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DB-Nummer: 2031

Als erzählender Zeitgenosse unter Berücksichtigung der Vergangenheit parallel zur Zeit schreiben

Günter Grass im Gespräch mit Horace Engdahl und Pernilla Rosell-Steuer (Doktorandin an der Universität Stockholm, arbeitet über "Ein weites Feld") Rosell-Steuer: Die Deutsche Geschichte spielt im Gesamtwerk von Grass eine wichtige Rolle; für Nicht-Deutsche bietet seine Literatur eine Innenansicht deutscher Geschichte; ist es Aufgabe der Literatur, Geschichte nicht nur lesbar, sondern auch erlebbar zu machen? Grass: will nicht pauschal "die Aufgabe der Literatur" definieren; die Themen seien für ihn manchmal unausweichlich; seine Begabung sei anfangs ästhetisch-spielerischer Art gewesen; um die Stoffmasse habe er zunächst einen Bogen gemacht; die jüngste deutsche Geschichte und die Nachkriegsgeschichte seien dann aber unausweichlich geworden; er bewege sich als Zeitgenosse und schreibe "parallel zur Zeit"; oft verbinde man mit Literatur das rückblickende Schreiben, das "raunende Imperfekt"; dies sei aber nur eine Möglichkeit; Fontane habe seinen letzten Roman "Der Stechlin" und auch "Frau Jenny Treibel" "parallel zur Zeit" geschrieben und sei dadurch in den Fokus der Kritik geraten; dieses Risiko gehöre zum Schreiben dazu; durch dieses Zusammenspiel aus Zeitgenossenschaft, Schreiben "parallel zur Zeit" und "Last und Bürde der Vergangenheit" sei sein Schreiben bestimmt; allgemein gesprochen sei Zukunft nicht zu bewältigen ohne Kenntnis der Vergangenheit; das Verhaftetsein in der Gegenwart mache "blind und zukunftsunfähig" Engdahl: Grass behandelt Geschichte auf unterschiedliche Weise; wie lassen sich diese Geschichtskonzeptionen vereinen? Grass: "Protest gegen die ideologischen Festlegungen" von Geschichte (Kommunismus, Faschismus, Kapitalismus); diese Ideologien würden immer Endziele festlegen; für ihn aber sei der Weg wichtiger als das Ziel; die moderne Interpretation von Camus von Sisyphos als glücklichem Steinewälzer spiegele dies wider; in den 68er Protesten habe er [Grass] zwar dem Fortschritt zugestimmt, den Fortschritt aber als Schnecke gesehen; man könne zwar große Sprünge im Sinne Maos machen, aber übersprungene Phasen würden liegen bleiben und irgendwann zurückschlagen; diese Erfahrungen habe er gesammelt und erzählerisch umgesetzt; er blicke auf die Geschichte "von unten her", also aus Sicht der einfachen Menschen, denen Geschichte wiederfahre; von der "Blechtrommel" bis zu "Mein Jahrhundert" seien dies seine Themen gewesen Rosell-Steuer: "Mein Jahrhundert" ist das Gegenteil von einem normalen Geschichtsbuch; Grass fokussiert darin alltägliche Details; warum erzählt Grass sein Jahrhundert auf diese Weise? Grass: aus diesen Detail setze sich Leben zusammen; schon in der "Blechtrommel" erzähle er aus einer solchen Perspektive; das 20. Jahrhundert sei ein "mörderisches" Jahrhundert, aber auch das Jahrhundert der Schallplatte und das der aufkommenden Medien (Fernsehen, Rundfunk); dies habe er aus einer kleinbürgerlichen Sicht erlebt und dies bringe ihn zum Erzählen; die Literatur könne "auf erzählerische Weise etwas leisten, was den anderen Disziplinen versperrt ist" Engdahl: Im "Butt" ist es das Essen, das Grass zum Erzählen bewegt; in der Romantik hat es einen Denker gegeben, der die Ernährung in den Kontext des romantischen Allkunstwerks stellen wollte: Karl Friedrich von Rumohr; dieser veröffentlichte 1932 das Buch "Geist der Kochkunst"; kennst Grass das Buch? Grass: Es sei immer wieder vergessen worden, dass Kochkunst die Spitze einen ganzen Themenfeldes sei: die Geschichte der Ernährung; heute könne man global kommunizieren und sei eine "überinformierte Gesellschaft"; ungelöst sei allerdings nach wie vor die Ernährungsfrage; der Welthunger nehme sogar noch zu; in der Geschichtsschreibung werde dieses Thema überhaupt nicht behandelt; dass beispielsweise durch die Entdeckung Amerikas neben der Hirse die Kartoffel als zweites Ernährungsfundament hinzugekommen sei, werde in der Geschichtsschreibung meist übersehen oder zu gering geschätzt; zugespitzt ließe sich sagen, dass die Einführung der Kartoffel in Preußen mehr verändert habe als die Schlachten des Siebenjührigen Krieges; dies lasse sich auf andere Bereiche Europas übertragen Engdahl: Rumohr hat behauptet, dass die kulturellen Unterschiede in Europa durch den Unterschied zwischen Butter, Bouillon und Olivenöl erklärbar seien; dies erscheint nicht absurd… Grass: stimmt zu; bis ins 19. Jahrhundert hinein habe es die Rumfordsche Suppe gegeben; die großen genossenschaftlichen Küchen seien mit dieser Armensuppe vorweggenommen worden Rosell-Steuer: Grass spricht oft von der Macht der Literatur und des Erzählens; haben Schriftsteller mehr Macht als es allgemein wahrgenommen wird? Grass: Vom herkömmlichen Macht-Begriff her stünden die Schriftsteller ganz unten; Literatur habe eine zeitverzögerte Wirkung; der Titel seiner Rede "Fortsetzung folgt" beziehe sich nicht nur auf das Forterzählen sondern auch auf die Fortentwicklung der Zensurmaßnahmen, d.h. die Unterdrückung von Literatur und von Autoren; auch dies seien Fortsetzungsgeschichten; wenn man auch heute noch gegen Schriftsteller und ihre Literatur vorgehe und sie verfolge, müsse es eine verborgene Macht in der Litertur geben; Literatur werde gefühchtet, inbesondere das "penetrante Beharren" darauf, dass Geschichte sich anders abgespielt hat wie es in der offiziellen Geschichtsschreibung festgehalten sei; Literatur schreibe die Geschichte der Verlierer, während Geschichte normalerweise von den Siegern geschrieben werde; Literatur werde dadurch unbequem, auch wenn sie dies gar nicht wolle; Ovid sei nicht wegen seiner "Metamorphosen", sondern wegen seiner "Liebesspiele" verbannt worden Rosell-Steuer: Kann diese Macht der Schriftsteller auch missbraucht werden? Grass: Es sei ärgerlich, dass der Begriff "Intellektueller" immer als Zeichen für Qualität angesehen werde; es gebe auch rechtsradikale Intellektuelle (z.B. Goebbels sei ein solcher gewesen); auch in der Literatur gebe es Demagogen; Schriftsteller wie Gottfried Benn seien wunderbare Schriftsteller gewesen, aber im Politischen hätten sie "wie Kinder reagiert" Engdahl: Grass hat einmal gesagt, dass die Literatur bei den Mächtigen schon deswegen unpopulär sei, da sie zeige, dass es mehr als eine Wahrheit gebe; wenn es nur eine Wahrheit gibt, wird die Literatur offenbar für sich selbst gefährlich, sie schadet sich selbst... Grass: stimmt zu; die herrschende Macht (Kirche, Regierung, politische Systeme) gehe immer davon aus, dass es nur eine Wahrheit gebe; diese Wahrheit trete als Doktrin auf und scheitere letztlich an sich selber; Literatur dagegen gehe von vielen Wirklichkeiten aus (Beispiel auch: der indische Film "Rashômon", bei dem aus verschiedenen Perspektiven erzählt werde und mehrere Wahrheiten zusammen kämen)



Urtitel:
Im Gespräch mit dem Nobelpreisträger Günter Grass
Anfang/Ende:
Guten Tag, ähm, ich…ein Geheimnis offen.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Horace Engdahl ist ein schwedischer Literaturwissenschaftler, Kritiker, Essayist und Übersetzer, der von 1999 bis 2009 das Amt des Ständigen Sekretärs der Schwedischen Akademie innehatte Carl Friedrich Ludwig Felix von Rumohr (* 6. Januar 1785 in Reinhardtsgrimma bei Dresden; † 25. Juli 1843 in Dresden) war ein deutscher Kunsthistoriker, Schriftsteller, Zeichner und Maler, Agrarhistoriker, Gastrosoph, Kunstsammler und Mäzen.

Schlagworte:

Person:
Fontane Theodor; von Rumohr Carl Friedrich Ludwig Felix; Camus Albert; Benn Gottfried; Goebbels Joseph; Ovid
Werke:
Ein weites Feld; Frau Jenny Treibel; Der Stechlin; Mein Jahrhundert
Sach:
Nobelpreis; Geschichte; Gegenwart; Vergangenheit; Schreiben; Sisyphos-Mythos; Geschichtsschreibung
Zeit:
20. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
02.12.1999
Aufnahmeort:
Stockholm?
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:15:11
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
MPEG 4
Kopie:

Länge der Kopie:
00:15:02
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Teilnehmende:

Person:
Engdahl, Horace (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Rosell-Steuer, Pernilla (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Im Gespräch mit dem Nobelpreisträger Günter Grass. Stockholm? .

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