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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 25
10.20379/dbaud-0025

Ein weites Feld - Historienbild mit skandalträchtiger Untermalung : Ein Gespräch mit Günter Grass über seinen Roman

Gespräch von Wilfried F. Schoeller mit Günter Grass in Behlendorf Schoeller: "Ein weites Feld" umfasst einen großen epischen Raum; Grass' Glaube an den Roman als "Universum" scheint unerschütterlich. Grass: für den Roman gebe es ein Surrogat; der Roman werde immer wieder für tot erklärt, doch nur der Roman schaffe es, Epochen und Geschichtszäsuren zu erfassen; in "Ein weites Feld" sei der Zeitraum überschaubar verglichen mit dem "Butt"; in "Ein weites Feld" sei es ihm wichtig gewesen, das vordergründige Geschehen der kürzlich erlebten Einheit 1989/90 vor dem Hintergrund der Einheit 1870/71 und ihrer Vorgeschichte (Vormärz; 1848er-Revolution) darzustellen Schoeller: Figur des Fonty; Fontane als Folie für die Gegenwart Grass: Fontane als weiteres "Reizmoment"; Fontane sei aus dem 19. Jahrhundert nicht wegzudenken und habe eine widerspruchsvolle, welchselhafte Biographie; diese spiegele die Geschichte seines Jahrhunderts; er habe mehrere Romane zeitgleich geschrieben; "Frau Jenny Treibel" und "Der Stechlin" spiegelten des wilhelminische Preußen und die Gesellschaft der Neureichen in der Gründerzeit; in der jetzigen "zweiten Gründerzeit" träten diese Figuren wieder auf Schoeller: Fontane als Kriegsberichterstatter und Spitzel mit antisemitischen Zügen Grass: wiederum widerspruchsvolll, denn Fontane sei andererseits ein großer Freund der Juden und betone deren Kulturfunktion; in seinen Briefen gebe es hingegen "entsetzliche antisemitische Passagen", die offenbar auch Anklang gefunden hätten; man habe Fontane als "heiter darüberstehend" stilisiert oder verkürzt; mit 60 Jahren sei Fontane endlich zum freien Schriftsteller geworden, habe seine Hass-Liebe zu Preußen abgelegt und seine Abhängigkeiten aufgelöst; das Angebot, ständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Künste zu sein, habe er nach einem Viertelahr fallengelassen; statt dessen habe er bis zu seinem Tod Buch nach Buch geschrieben; dies sei der bis heute bedeutende Fontane; Grass sei es darauf angekommen, auch eine "gegen den Strich gebürstete Fontane-Biographie" zu liefern; dazu gehöre auch der Balladen-Dichter Fontane, die mitunter "schrecklich" seien, aber die erste Phase seines Ruhmes ausgemacht hätten; danach habe er noch eine späten, "spärlichen" Ruhm als Autor von Romanen gehabt Schoeller: Theo Wuttkes "Tag- und Nachtschatten" Hoftaller ist bereits Held des Romans von Hans Joachim Schädlich gewesen; Wiederaufleben des Spitzels Tallhover bei Grass Grass: Grundidee des Romans, die während seines Aufenthalts in Kalkutta gefasst worden sei; dort habe er einen Traum gehabt: von seinem Haus in Schleswig-Holstein aus habe er in den Garten gesehen und unter einem Birnbaum seine Frau im lebhaften Gespräch mit einem alten Mann beobachtet; bei nährerem Hinsehen sei es Fontane gewesen; dies habe Grass eifersüchtig gemacht, er sei in den Garten gegangen und habe sich dazu gesetzt; dies sei die erste direkte Konfrontation mit Fontane gewesen; auf die Indien-Reise habe Schädlich Grass das Leseexemplar seiner Romans mitgegeben; es sei ein wunderbares Buch und eine großartige Idee vom unsterblichen Agenten; es sei jedoch unbegreiflich, warum dieser am Ende stirbt; Grass habe Schädlich darauf in einem Brief geschrieben, dass er zu einem gegebenen Anlass den ewigen Spitzel wieder aufleben lassen würde Schoeller: Reaktion Schädlichs darauf? Grass: hat noch keine Nachricht von Schädlich erhalten, denkt aber, dass er den literarischen Dialog gutheißt Schoeller: Fonty und Hoftaller als unzertrennlich und als gemeinsamer Schattenriss Grass: Unterschiede und Konflikte zwischen den beiden Figuren würden deutlich, aus das Bedrohliche Hoftallers; gleichzeitig ginge von Spitzeln, so Grass' Beobachtung, immer etwas "Fürsorgliches" aus Schoeller: Fonty spricht als professioneller Redner über Fontane im Kulturbund, wird dort aber suspentiert und fristet darauf sein Dasein als Aktenbote Grass: auch auf Vermittlung Hoftallers werde Fonty Aktenbote im Haus der Ministerien; damit komme ein Gebäude in den Blick, das zentral im Roman sei: das ehemalige Reichsluftwaffenministerium Görings, in dem Wuttke 1939 als Kriegsberichtserstatter tätig wird; nach dem Ende der DDR wird Wuttke von der Treuhand, die in dieses Gebäude einzieht, übernommen; somit erlebe man Theo Wuttke in drei Phasen deutscher Geschichte Schoeller: zwei Seiten der Münze "deutsche Geschichte" und Vereinbarkeit dieser Seiten? Grass: es zeige sich die Tendenz, dass geurteilt würde, was Recht und Unrecht ist und wer Sieger bzw. Besiegter sei; diese Unterscheidung ist Grass fremd; ihm sei es darauf angekommen, die Grautöne sichtbar zu machen, den Übergang vom Opfer zum Täter, und die Gefährlichkeit des Wortes zu verdeutlichen; Diktaturen würden sich dadurch auszeichnen, dass sie Schriftstellern übergroße Aufmerksamkeit zukommen ließen; dies sei eine Art Liebe, die in Gestalt von Spitzeln der Schriftstellern entgegengebracht würde und ihn daran hindern soll, etwas Falsches zu machen; Hoftaller/Tallhover begreife sich als fürsorglicher Mensch Schoeller: Mitarbeiter des Fontane-Archivs gehören zur Grundkonstellation Grass: "Wir vom Archiv" als Erzähler; diese kennen Fonty und nehmen ihn ernst; sie verehren ihn als jemanden, der viel weiß und nehmen dies zum Anlass, von Fonty zu erzählen Schoeller: drei allwissende Parteien: besserwisserische Philologen im Archiv, Stasi-Spitzel und Fonty; weiträumige Konstellation, die mit Wahrheiten bricht Grass: es würden viele Dinge in dem Roman unterschwellig miterzählt: Fontane-Biographie, Berlin in seinen verschiedenen Zuständen und im Zusammenhang mit Ereignissen (Beispiel Tiergarten) und Prozess der Deutschen Einheit Schoeller: Thema Preußen? Grass: Geschichte Preußen sei ohne die Hugenotten und ohne das Toleranz-Ediktes nicht vorstellbar; Abscheu des hugenottisch-stämmigen Fontane gegenüber dem wilhelminischen Preußen Schoeller: Rückwärtsgewandtheit von Fonty und Hoftaller als leiser Widerstand gegen die schnelle Wiedervereinigung? Grass: es werde auch der Prozess des Scheiterns mit eingeführt, da der Prozess über die Menschen hinwegginge; Fonty habe dies alles schon einmal 1870/71 erlebt; daher maßt Fonty sich an zu behaupten, die Mauer mit geöffnet zu haben; negative Prophezeihungen von Hoftaller und anders gesetzte negative Prophezeihungen von Fonty; dies mache auch die Spannung zwischen den beiden Figuren aus Schoeller: kein schnelles Lesen des Buches und keine schnellen Meinungen möglich Grass: will dem Leser eine Erzählung bieten, die ihn wachhält und anregt, Wissenslücken neugierig zu füllen; für eine "Nebenwirkung", dass mehr Fontane gelesen würde, wäre Grass dankbar Schoeller: Bild für den ganzen Roman: Großes labyrintisches Gehäuse mit abgeschlossenen Räumen Grass: bestätigt dies; man komme aber auch in Räume zurück, die sich verändert hätten (Treuhand-Gebäude mit Pater Noster) Schoeller: Spitzen gegen den Literaturbetrieb und gegen Kollegen, die sich alle auf Theo Wuttke schieben lassen Grass: Niedermachen-Mentalität des Westens gegenüber dem Osten; diese Anmaßung spiegele sich in dem Buch wider (Beispiel Wuttkes Hochzeit) Schoeller: trauriger Schluss des Romans: Verschwinden Wuttkes Grass: bitterer Beigeschmack, dass Wuttke erkennt, dass sich in dem fremdenfeindlichen Deutschland die Hugenotten nicht mehr halten können; die Hugenotten seien nach Deutschland gekommen, als ihnen das Toleranz-Angebot gemacht wurde Schoeller: Verhältnis vom Kleinen und Großen Grass: Fonty bette die Ereignisse in ein alltägliches Geschehen ein im Gegensatz zur "regierenden Masse aus Bonn", die kleine Ereignisse groß verkaufe; er relativiere somit das Große Schoeller: Fontane-Zeichnung von Liebermann, der Fonty nach und nach sehr ähnlich wird; der Leser wisse am Schluss nicht mehr, was Fonty, was Fontane und was Grass geschrieben habe Grass: die entspreche seinem Vorhaben, eine Symbiose zu schaffen und den richtigen Ton für die Archiv-Erzähler zu finden Schoeller: Buch als "Historien-Gemälde mit Übermalungen" Grass: immer wieder blättere etwas von der Übermalung ab und das Dahinterliegende komme zum Vorschein; dies entspräche auch Grass' Blick auf die Gegenwart und seiner Vorstellung von "Vergegenkunft" Schoeller: die Kritik spricht von "Überfülle" Grass: lehnt "Medienverknappung und Verdummung als ästhetisches Prinzip" ab; man könne zwar Tolstois "Krieg und Frieden" verkürzen und Cervantes "Don Quichotte" "anzitieren"; solche Verkürzungen würden zu den "Barbarismen unserer Zeit" gehören; durch Grimmelshausen sei "Geschichte von unten erzählt worden" und durch ihn wisse man mehr über den Dreißigjährigen Krieg als von manchen Historikern; Grass möchte dem Leser "etwas geben aber auch etwas zumuten".


Urtitel:
Historienbild mit skandalträchtiger Untermalung - Ein Gespräch mit Günter Grass über seinen Roman "Ein weites Feld"
Anfang/Ende:
Herr Grass, dieser Roman…auch etwas zumuten.
Genre/Inhalt:
Roman
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Ein weites Feld"

Schlagworte:

Person:
Schädlich, Hans-JoachimGND; Fontane, TheodorGND; Grimmelshausen, Hans Jakob Christoph von; Tolstoi, LeoGND; Grass, Ute; Liebermann, MaxGND
Werke:
Ein weites Feld; Der Butt; Tallhover; Don Quichotte; Simplicissimus; Krieg und Frieden
Sach:
Diktatur; Archiv; Fontane-Archiv; Balladen; Treuhand; Hugenotten; Deutsche Geschichte; Geld; Roman
Geo:
Potsdam; Schleswig-Holstein; Preußen; Tiergarten; Indien
Zeit:
Vormärz; Reichsgründung; Deutsche Einheit
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
27.08.1995
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Archivnummer:
950827LR01
Teilnehmende:

Person:
Schoeller, Wilfried F.GND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Mitwirkende(r))

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Zitierform:

Historienbild mit skandalträchtiger Untermalung - Ein Gespräch mit Günter Grass über seinen Roman "Ein weites Feld".

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