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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 394
10.20379/dbaud-0394

Gespräch mit Günter Grass anlässlich des Staatsbesuchs von Charles de Gaulle über die Problematik der Oder-Neiße-Grenze

Frage: Was empfindet der aus Danzig stammende Grass bei de Gaulles Worten, dass Danzig polnisch sei? Grass: vereinfachendes Verhältnis de Gaulles zur Geschichte; Danzig sei nie polnisch und nie deutsch gewesen; wechselvolle Geschichte der Stadt, die eine Gründung deutscher und polnischer Kaufleute ist; Leid unter dem deutschen Ritterorden; später Personalunion mit der polnischen Krone; bis zu den Teilungen Polens Danzig als freie Stadt; dann Danzig als Stadt Preußens und Stagnation des Hafens; nach dem Ersten Weltkrieg Freie Stadt, dann begeisterte Begrüßung Hitlers. Frage: nationalistische Vereinfachung in der Aussage de Gaulles? Grass: ja, denn historische "Ansprüche" dürften nicht Grundlage politischer Forderungen sein; die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze müsse von den politischen Tatsachen (2. Weltkrieg) her begründet werden; Ausgangpunkt: Hitler-Stalin-Pakt, dessen Konsequenzen man heute zu tragen habe. Frage: Grass' Auffassung zur Oder-Neiße-Grenze? Grass: DDR habe Grenze schon seit längerer Zeit anerkannt, die BRD habe dies versäumt; vor zehn Jahren hätte man mit der Anerkennung der Grenze und der gleichzeitigen Forderung nach Wiedervereinigung etwas erreichen können; keine Verändereung des politischen Alltags durch de Gaulles Besuch, Grenzfrage bleibe nach wie vor unbehandelt. Frage: Sollte die Anerkennung der Grenze so bald wie möglich nachgeholt werden? Grass: Bundesregiereung sieht vor, dass die Grenzregelung einem Friedensvertrag vorbehalten bleibt; es solle daher ein Vorschlag zu einem Friedensvertrag gemacht werden; mit der Anerkennung der Grenze müsse man von den Siegermächten verlangen, dass sie innerhalb einer europäischen Friedensordnung das Verhältnis zwischen beiden deutschen Staaten aufbessern; Grass sieht nur die Möglichkeit nach Konföderation, während andere an Wiedervereinigung glaubten; sowohl Alliierte als auch Sowjets würden wohl auf Vorschläge warten; Verschleppen der Frage führe zu Ressentiments bei einer Generation, der das Verhältnis zu diesen Fragen verlorgen gegangen ist. Frage: wie würde Grass den Flüchtlingsfunktionären und Danziger Bürgern sagen, dass die Oder-Neiße-Grenze anerkannt werden müsse? Grass: viele Flüchtlinge hätten zu dieser Frage ein realeres Verhältnis als die Flüchtlingsfunktionäre; nach Klärung dieser Frage könne man ein Danziger Haus in Gdansk eröffnen; fraglich ist für Grass, warum Deutschland nicht beim Wiederaufbau der Danziger Altstadt mitgeholfen hat. Frage: Anerkennung der Grenzen für einen normalen Zivilverkehr? Grass: stimmt zu; neues Verhältnis zu Gdansk und den dort geborenen Menschen.


Urtitel:
Gespräch mit Günter Grass anlässlich des Staatsbesuchs von Charles de Gaulle über die Oder-Neiße-Grenze
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…dort geboren sind.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Staatsbesuchs von Charles de Gaulle in Polen

Schlagworte:

Person:
De Gaulle, CharlesGND; Bathory, StefanGND
Sach:
Hitler-Stalin-Pakt; Konföderation; Wiedervereinigung; Friedensvertrag; Anerkennung; Grenze
Geo:
Oder; Danzig; Neiße; Polen
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
15.09.1967
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Archivnummer:
DOK1026/3 (5127435)
Produktionsnummer:
VII-74329
Teilnehmende:

Person:
Bender, Peter (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Mitwirkende(r))
Anmerkung:
Die Zeiten im Abstract (378-01 und 378-02) beziehen sich auf das Originalband.Kopie:Track 1: 00:42:15; Track 2: 00:39:23; Track 3: 00:35:20

Zitieren

Zitierform:

Gespräch mit Günter Grass anlässlich des Staatsbesuchs von Charles de Gaulle über die Oder-Neiße-Grenze.

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