese offensichtlichen Argument zu öffnen; der Iran habe seit 2000 Jahren kein anderes Land angegriffen, während Israel seit 1967 immer wieder Angriffskriege führe und halte fremde Territorien unter Besatzung. Frage: Wird der neue Bundespräsident Joachim Gauck überschätzt? Elsässer: bestätigt; das Amt des Präsidenten sei so ausgelegt, dass dieser nicht viele Kompetenzen habe; er könne nur Reden halten und dadurch Akzente setzen; auf dieser Ebene könne Gauck aber eine starke Figur werden, da er parteilos sei; Gauck habe sich viel vorgenommen; von wirtschaftlichen Dingen habe er dagegen wenig Ahnung und habe auch die Occupy-Bewegung als Kinderei abgetan.



Urtitel:
Günter Grass: Was gesagt werden muss. Im Gespräch mit Jürgen Elsässer
Anfang/Ende:
Jetzt aber sage…Einladung. Bis bald.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Statement
Historischer Kontext:

Compact ist eine monatlich erscheinende politische Zeitschrift. Chefredakteur ist Jürgen Elsässer, Redaktionssitz ist Leipzig.

Schlagworte:

Person:
Möllemann Jürgen; Ahmadinedschad Mahmoud; Netanjahu Benjamin; Gauck Joachim; Obama Barack; Westerwelle Guido; Hitler Adolf; Gabriel Sigmar
Werke:
Was gesagt werden muss
Sach:
Atomkonflikt; Gedicht; U-Boot; Atomwaffen; Antisemitismus
Geo:
Iran; Israel; USA; Irak
Zeit:
1967
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
06.04.2012
Datum Erstsendung:
06.04.2012
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:38:49
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
MPEG 4
Kopie:

Länge der Kopie:
00:38:37
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Teilnehmende:

Person:
Elsässer, Jürgen (Vorredner(in))
Person:
Höfer, Frank (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Günter Grass: Was gesagt werden muss. Im Gespräch mit Jürgen Elsässer. unbekannt .

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