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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 2387

Die Aufgabe der Intellektuellen in unruhigen Zeiten : Eva Menasse spricht über Einmischung (tel.)

Urtitel:
Eva Menasse über Intellektuelle in unruhigen Zeiten
Anfang/Ende:
Gestern haben wir…Schrägstrich NDR Kultur.
Genre/Inhalt:
Literaturkritik
Historischer Kontext:

Anlaß: Veranstaltung zum 90. Geburtstag von Günter Grass Stand: 29.11.2017 08:13 Uhr - Lesezeit: ca.4 Min. "Günter Grass ist abgegangen - andere wachsen nach" In der Lübecker Musik- und Kongresshalle gedenken Intellektuelle, politisch engagierte Einmischer des Schriftstellers Günter Grass, der in diesem Jahr 90 geworden wäre. Der vielleicht weltweit prominenteste Gast ist Salman Rushdie - es lesen aber auch die Autoren des von Günter Grass initiierten "Lübecker Literaturtreffens" - darunter Eva Menasse. Frau Menasse, Günter Grass war einer dieser intellektuellen Einmischer. Aber täuscht der Eindruck, dass diese zwar mehr denn je gefragt sind, aber doch immer weniger oder immer leiser werden? Eva Menasse: Der Eindruck täuscht auf alle Fälle. Ein Günter Grass ist abgegangen - andere wachsen nach. Grass hat das große Talent gehabt, diese anderen auch kennenzulernen und aufzuspüren. Es gibt natürlich auch heute interessante und temperamentvolle Einmischer in Deutschland: Navid Kermani etwa, aber auch Juli Zeh. In Österreich hat es das immer auch in großem Stil gegeben; mein Bruder Robert Menasse gehört dazu. Ich glaube nicht, dass die weniger werden, es kommen nur immer neue Namen dazu. Wird es womöglich inflationär, dass so viele Meinungsäußerungen die eine solitäre, wie es sie früher gegeben hat, jetzt ein bisschen verwässert und man jeden Tag eine Meinung hört? Menasse: Nein, das glaube ich auf keinen Fall. Das ist so eine leicht apokalyptische Weltsicht. Ich glaube, dass das immer insgesamt gleich bleibt. Wenn eine Einmischung solitär ist, in dem Sinn, dass sie sprachlich aufregend ist, sprachlich heraussticht oder vom intellektuellen Zugang her etwas Neues, etwas besonders Polemisches, besonders Temperamentvolles, etwas besonders Ungewöhnliches ist, dann wird sie immer durchkommen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble lobte gestern bei einer Veranstaltung den Intellektualismus sehr und forderte ihn ein. Das klingt fast, als wäre der Intellektuelle heutiger Zeit eher der Mitmacher statt der Gegenspieler oder Einmischer. Ist das die neue Rolle des Intellektuellen? Menasse: Die Rolle des Intellektuellen bleibt immer gleich. Er soll sich nicht dauernd mit Schnellschüssen zu Wort melden, sondern das tun, wofür er gut ist: lange nachdenken und dann mit abgehangenen Meinungen und Analysen rauskommen. Er soll das Gegengewicht sein zu dem journalistischen Schnellschuss oder dem der Bevölkerung, die sich heute überall über die Sozialen Medien zu Wort melden kann. Nur dann wird seine Meinung auch weiter gehört werden, wenn er es anders macht, wenn es eine tiefe Analyse ist oder etwas, was ihm wirklich nahe geht. In Köln wurde kürzlich der 100. Geburtstag von Heinrich Böll gefeiert. Das ist auch so ein Einmischer gewesen, oft Seite an Seite mit Günter Grass. Wenn man heute noch die journalistischen Texte, die politischen Interventionen liest, sieht man schon, was da anders ist als dieses allgemeine oberflächige Geräusch, das wir heute auf allen Kanälen haben. Das sind immer Einmischungen von einer besonderen Qualität, manchmal auch Polemik. Ein Mensch wie Heinrich Böll wird heute gerne abgecancelt als "Gutmensch" oder als "Moralist" - und das ist negativ gemeint. Wie kann es sein, dass so etwas heute negativ gemeint ist? Menasse: Das ist nur von manchen negativ gemeint. Es gibt immer Menschen, die dafür, und Menschen, die dagegen sind. Es gibt genauso die Leute, die sagen, man braucht heute mehr von den Moralisten, die noch von Anstand, Einmischung, vom Rechtsstaat und von der Demokratiepflege reden. Ich glaube das alles nicht. Ich glaube nicht, dass es mehr oder weinger wird - es verändert sich in der Qualität der Einmischung. Das hat auch etwas mit den neuen Medien zu tun. Aber wir können darauf vertrauen, dass es in Westeuropa immer wieder zu guten und interessanten intellektuellen Einmischungen kommen wird. Wäre jetzt ein Moment der Einmischung? Wir haben eine politisch schwierige Situation: Die Regierungsbildung in Deutschland kommt nicht recht voran. Wie kommuniziert man? Geht man weiter Kompromisse ein? Da könnte jemand von außen ein klärendes oder meinungsbildendes Wort sprechen. Davon hört man aber verhältnismäßig wenig. Wäre jetzt der Moment des Intellektuellen? Menasse: Ich finde, überhaupt nicht. Das ist jetzt der Moment der Politik, der Parteien, der politischen Handlungsträger. Die sollen sich jetzt zusammenraufen. Das ist genau das, was ich am intellektuellen Einmischen für falsch halte und was Leuten auf die Nerven geht: wenn sich dauernd eingemischt wird. Wir stehen vor keiner Krisensituation. Es ist im Moment eine Übergangssituation, und die sollen jetzt mal machen. Und danach kann man beurteilen. Diese Ruhe und dieses sich selbst Zeit geben und Zeit nehmen ist das, was ich von einem seriösen Intellektuellen immer erwarten würde. Das Interview führte Jürgen Deppe.   Quelle: https://www.ndr.de/kultur/Eva-Menasse-ueber-Intellektuelle-in-unruhigen-Zeiten,journal1084.html vom 29.11.2017

Schlagworte:

Person:
Schäuble, WolfgangGND; Kermani, Navid; Böll, HeinrichGND; Rushdie, SalmanGND
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
28.11.2017
Aufnahmeort:
Lübeck
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
mp3
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Teilnehmende:

Person:
Menasse, EvaGND (Sprecher(in))
Person:
Deppe, JürgenGND (Interviewpartner)
Person:
Deppe, JürgenGND (Autor(in))
Anmerkung:
Download aus Internet

Zitieren

Zitierform:

Deppe, Jürgen: Eva Menasse über Intellektuelle in unruhigen Zeiten. Lübeck .

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