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DB-Nummer: 2149

Erläuterung des Appells zur PEN Resolution "Flüchtlinge" : Fehlinterpretation der Medien zu Grass vermeintlicher Aussage "Zwangseinquartierungen in Privatwohnungen"



Urtitel:
Günter Grass über die PEN-Resolution Flüchtlinge
Anfang/Ende:
Ursprünglich ging es…Thema aufgegriffen hat.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Statement
Historischer Kontext:

NDR Kultur vom 28.11.2014 mit dem Original Wortlaut: Günter Grass: Mehr Wohnraum für Flüchtlinge Literaturnobelpreisträger Grass: "Ich bin überzeugt, dass in der Breite der Bevölkerung die Bereitschaft für Flüchtlinge, die hier Zuflucht suchen, weit größer ist, als in den Medien dargestellt wird." "Günter Grass will Flüchtlinge zwangsweise einquartieren" - so ist es unter anderem in der "Bild"-Zeitung am Freitag zu lesen. Der Literaturnobelpreisträger soll diese Forderung auf der Benefizgala zum 90. Geburtstag der deutschen Sektion der Schriftstellervereinigung PEN aufgestellt haben. Diese Zuspitzung sei jedoch nicht richtig, sagte das Büro von Günter Grass auf Anfrage des NDR. Nur, wenn es keine anderen Unterbringungsgelegenheiten gebe, dürfe man die Möglichkeit einer Zwangseinquartierung nicht ausschließen. PEN-Generalsekretärin Regula Venske ist verärgert über die Berichterstattung: "Mich erreichen derzeit viele Zuschriften von Menschen, die am Mittwoch mit uns gefeiert und nachgedacht haben und nun empört sind, wie ein ruhiges und differenziertes Gespräch von manchen Medien für reißerische Zwecke instrumentalisiert wird. Journalisten, die offenbar mehr um ihre Gästecouch als um ihr journalistisches Ethos besorgt sind, diskreditieren sich selbst. Und wer jetzt in den Chor der hämisch Hetzenden einstimmt, stellt sich ein Armutszeugnis aus und verwirkt sein Recht, sich noch je in einem Leitartikel oder am Stammtisch auf christliche Werte zu berufen", sagte sie dem NDR. Internationaler Autorenaufruf: "Schutz in Europa" Bei der PEN-Feier wurde ein Appell europäischer Autoren vorgestellt. Die EU-Staaten werden darin aufgefordert, "ein gemeinsames menschenwürdiges Asylrecht zu schaffen, das nicht durch staatlichen Egoismus geprägt ist, sondern vom Geist der Solidarität und Verantwortung". Menschen, die in Europa Schutz suchen, sollten nicht länger behandelt werden, "als wären sie Feinde, die es abzuwehren gilt". In der Erklärung mit dem Titel "Schutz in Europa" werden unter anderem "legale Fluchtwege" für akut gefährdete Menschen aus Kriegsgebieten gefordert und in allen EU-Staaten "die gleichen Chancen auf ein faires Asylverfahren". Flüchtlinge sollten nicht länger ihr Leben riskieren müssen, um nach Europa zu kommen. "Und sie sollen, wenn sie in Europa Asyl suchen, nicht länger kriminalisiert werden". Der Aufruf soll den Schriftstellern Europas über die nationalen PEN-Zentren zur Unterschrift vorgelegt werden. Die beiden Ehrenpräsidenten des deutschen PEN-Zentrums Günter Grass und Christoph Hein zählen zu den Erstunterzeichnern. Die Aussage von Günter Grass im Wortlaut "Mit dem Begriff Fremdenfeindlichkeit wird viel gearbeitet. Die Tatsachen sprechen oft eine andere Sprache. Man sieht, dass bei Aufmärschen von Rechtsradikalen die Gegendemos viel zahlreicher sind. Und das nimmt zu. Ich bin überzeugt, dass in der Breite der Bevölkerung die Bereitschaft für Flüchtlinge, die hier Zuflucht suchen, weit größer ist, als in den Medien dargestellt wird. Und wenn die Angst der Politiker, dieses Thema aufzugreifen, und das heißt auch, Forderungen zu stellen, Wohnraum zu besorgen, Asyl wirklich umzusetzen, nicht es beim Wort zu belassen, ist in der Bevölkerung viel breiter, nur wird diese Forderung nicht gestellt. Wir haben gerade in Deutschland doch im eigenen Haus Erfahrungen gesammelt. Bei Kriegsende kamen annähernd 14 Millionen Deutschsprachige aus den verlorenen Provinzen Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetenland, Pommern, aber auch weit vom Balkan, von überall her, und wurden in allen vier Besatzungszonen zu Recht zwangseinquartiert - weil diese Deutschen wie Fremde behandelt wurden. Ich hab’s in meiner eigenen Familie erlebt, in vielen Zeugnissen ist das belegt worden, wie schwer es ihnen gefallen ist, weil Fremdenfeindlichkeit, Misstrauen gegen Fremde den Menschen wie angeboren ist , sie müssen etwas in sich überwinden, um das wahrzunehmen. Und diese 14 Millionen sind mittlerweile integriert und wenn man auf das Wirtschaftswunder zurückblickt, ohne die 14 Millionen wär‘s gar nicht zu schaffen gewesen. Und das Gleiche gilt für die Gastarbeiter, die in den 60er-Jahren her kamen, die hier Wurzeln geschlagen haben, deren Kinder mittlerweile die deutsche Sprache besser beherrschen als die Sprache ihres Elternhauses. Das sind alles Erfahrungswerte, die man wahrnehmen muss, wenn man einfach pauschal von Fremdenfeindlichkeit redet, und ich glaube, dass diese Erfahrung uns helfen kann, dem, was auf uns zukommt, was du [PEN-Präsident Josef Haslinger, Anm. d. Red.] umrissen hast und was die nächsten Jahrzehnte bestimmen wird, eine Massenwanderung von Menschen, eine Vermischung der Kontinente, auch ganz andere Formen von Macht und Machtausübung werden wir konfrontiert sein, dass man dem nur gewappnet sein kann, wenn man gemachte Erfahrungen mit zu Rate zieht." Quelle: http://www.ndr.de/kultur/kulturdebatte/Das-Statement-von-Guenter-Grass-im-Wortlaut,wortlautgrass100.html

Schlagworte:

Person:
Greiner Ulrich
Sach:
PEN-Zentrum; Europa; Abschiebung; Flucht; Flüchtling; Asylpolitik; Asylrecht; Flüchtlinge; Besatzungszone; Beschlagnahmung; Zwangseinquartierung; Appell; Festung Europa; Bevölkerung; Besatzungszone; Medienkritik; Politik
Geo:
Naher Osten; Europa; Deutschland; Schlesien; Pommern; Ostpreußen; Afrika; Westpreußen
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
07.10.2014
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
02:31:00
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
MPEG 2
Kopie:

Länge der Kopie:
00:02:31
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sendereihe:
Buchpiloten
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Günter Grass über die PEN-Resolution Flüchtlinge. unbekannt .

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Alle Rechte vorbehalten

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