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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 577
10.20379/dbaud-0577

Grass trommelt wieder : Engagement für die SPD im Bundestagswahlkampf 2002

Kogel: Grass trommelt wieder für die SPD, für rot-grün. Warum? Grass: "Mit dem Wort trommeln ist es so eine Sache"; Grass habe sich immer,über 30 Jahre hinweg, in der Politik kritisch geäußert und hat ein "kritisches, aber sehr positives Verhältnis zu den Sozialdemokraten", das sich durch die Grünen erweitert habe; die Kohl-Regierung habe zu einem Reformstau geführt, die rot-grüne Koalition habe diesen aufheben können; Grass will "mit kritischem Wort" dafür eintreten, dass die Koalition die Reform-Arbeit fortsetzen kann; Kogel: Die öffentliche Bilanz zur gegenwärtigen Regierung falle etwas anders aus. Grass: die Bilanz könne sich sehen lassen, die letzten Wochen, besonders der Rücktritt Rudolf Scharpings, habe zu einen "Stimmungstief" geführt; Grass zieht Bilanz zur Kulturpolitik, in der seit dem Einsatz eines Kulturministers durch Gerhard Schröder, endlich "Debatten auf politisch hoher Ebene über Kulturfragen" geführt würden; dies habe "das Land verändert"; Grass Vorschlag zu einer Bundeskulturstiftung, den er vor 30 Jahren geäußert habe, sei endlich umgesetzt worden; Kogel: Schröder ist angetreten mit dem Versprechen, die Arbeitslosigkeit zu senken; nach vier Jahren, so der Vorwurf, ist sie trotzdem gestiegen. Grass: die Arbeitslosenzahl sei nicht gestiegen sondern liege immer noch unter dem Niveau der Kohl-Regierung; zudem habe Schröder neue Arbeitsplätze geschaffen; dennoch sei Schröders Voraussage "leichtfertig" gewesen; es gäbe noch viel zu tun, besonders in der Arbeitspolitik; die Regierung habe sich aber endlich dazu durchgerungen, ein Staatsbürgergesetz zu verabschieden, was ein wichtiger und richtiger Schritt gewesen sei, ebenso wie die Gleichstellung von Homosexuellen; das seien "Erfolge, die sich sehen lassen können"; Grass hofft, dass diese auch vom Wähler erkannt werden; Streit über ein neues Urheberrecht sei erfolgreich gewesen und Grass ist dankbar dafür; Kogel: reicht es beim Wähler, wenn man die "Pleiten Pech und Pannen" der letzten Wochen bilanziert? Grass: will sich von möglichen oder unmöglichen Wahlergebnis nicht abschrecken lassen; auch bei Willy Brandt habe es drei Wahldurchgänge gebraucht, bis dieser endlich Bundeskanzler war; Ausstieg aus der Atompolitik sei ein wichtiger Schritt; das Wählerpotential beider Parteien, SPD und Grünen, müsse voll ausgeschöpft werden; Kogel: was hat Grass gegen den Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Edmund Stoiber? Grass: Nähe zu Haider in Österreich und Berlusconi in Italien; Stoibers "Allianz mit Kirch" sei nach dem gleichen Muster wie in Italien gelaufen; Kogel: wie schätzt Grass die Chancen für rot-grün ein? Grass: kann/will es nicht genau einschätzen; Spendenaffäre bei Helmut Kohl sollte an die Misserfolge der Regierung Kohl erinnern; Kogel: früheres Wahlkampfengagement von Grass? Grass: erläutert kurz seine Wahlkampfaktivitäten und die Gründung von Wäherinitiativen und Ausbau dieser Initiativen; Kogel: nachlassendes Politik-Interesse? Grass: politisches Engagement war Ende der 60er von Studenten wesentlich mitgetragen, was heute nicht mehr so sei; die Wählerinitiativen hätten durchweg Zuspruch gefunden; heute gäbe es keine Ost-West-Gegensätze mehr und nur noch eine Weltmacht; es bestehe noch das Nord-Süd-Problem, das jedoch im Wahlkampf nicht vorkomme; Kogel: Grass konnte viele Kulturschaffende für Wählerinitiativen gewinnen; heute ist keiner dieser Kulturschaffenden mehr engagiert - warum? Grass: es fehle ein "übergreifendes Thema" und sei zur "Abwendung von der Politik" gekommen; wenige junge Autoren nehmen sich als Bürger wahr, wie Grass es selbst tut; die "Fluchtwege in den Elfenbeinturm" abseits der Politik seien den jungen Autoren vom Feuilleton angepriesen worden; Kogel: warum halten sich Schriftstellerkollegen aus Grass' Generation fern? Grass: sein "Schutzheiliger Sysiphos" halte ihn dazu an, den Stein nochmal zu wälzen, "also mache ich es nochmal, so lang die Kräfte reichen"; Kogel: um Walsers neues Buch "Vom Tod eines Kritikers" tobt ein "Feuilleton-Kritik"; ist das Buch ein antisemitisches Buch? Grass: "unheilvolle Nähe" zwischen FAZ, Suhrkamp-Verlag und Marcel Reich-Ranicki; Grass kann nichts antisemitisches erkennen und hält "das Ganze für eine Rufmordkampagne sonder gleichen"; Walsers Werk beinhalte keine einzige antisemitische Zeile; Walser habe sich für Gedächtnisarbeit eingesetzt; es vergehe kaum ein Tag, an dem nicht etwas Schlechtes über Walser in der FAZ stünde; Kogel: Grass ist bei Biolek mit Gerhard Schröder in einer Talkshow aufgetreten; Amerikanisierung im Kontrast zur Wahlkampfunterstützung vor 30 oder 40 Jahren; Grass: bei Biolek sei über Politik gesprochen worden; Grass hat "keine Hemmung", mit Schröder gemeinsam aufzutreten; früher habe er Schröder für einen "absoluten Pragmatiker" gehalten; er sei in das Amt "hereingewachsen"; Schröder könne gut zuhören und sei bereit, seinen Standpunkt zu korrigieren; Kogel: Amerikanisierung des Wahlkampfes, wo Äußerlichkeiten mehr zählen? Grass: das habe es schon bei Adenauer und Willy Brandt gegeben; Überschwappende Trends aus Amerika seien nichts Neues; Grass beklagt, dass es weniger um Inhalte ginge, könne daran aber nichts ändern; "ich kann allenfalls versuchen […] über Dinge zu reden, die in diesen amerikanisierten Wahlkampf nicht hineinpassen"; Kogel: Grass feiert dieses Jahr seinen 75. Geburtstag; Grass sieht dem optimistisch entgegen? Grass: Feier im Kreise der Familie; dann Feierlichkeiten in Lübek und in Göttingen und in Berlin.


Urtitel:
Anfang/Ende:
Herr Grass, am…für das Gespräch.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Bundestagswahlkampf 2002

Schlagworte:

Person:
Kohl, HelmutGND; Schröder, GerhardGND; Naumann, MichaelGND; Nida-Rümelin, JulianGND; Brandt, WillyGND; Däubler-Gmelin, HertaGND; Stoiber, EdmundGND; Lenz, SiegfriedGND; Jäckel, EberhardGND; Scheel, WalterGND; Walser, MartinGND; Reich-Ranicki, MarcelGND; Schirrmacher, FrankGND; Biolek, AlfredGND; Scharping, RudolfGND; Haider, Josef; Kirch, LeoGND; Berlusconi, SilvioGND; Weber, MaxGND
Werke:
Die Blechtrommel
Sach:
SPD; APO; Spendenaffäre; Atomkraft; Urheberrecht; Arbeitslosigkeit; Rot-Grün; Ökosteuer; Kulturpolitik; Homosexuelle; Föderalismus; liberaler Studentenbund; Bundeskulturstiftung; Wählerinitiative; FDP
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
18.07.2002
Datum Erstsendung:
20.07.2002
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Gesprächszeit
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-DieterGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Mitwirkende(r))
Anmerkung:
Am Ende mehr als 6 Minuten Pause. Das Gespräch endet bei 27:57

Zitieren

Zitierform:

Behlendorf .

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