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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 2429

Der Intellektuelle mit hoher Integrität : zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll

Urtitel:
Stephan Lohr im Gespräch: Böll - "Ein Intellektueller von hoher Integrität"
Anfang/Ende:
Mit Claudia Christophersen…wünscht Claudia Christophersen.
Genre/Inhalt:
Biographie
Historischer Kontext:

Böll - "Ein Intellektueller von hoher Integrität" Heinrich Böll hatte ein Gespür für Stimmungen, für Schwankungen, war ein genauer Beobachter seiner Zeit. Als das "Gewissen der Nation" wurde er bezeichnet, was ihm nicht gefallen hat. Trotzdem war er zu seiner Zeit, im Nachkriegsdeutschland und in der jungen Bundesrepublik, eine moralische Leitfigur, eine moralische Instanz. Vor 100 Jahren, am 21. Dezember 1917, wurde Heinrich Böll geboren. Der Böll-Kenner und früherer Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion Stephan Lohr spricht über den streitbaren Dichter. Herr Lohr, Heinrich Böll hat unglaublich viel geschrieben, durch die Gattungen durch: Romane, Gedichte, Hörspiele, Erzählungen jede Menge Kurzgeschichten, Essays - alles sehr nachdenkliche Texte, die auch heute aktuell sind. Stichwort: "Fake news", er hat Medienkritik betrieben. Zur Flüchtlingspolitik hätte er etwas zu sagen gehabt. Trotzdem wird Böll zu diesen Debatten recht wenig befragt. Stephan Lohr: Das ist richtig - aber Böll ist 32 Jahre tot. Und er war ein Zeitgenosse seiner Zeit. Zeitgenossenschaft war fast eine ästhetische Kategorie für Bölls Schreiben. Böll war zuallererst ein Schriftsteller, ein literarischer Schriftsteller deutscher Sprache, dessen literarische Karriere - er hat schon als Schüler und Student vor dem Krieg angefangen, zu schreiben - in den 50er-Jahren beginnt. Dieser Böll hat sich verhalten zu politischen Ereignissen seiner Zeit. Natürlich gäbe es heute Anlässe zu sagen: Da hat es schon mal so etwas gegeben wie einen öffentlichen Intellektuellen mit einer nicht unerheblichen Wirksamkeit. Aber wir reden dann von den 60er-, 70er-, 80er-Jahren. Aber 1985 war Bölls Leben zu Ende, und seitdem ist unendlich viel passiert, was die Welt verändert hat: Zu Bölls Zeiten gab es kein Handy, keine Rollkoffer, keine Digitalisierung, Böll hat noch auf einer klappernden Schreibmaschine geschrieben und nicht auf dem Computer. Böll ist heute historisch zu betrachten. 1951 wurde Böll zur Tagung der Gruppe 47 eingeladen. Gleich bei diesem ersten Treffen hat er eine Geschichte "Die schwarzen Schafe" vorgetragen und wurde gleich mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet. War das eine Zäsur für ihn? Lohr: Das war ein öffentlicher Erfolg, es gab 3.000 Mark, was Anfang der 50er-Jahre sehr viel Geld war. Bei der Gruppe 47 saßen ja nicht nur die Autorinnen und Autoren, sondern auch Kritiker und einige Verleger. Böll wurde direkt von mehreren Verlagen aufgefordert: Kommen Sie doch zu uns! Von daher war das schon ein markanter Punkt, dass er vor allen Dingen bekannter wurde. Diese Geschichte "Die schwarzen Schafe" ist sehr typisch für ihn: Ein Onkel, lebensklug auf der einen Seite, auf der anderen sehr in Geldnot, muss die Leute immer anpumpen, ist dem Alkohol verfallen. Ein typischer Böll-Protagonist? Lohr: Ja. Diese Geschichte ist aus der Perspektive des Patensohns dieses Onkels Otto erzählt, und auf den färbt ja gewissermaßen die Eigenschaft des schwarzen Schafes ab. Ja, Böll war ein Mensch, der auf das geschaut hat, was man etwas klischeehaft "die kleinen Leute" nennt. Es gibt einen Text von Böll "Die Verteidigung der Waschküchen". Das heißt, auch den banalen Orten des Alltags die Würde der literarischen Aufmerksamkeit zu schenken - das ist Böll. Mit dem Hause Springer führte Böll zu Lebzeiten seinen Kampf. So richtig eskalierte das Verhältnis Anfang der 70er-Jahre: Hintergrund war ein Banküberfall, der im Dezember 1971 in Kaiserslautern passierte. Die "Bild"-Zeitung hatte viel zu schnell geurteilt und ihn der Baader-Meinhof-Gruppe zugeschoben. Von Böll erschien dann im "Spiegel" ein Artikel: "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?" Böll forderte einen gerechten, öffentlichen Prozess für Ulrike Meinhof - und wurde dann selber zur Zielscheibe. Sie waren damals Anfang 20 - wie haben Sie das wahrgenommen? Lohr: Ich war Student, das haben wir schon sehr intensiv wahrgenommen. Das war eine Auseinandersetzung, die die Studenten in der Nachfolge von 1968 auch sehr zentral betraf. Und da die Nähe zu Böll bestanden hat, haben wir viel darüber gesprochen. Böll wurde im Dezember 1972 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, und der Artikel "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?" war im Januar 1972 erschienen. Aber die Auseinandersetzung darum ging weit über den Nobelpreis hinaus. Die hohe internationale Anerkennung durch den Nobelpreis hat sich in Deutschland vergleichsweise wenig niedergeschlagen. Er wurde weiterhin als ein Sympathisant des Terrors stigmatisiert. Böll wurde beinahe daran gehindert, größere literarische Romane zu schreiben, weil er sich immer wieder darauf einließ, individuell auf Kampagnen und dergleichen zu reagieren. Aber er selber hat das als eine "Fortschreibung" begriffen. Er hat gesagt, sowohl die Romane als auch Leserbriefe - all das entspricht seiner literarischen Arbeit. Aber hat ihn das in Deutschland beschädigt? Lohr: Böll war in der literarischen Kritik nie unumstritten; seine Romane sind immer kontrovers besprochen worden. Als er dann zu einer öffentlichen Figur dieses Streites "Herbst 1977" wurde, war er natürlich einer der prominenten Intellektuellen. Da haben sich manchmal auch die Motive der öffentlichen Auseinandersetzung mit Böll vermischt. Dass dann gesagt wurde - das kennt man ja auch in der Auseinandersetzung mit anderen Autoren -, dass man den politischen Böll meinte, wenn man den literarischen kritisierte. Der 100. Geburtstag von Heinrich Böll naht - was bleibt heute im Jahr 2017 von dem Dichter? Lohr: Es bleibt die Erinnerung an einen öffentlichen Intellektuellen von hoher Integrität, eine Figur, die man historisch sehen muss. 1969 hat eine deutsch-französische Aktivistin den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine Ohrfeige verpasst, was natürlich eine Straftat war - aber Böll schickte ihr 50 rote Rosen. Es bleibt die Erinnerung an einen Menschen, der zu solchen Aktionen griff, zu einer solchen Form von politischer Aktivität, die sich etwas unterschied in ihrem Charme von der sozialdemokratischen Argumentationsweise etwa eines Günter Grass. Man kann Böll bis heute wunderbar lesen, "Das irische Tagebuch" etwa. Und wer sich mit der Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzt, kann auch die Romane noch lesen, bis hin zu seinem letzten, posthum erschienenen Buch "Frauen vor Flusslandschaft". Quelle: https://www.ndr.de/kultur/Stephan-Lohr-ueber-Heinrich-Boell,interviewboell100.html vom 14.06.2018

Schlagworte:

Person:
Adenauer, KonradGND; Brandt, WillyGND; Brandt, RutGND; Brandt, Matthias; Meinhof, UlrikeGND; Kelly, Petra; Kiesinger, Kurt-GeorgGND; Klarsfeld, BeateGND
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
15.12.2017
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
mp3
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sender / Institution:
c
Sendereihe:
NDR Kultur - Das Gespräch
Produktionsnummer:
16122017
Teilnehmende:

Person:
Christophersen, Claudia (Sprecher(in))
Person:
, (Mitwirkende(r))
Person:
, (Regie)
Person:
Lohr, StephanGND (Autor(in))
Anmerkung:
Industrieproduktion. Enthält Musik von Günter Baby Sommer.

Zitieren

Zitierform:

Lohr, Stephan: Stephan Lohr im Gespräch: Böll - "Ein Intellektueller von hoher Integrität".

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