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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 602
10.20379/dbaud-0602

Grass, Jemen Pressekonferenz (Rohfassung) : Mitschnitt

Zunächst Dank an die Solidarität von Grass der arabischen Teilnehmer. Fragen zu folgenden Themen von arabischen PK-Teilnehmern an Grass: Antisemitismus, Antiamerikanismus und Islamfeindlichkeit. Meinungsfreiheit in der Demokratie; Umgang mit Kritik an der Meinung (an verschiedenen Meinungen) in der arabischen Welt; Günter Grass antwortet, das der Begriff "Kampf der Kulturen" von Fundamentalisten aus den USA, Israel und arabischen Ländern konstruiert sei, der aber nicht angenommen werden solle. Vereinbarkeit der Beziehung zu Israel und der Freundschaft zu arabischen Ländern begründet er durch die Geschichte Deutschlands ab 1933, durch die Vertreibungen entstand ein schwerer kultureller Verlust, der bis heute andauert. Grass sagt, dass er für die Existenz Israels in gesicherten Grenzen sei, aber gleichzeitig für die Freiheit, Israel zu kritisieren. Es schlösse sich nicht aus, sich gleichzeitig für Freundschaft mit der arabischen Welt und für den Staat Palästina zu engagieren. Leider gäbe es Militäreinsätze von Scharon und die Selbstmordkommandos mit Opfern, meist unter der Zivilbevölkerung. Arabische Staaten hätten die Existenz Israels anerkannt, dies sei Grundlage für Verhandlungen. Zusätzlich sei Voraussetzung, das Israel alle besetzten Gebiete räume, die nach der Besiedlung entstanden seien. Frage nach Haltung zu Irak. […] Verarmung in der dritten Welt nähme immer mehr zu: Wasser als Ressource gehe immer mehr zurück, Wachstumsproblem und Ernährung der Weltbevölkerung sähe er als Menschheitsproblem. Nobelpreiskommission tage in geheimer Sitzung, die Entscheidungskriterien seien unbekannt. 25 Jahre lang sei er für den Nobelpreis im Gespräch gewesen, bei Erhalt des Preises mit 72 Jahren sei er in der Lage ironisch damit umzugehen Nobelpreis für Literatur sei ein lobenswertes Beispiel für positive Globalisierung, ansonsten bezeichnet sich Grass als ihr Gegner Steigende Rechtsradikalität in Europa soll gesehen werden. Aufruf zu einem Kongress zum Thema Wiedervereinigung im Jemen. Frage: Gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Jemen und Deutschland? In der vorangegangen Diskussion vor der Pressekonferenz habe das Thema zu hitzigen Debatten zwischen den anwesenden Regierungsparteimitgliedern und Anhängern und Oppositionsmitgliedern und deren Anhängern geführt. Möglichkeiten für Frauen in DDR seien umfangreicher gewesen als in der heutigen BRD. Ähnlich im Nord- und Südjemen: Im Süden waren Entwicklungmöglichkeiten für Frauen größer. Einigungsprozess sei in beiden Ländern von oben gemacht worden, das Volk sei ungefragt geblieben. Der Jemen könne ein passender Ort für einen solchen Kongress sein. Nach dem Besuch von Südkorea vor wenigen Monaten (zusammen mit Herrn Kogel von Radio Bremen), an einer koreanischen Universität [wegen Bandwechsel fehlt hier ein Teil](…) Entspannungspolitik Willi Brandt - Begreifen der Vereinigung als langen Prozess, der nur schrittweise begangen werden könne. Diese Erfahrungen ließen sich bei einem Kongress von allen Beteiligten austauschen und wäre Anlass, den Jemen erneut zu besuchen. Für Günter Grass sei es ein Vergnügen gewesen, über diesen Punkt mit dem Präsidenten im Vorgespräch zu debattieren. GG schildert den Eindruck, dass der Präsident sehr aufmerksam zugehört habe, was er bei Politikern nicht für selbstverständlich halte. Dies Idee sei, einen Kongress zum Thema Wiedervereinigung in Jemen, Deutschland und Korea zu planen. GG drückt Dankbarkeit gegenüber dem Präsidenten aus, der garantiert habe dass der Schriftstellerkollege Wajdi Al-Adhal sicher ist, wenn er zurück kommt und sich nicht fürchten müsse. Beiträge aus dem Publikum. Grass antwortet: Die Aussage, dass die Amerikaner die Zerstörung des World Trade Centers mit tausenden von Toten zu verantworten hätten, sei eine sehr kühne Behauptung. Der Verleger der arabischen Fassung der „Blechtrommel“ habe auf dem Umschlag geschrieben, dass das GG bei seiner Erzählkunst von der arabischen Erzählkunst beinflusst worden sei. GG antwortet darauf, dass dies der alten europäischen Kunst des Pikaresken Romans entspräche, wie Cervantes "Don Quichote" sie verwendet habe. Diese Erzählkunst ginge zurück auf die maurische Zeit in Spanien, die auf die europäische Kultur befruchtend gewirkt habe. Ein anwesender Deutschsprachiger möchte Ihnen eine noch nicht gestellte Frage beantworten Wie werde es mit dem Dialog weitergehen? Es soll ein literarisches Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der Republik Jemen als erstem arabischen Land geben, bei der sich in jedem Jahr ein jemenitischer Autor in Deutschland aufhalten solle. Dieser Autor solle in Bonn und Berlin [Bonn wurde korrigiert zu ausschließlich Berlin] deutsche Kollegen treffen. Ein deutscher Autor solle in den Jemen reisen und sich dort aufhalten und das Land kennen und lieben lernen. Eine weitere noch nicht gestellte Frage, die er beantwortet, ist, wer der erste jemenitische Autor sein wird: Er wolle in 10 Jahren gefragt werden, ob er einen wichtigen vergessen habe. Abschließend Dank des Sprechers an Nadem Wali und Suleyman Taufiq und sowie den Übersetzer, dem Wissenschaftler Mohammed Manusk und abschließend und besonders an Amal. Grass ist ebenso dankbar und sagt, das er sie für die Wiedergeburt der Königin von Saba halte. Den Botschafter der der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet er als ihren Adoptivvater. (Im Anschluss Wortfetzen, Unterhaltungen auf Arabisch und Deutsch, sowie im Hintergrund ein Muezzinruf)


Urtitel:
Grass, Jemen PK
Anfang/Ende:
(arabisch) Am Anfang möchte…hast du schön gemacht.
Genre/Inhalt:
Kultur
Historischer Kontext:

Vom 10. bis 17. Januar 2002 bereiste der Literaturpreisträger aus Deutschland den Jemen. In der Hauptstadt Sana'a nahm er gemeinsam mit seinen jungen Schriftstellerkollegen Judith Hermann, Katrin Röggla und Ingo Schulze sowie einigen Arabisten und Orientalisten an einem deutsch-arabischen Schriftstellertreffen teil. In Tarim eröffnete Grass ein nach ihm benanntes Zentrum zur Förderung der jeminitischen Lehmbauweise. Die Bauweise hat u.a. die weltberühmten, 500 Jahre alten Hochhausbauten aus Lehm in Shibam hervorgebracht.

Schlagworte:

Person:
Kogel, Jörg-DieterGND; Cervantes, Miguel deGND; Wali, NajemGND; Taufiq, Suleyman; Al-Adhal, Wajdi
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
10.12.2002
Aufnahmeort:
Jemen
Sprachen:
deutsch / arabisch
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
unbekannt, (Sprecher(in))
Person:
Taufiq, Suleyman (Mitwirkende(r))
Person:
Wali, NajemGND (Mitwirkende(r))
Anmerkung:
m persönlichen Gespräch mit Günter Grass am 15.09.2014 (u.a. mit SW) ezählte er von der Presesekonferenz und Konferenz. Der offizielle, staatlich beauftragte Übersetzer habe seine Worte nicht sinngemäß übersetzt, und auch nicht immer die der Anwesenden, vor allem wenn es um Tabuthemen wie Sexualität ging. Sein persönlicher Übersetzer übersetzte ihm dann sinngemäß.

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Zitierform:

Grass, Jemen PK. Jemen .

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