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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 787
10.20379/dbaud-0787

Interview mit Günter Grass zu "Mein Jahrhundert" (Rohfassung) : Günter Grass zu 'Mein Jahrhundert' befragt von Jörg-Dieter Kogel und Harro Zimmermann

Grass, Günter GND

Günter Grass im Interview zu 'Mein Jahrhundert' Kogel: Idee zu "Mein Jahrhundert" und Arbeitsweise? Grass: Idee schon lange vorhanden; Suche nach einer Erzählposition; Ungenügsamkeit eines einzelnen Erzählers, daher Aufsplittung der Erzählerposition in verschiedene Erzähler und Orte; Absicht: entgegensetzt zur offiziellen Geschichtsschreibung Geschichte aus Sicht der Betroffenen (Opfer und Täter) darstellen; der Einfall sei sehr leicht gewesen, die Realisierung habe Schwierigkeiten mit sich gebracht; Bemühen um Chronologie; Ausgangspunkt oft im Aquarell-Motiv, aber auch umgekehrt; Kogel: Wie hat Grass sich den historischen Materialien angenähert und sie bearbeitet? Grass: Bestreben, nicht auf Politisches beschränkt zu bleiben, sondern auch die "wechselnden Zeitmoden" zu berücksichtigen; Beispiel: Geschichte über den Charleston oder über technische Entwicklungen (Schallplatte, Rundfunk, Fernsehen); Großereignisse der Geschichte kämen zwar vor, seien aber sekundär; Kogel: Feste Position im Blick auf das 20. Jahrhundert oder sogar Änderungen der Perspektive während des Schreibprozesses? Grass: hat viel beim Schreiben des Buches gelernt; Abtauchen in das Jahrhundert sei voller Überraschungen und Entdeckungen gewesen; Kogel: Deutung von Geschichte oder Darstellung von Geschichte? Grass: Erzählen stehe im Mittelpunkt; Entwicklung einer neuen Form der "short story"; der Leser könne sich an das Selbsterlebte erinnern oder sich die Zeit vor seiner Geburt vergegenwärtigen; dies sei die Absicht; die Akzentsetzung des Lesens hänge vom Alter des Lesers ab; Kogel: Spezifische Erzählform abseits der Romanform, da sich diese als unzulänglich erwiesen habe; Romane wie "Der Butt" bewältigten dagegen 5000 Jahre; warum also kein Roman? Grass: Roman hätte auf eine durchgehende Handlung reduziert, was zu einer einseitigen Sicht geführt hätte; selbst mehrere Erzähler wie in "Ein weites Feld" (Autorenkollektiv "Wir vom Archiv") hätte den epischen Zusammenhang verdeckt; Beziehungen zwischen einzelnen Geschichten und fortlaufende Motive zeigten ein episches Muster; Kogel: Vorzug des literarischen Erzählens gegenüber wissenschaftlicher Geschichtsschreibung? Grass: Menschen könnten zu Wort kommen, die sonst nicht zu Wort kämen; Beispiel: Magisterarbeit über die 80er Jahre; Vernachlässigung des Zeit-Colorits in der Geschichtsschreibung; auch Gegenstimmen würden dadurch zu Wort kommen (Beispiele: Besuch Willy Brandts in Warschau; Geschichte um Walther Ratenau); solche Gegenstimmen kämen in der traditionellen Geschichtsschreibung zu selten vor; Kogel: in der Literatur des 20. Jahrhunderts Tradition, dass Geschichte nicht mehr kontinuierlich erfahren und erfasst werden könne und nur fragmentarisch darstellbar sei; bei Grass dagegen Optimismus, dass sich über Alltagserfahrung und -beschreibung geschichtliche Authentizität gewinnen lasse; Grass: hinzu komme, dass nicht distanzlos erzählt werde; Beispiel Forschungsarbeit zum Ersten Weltkrieg, Gespräch mit Veteranen in den 60er Jahren während des Vietnam-Krieges; Beispiel: Treffen von ehemaligen Kriegsberichterstattern während des Zweiten Weltkrieges; im Changieren der Zeiten bestehe der Reiz des Erzählmusters; Kogel: andere Möglichkeit wäre gewesen, die Bildung von historischem Bewusstsein darzulegen; durch Verschränkung der Zeithorizonte würden schnell Erklärungen angeboten; geschichtliche Erfahrung in ihrer Verblendung werde nicht aufgezeigt; Grass: Geschichten würden sich selbst erzählen; der Leser könne seinen Schlüsse daraus ziehen, gerade bei kurzen Geschichten; im Roman oder in essayistischen Formen mögen Erklärungen oder Intentionen angebracht sein; die Geschichten von "Mein Jahrhundert" stünden dagegen für sich; die Mitarbeit des Lesers sei wichtig; Kogel: 100 einzelne Geschichten, zu denen Grass Aquarelle gemalt hat; Motive dafür? Zusätzlicher Erkenntnisgewinn beim Leser durch Aquarelle? Grass: seit "Ein weites Feld" wieder Aquarelle; davor zuletzt in den 50er Jahren; Entstehen von "Fundsachen für Nichtleser"; die Aquarelle in "Mein Jahrhundert" seien jedoch ganz anders geartet als die der "Fundsachen" und eher zeichenhaft; Konzentration der geschichtlichen Ereignisse auf einen Gegenstand; für Grass Hilfsmittel, die Geschichten auf maximal dreieinhalb Seiten zu beschränken; Kogel: historisch-literarische Erkundung durch das Jahrhundert in Bezug auf die heutige Perspektive; Aufarbeitung von historischem Rohmaterial; Lerneffekte bei Grass? Grass: hat gelernt, wie sehr die erste Hälfte des Jahrhunderts von den beiden Weltkriegen geprägt sei; die zweite Hälfte sei von den Folgen geprägt; dies sei Grass nicht so klar gewesen wie vor dem Schreibprozess; Kogel: "Mein Jahrhundert" als deutsches Geschichtsbuch über "das Jahrhundert der Desillusionierung"; Bruch in der Zivilisation Deutschlands; glaubt Grass, dass die Deutschen ihre Lektion als Demokraten gelernt haben? Grass: hofft es; nach 1945 habe man im Westen Demokratie gelernt; keine ernsthaften wirtschaftlichen Krisen; Preis dafür sei die Integration in den Westen und die Teilung Deutschlands gewesen; 1989 habe sich gezeigt, dass man wirtschaftlich zum "Ausbeuten" fähig gewesen sei, aber die Einigung vor der Einheit versäumt worden sei; die Teilung wirke fort; nun sei man zum ersten Mal mit deutschen Soldaten in einen Krieg hineingeraten; dies sei eine Konsequenz der Souveränität und Einheit Deutschlands; die Vertreibung der Kosovo-Albaner müsse vordringlich behandelt werden; die Serben hätten die Verhandlungen genutzt, um die Vertreibung vorzubereiten und durchzuführen; eine weitere Frage sei, warum die Amerikaner das Oberkommando über diesem Einsatz hätten; dies zeige die Unmündigkeit Europas und die Abhängigkeit von den USA; die Kriegsführung missfällt Grass; die Berichterstattung sei verfälscht; zuviele Zivilisten seien von den Bombardements betroffen; dies sei ein zu hoher Preis; die Diskussion um Bodentruppen sei irreal - man komme gar nicht um Bodentruppen herum; Grass hofft, dass das geeinte Europa auch endlich außenpolitische Verantwortung übernimmt; Kogel: "Mein Jahrhundert" erscheint in 22 Sprachen; Botschaft aus dem "anderen" Deutschland und Bekenntnis einer humanitären Literatur? Grass: will und kann die Bedeutung des Buches nicht ermessen; Verwunderung über großes ausländisches Interesse an dem Buch; Interesse an deutscher Innensicht sei nach wie vor interessant für andere; zum Erscheinen von der "Blechtrommel" habe Kurt Wolff Grass gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass sich amerikanische Leser für das Buch interessieren könnten; Grass habe dies verneint, das Buch spiele in der Provinz, es komme Jargon vor und er sei schon froh, wenn das Buch in Bayern verstanden werde; darauf habe Wolff geantwortet, dass alle große Literatur aus der Provinz komme; damit habe Wolff Recht gehabt; Grass habe sich auch da über das Interesse im Ausland gewundert; Kogel: Mitte der 90er Jahre Begriff vom "Ende der Geschichte"; in "Mein Jahrhundert" Rückblick auf das vergangene Jahrhundert; glaubt Grass, dass die Geschichte weitergeht und wie; Grass: befürchtet Wiederholungen der Geschichte; Beispiel Boxeraufstand in "Mein Jahrhundert".


Urtitel:
Interview Grass Mein Jahrhundert
Anfang/Ende:
Herr Grass, in…Europawahl beteiligen soll.
Genre/Inhalt:
Literatur
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Mein Jahrhundert"

Schlagworte:

Person:
Graf, SteffiGND; Becker, BorisGND; Brandt, WillyGND; Rathenau, WaltherGND; Scheidemann, PhilippGND; Kapp, WolfgangGND; Wolf, KurtGND; Kaiser Wilhelm,
Werke:
Die Blechtrommel; Mein Jahrhundert; Ein weites Feld; Der Butt; Fundsachen für Nichtleser
Sach:
Rundfunk; Jimmy; Charleston; Sport; Geschichtsschreibung; Organisation Konsul; Fernsehen; Zeitmoden; Erzählposition; Aquarelle; Kniefall; Tennis; Politik; Grammophon; Schallplatte; Foxtrott; Kurzgeschichte; Short-story
Geo:
Warschau
Zeit:
Deutsche Geschichte
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
30.04.1999
Aufnahmeort:
Göttingen
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-DieterGND (Interviewpartner)
Person:
Zimmermann, HarroGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Autor(in))
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Anmerkung:
Aufnahme liegt als MC und DAT von Radio Bremen vor. Die MC Fassung enthält als einzigen Unterschied zum DAT am Ende ein Kirchenglockenläuten. Die Einspielung erfolgte vom DAT. Dok. bricht bei 24:56 ab.

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Interview Grass Mein Jahrhundert. Göttingen .

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