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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 718
10.20379/dbvid-0718

Interview zu "Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus"

Frage: Anfang von "Kopfgeburten": Vision von 950 Millionen Deutschen - Warum kann man der Welt nicht 950 Millionen Deutsche zumuten? Grass: Bescheidenheit der Chinesen vs. Ansprüche der Deutschen; größte Zumutung ist die, "dass wir nach wie vor nicht in der Lage sind, uns unseren Nachbarn zu erklären"; Unfähigkeit der Deutschen, sich als Nation zu definieren; Frage: ein Hauptthema des Buches: eine deutsche Einheit gibt es nur in der Literatur; Grass: lässt sich nachweisen trotz einer scharf gezogenen Grenze zwischen den Literaturen der beiden deutschen Staaten; permanenter Dialog zwischen beiden Literaturen; Frage: nur Christa Wolf ist noch in der DDR; Grass: "Dummheit der einen oder anderen Staatsbehörde […], wo sich nun grade ein Schriftsteller aufhalten darf oder muss"; DDR-Autoren (Johnson), die in die BRD gekommen sind, sind "nie ganz Bundesbürger geworden"; Frage: Vorschlag in "Kopfgeburten": deutsche Nationalstiftung im Niemandsland - realistisch? Grass: Möglichkeit, von der deutschen Kultur aus Verbindendes zu sehen; gemeinsame Verschuldungen der beiden deutschen Staaten; Möglichkeit, die beiden deutschen Staaten als zwei Staaten einer Kulturnation zu verstehen; Nationalstiftung, bereits 1973 von Willy Brandt vorgeschlagen, inzwischen "zu einem Posten im Haushalt verkommen"; Nationalstiftung kann nur von beiden deutschen Staaten gleichzeitig in Angriff genommen werden; Frage: "Kopfgeburten" als "Fundgrube für politische Streitfälle"; Literatur übernimmt das, was Journalismus nicht mehr leisten kann, hat Grass im "Stern" gesagt; Grass: "schreckliche Entwicklung" das Journalismus nicht mehr funktioniert zwingt Schriftsteller dazu journalistisch zu recherchieren (z.B. Havel); Frage: formales Risiko, das Grass in "Kopfgeburten" eingeht: Filmskript, Bericht; Grass: das Risiko muss eingegangen werden; auch politisches Essay als Form; Frage: zu idealtypische Figuren (Lehrerehepaar), denen alle Probleme der Zeit angehängt werden - zu überladen? Grass: Risiko gehört zum Schreiben; bei "Kopfgeburten" liegt das Risiko in der Form (Reisebericht, Filmdrehbuch); weiteres Risiko: der Zeit "vorweg geschrieben"; Figuren gehören zur 68er-Generation, betreiben "Veteranen-Geplauder"; Grass sieht das Lehrerehepaar mit Sympathie und Kritik, kennt die Generation von 68; "Kopfgeburten" ist von der Form vom "Tagebuch einer Schnecke" herzuleiten; Frage: Lehrerehepaar als personifizierte sozialliberale Koalition; Grass: "Ja, das kann man auch machen"; Frage: nicht Wagnis genug: Grüne werden außen vor gelassen; Grass: Dörte ist für grüne Politik anfällig; Ehepaar ist zu sehr politisiert, so dass andere Dinge verdrängt werden, beispielsweise Literatur; Frage: wäre "Kopfgeburten" ohne Wahlkampf und ohne Strauss möglich? Grass nimmt Kritiken zu dem Buch vorweg, die lauten könnten: 'Das ist also Grass' Beitrag zum Wahlkampf'; Grass: deutsche Literaturkritik ist "zurückschauend", was auch dieses Interview belegt; oberflächliche und sprunghafte Reaktion auf literarischen Arbeitsprozess; auch in diesem Interview: nur "Antippen" von Themen, dann Fallenlassen von Themen; mit Strauss muss man sich "leider noch auseinandersetzen"; eigentlich gehört aber Auseinandersetzung mit der Dritten Welt zu den Hauptproblemen; aber auch nationales Thema darf nich "auf die Lange Bank" geschoben werden; Frage: Vorwurf, dass Themen nur "angetippt" werden - wird im Buch "Kopfgeburten" allerdings auch gemacht (Beispiel: Spiel mit dem Diktatur-Gedanken im Buch); Grass: wieder typisches Aufnehmen des Themas; Wunsch, Diktator zu sein, schlummert in jedem Menschen; Grass als Autor gibt diesen Wunsch an seine Figuren weiter, wodurch Gegensätze entstehen; Figuren machen sich selbstständig; in "Kopfgeburten" wird der Entstehungs- und Arbeitsprozess nicht durch das Ergebnis verdeckt; Frage: Diktator-Wunsch konkret: Austausch der politischen Systeme zwischen Ost und West alle 10 Jahre; Grass: Austausch im Sinne der Gerechtigkeit; Frage: Zweitwichtigster Wunsch für Grass? Grass: Abschaffung des Beamten-Rechts; Beamte sollten "vom Risiko unserer Existenz" wieder etwas spüren; Leser reagieren anders darauf; der Kritik in der BRD ist dafür möglicherweise "der Nerv verlorengegangen"; Frage: Gedanke im Buch: Strauss als politische Fehlbesetzung würde sich als Schriftsteller gut machen; Grass: Strauss ist "ein Radikaler, ein Systemveränderer von Rechts als Politiker"; Entwicklungen nach 1945 oft vom Zufall geprägt; Strauss wäre radikaler Schriftsteller geworden und ein linker Schriftsteller.


Urtitel:
Bücherjournal I: Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus
Anfang/Ende:
Herr Grass, zu…und Schmeißfliegen zählen.
Genre/Inhalt:
Erzählung
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus"

Schlagworte:

Person:
Wolf, ChristaGND; Johnson, UweGND; Brandt, WillyGND; Strauß, Franz-JosefGND
Werke:
Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus; Aus dem Tagebuch einer Schnecke
Sach:
Film; Literaturkritik; Beamtenrecht; Bevölkerung; Reisebericht; Nation; Dritte Welt; Nationalstiftung; Journalismus; sozialliberale Koalition; Drehbuch; Beamte; Die Grünen
Geo:
China; BRD; DDR
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
06.07.1980
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sendereihe:
Bücherjournal
Archivnummer:
1036348
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Anmerkung:
Am Anfang unsauberer Schnitt.

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Zitierform:

Bücherjournal I: Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus.

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