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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 791
10.20379/dbaud-0791

Europa erweitert - und was nun? : Gespräch über Osterweiterung

Scheller, Wolf GND

Gespräch von Wolf Scheller mit Günter Grass Frage: Grass hat früher davor gewarnt, das Zusammenwachsen zwischen Ost und West werde nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben; wie beurtelt er den Prozess heute? Grass: Der Prozess sei notwendig und nicht aufschiebbar gewesen; in Europa herrsche aber schon seit einiger Zeit ein "demokratisches Defizit"; die osteuropäischen Länder würden bei ihrem Europa-Beitritt feststellen, dass der "Wasserkopf Brüssel" weiter wachsen werde; das Strassburger Parlament hätte dagegen zu wenig demokratische Kontrollmaßnahmen gegenüber Brüssel; wünschenswert sei, dass die osteuropäischen Länder Impulse liefern zu einer europäischen Verfassung, die Europa auch außenpolitisch stärken könne; bislang sei Europa in Krisensituationen ohnmächtig wie auch der Irak-Krieg zeige; Frage: Beitrag der ost- und mitteleuropäischen Länder für die EU? Grass: zunächst ihre eigene Kultur; die Mitte Europas liege in Prag und nicht in Paris, dies werde die Franzosen noch verwundern; die Verwestlichung der Beitrittsländer werde nur langsam fortschreiten, gleichzeitig würden die anderen Länder auch veröstlicht werden; Frage: Befürchtet Grass, dass Antisemitismus und Nationalismus in Europa wieder stärker werden? Grass: Dies werden von Land zu Land unterschiedlich sein; in Deutschland habe man schon oft ein Ende der Vergangeneheits-Debatte gesucht und sei immer wieder von der Vergangenheit eingeholt worden; auch auf die Beitrittsländer treffe dies zu, z.B. auf Ungarn; dass Ungarn an der Deportation und Ermordung von einer halbe Millionen Juden beteiligt gewesen sei, werde heute weitgehend ignoriert; dennoch müsse sich Ungarn dieser Vergangenheit stellen; dies treffe auch auf Polen zu, aber bspw. nicht auf Polen; Frage: Das Verhältnis zwischen Polen und Tschechien hat sich verschlechtert, u.a. durch die Debatte um das geplante Zentrum gegen Vertreibung; warum wird darüber so heftig debattiert? Grass: Sowohl Polen als auch Tschechen hätten leidvolle Erfahrungen gemacht; gegenüber einem Zentrum gegen Vertreibung, das man in Berlin aufbauen will, reagiere man verständlicherweise empfindlich; man müsse bei den Überlegungen beide Länder einbeziehen; aus Polen sei der Vorschlag gekommen, Breslau als Standort für dieses Zentrum zu nehmen, was auf jeden Fall richtiger sei; Frage: Was sagt Grass zum Verlauf der Debatte um das Thema "Die Deutschen als Opfer", die er u.a. mit "Im Krebsgang" angestoßen hat? Grass: es habe hier bewusste oder unbewusste Missverständnisse gegeben; Grass' Darstellung des "Gustloff"-Untergangs sei aus dem Kontext herausgerissen und bewusst auf die Opfergeschichte reduziert; es sei eine fiktive Handlung in die Darstellung eingeflochten; die "Gustloff"- Katastrophe sei kein Kriegsverbrechen gewesen; Frage: Ist das Leidern der deutschen Zivilbevölkerung im 2. Weltkrieg zu wenig thematisiert worden? Grass: Dies sei ein komplexer Sachverhalt; das den Deutschen zugefügte Leid durch Bombenkrieg oder Vertreibung sei von ihnen selbst ausgelöst worden; die ersten Bomben und die ersten Vertreibungen seien von den Deutschen ausgegangen; Frage: Ist der Begriff "Aussöhnung" zwischen Polen und Deutschen "Augenwischerei"? Grass: Man sei schon sehr viel weiter gewesen, fraglich sei, inwieweit man dies in Deutschland wahrgenommen habe; in Polen sei die Debatte tabuisiert gewesen und habe einen nationalistischen Tonfall bekommen; man habe von urpolnischen Gebieten gesprochen, und auf deutscher Seite von urdeutschen Siedlungsgebieten; beides sei falsch; jüngere polnische Autoren hätten dann damit angefangen, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen; Frage: Hat die Befürwortung Polens und sieben anderer osteurpäischer Staaten der Irak-Politik der USA zu einer Trübung des Verhältnisses geführt? Grass: würde nicht zustimmen; zum Teil sei dies verständlich, auch wenn Grass es für falsch hält; die USA gälten als Befreier, der eigene Anteil am Zerfall der Sowjetunion werde nicht so hoch eingeschätzt; nun käme eine Form von "Vasallentreue" auf; Frage: Gibt es Hoffnung auf ein europäisches Werteverständnis und auf eine europäische Identität? Grass: eine gemeinsame Identität sei ein Wunschbild, treffe aber nicht einmal auf Westeuropa zu; der Prozess der europäischen Einheit sei vor allem wirtschaftlich orientiert gewesen, die Politik und die Kultur würden hinterherhinken; eine europäische Identität könne niemals nur auf wirtschaftlichen Interessen beruhen; diese seien sehr unterschiedlich, während es jahrhundertealte, gemeinsame kulturelle Entwicklungen gebe; die kulturelle Verbundenheit in ihrer Vielfalt sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gemeinsame Identität; dieser Prozess werde, Fortschritte, Rückschritte und Überraschungen beinhalten; die Vereinheitlichungen durch Regelungen aus Brüssel würden auf der anderen Seite Nationalsismus und Regionalismus stärken; die Vielfalt müssen gegenüber dem "Einheitsbrei Europa" gefördert werden.


Urtitel:
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…wichtigsten Voraussetzungen dafür.
Genre/Inhalt:
Politik
Schlagworte:

Werke:
Im Krebsgang
Sach:
Demokratie; Antisemitismus; Wilhelm Gustloff; Kollaboration; Nationalismus; Europäische Union; Vertreibung; Wirtschaft; Straßburger Parlament; Kultur
Geo:
Tschechien; Breslau; Berlin; Irak; Europa; Polen; Ungarn; Litauen; Brüssel
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
21.05.2004
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Scheller, WolfGND (Interviewpartner)
Person:
Scheller, WolfGND (Autor(in))
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))

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Zitierform:

Scheller, Wolf:

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