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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 792
10.20379/dbaud-0792

Das Gespräch: Günter Grass : Werkstattbesuch bei Günter Grass

Stefan Lohr im Gespräch mit Günter Grass in dessen Atelier Lohr: Werkstatt aus mehreren Räumen bestehend; wie verteilen sich Grass' Aktivitäten zur Zeit auf diese Räume? Grass: keine Türen zwischen den Räumen; langer Arbeitstag; Wechseln von der einen zur anderen Disziplin; Grass empfindet seine Begabungen, die er von mütterlicher Seite geerbt habe, als Geschenk; in der Öffentlichkeit stehe immer das Schreiben im Vordergrund, doch auch dies empfindet Grass nicht als Nachteil; Zeichnen und Lyrik hätten sich "im Windschatten der Prosa" weiterentwickeln können; Lohr: Was mag Grass an Goethe? Grass: Neugierde bis ins hohe Alter; Goethe sei ein Augenmensch gewesen und alles aufgenommen; hinzu komme in wissenschaftliches Interesse, dass ihm selbst weitgehend fehle; "Italienische Reise" als lebendiges Buch, weil sich hier besonders die Neugierde im Text niederschlage; auch hinsichtlich zeichnerischer Veranlagung und Begabung Goethes sei dies mit die fruchtbarste Zeit gewesen; Goethe sei auch in der Lyrik immer "vital geblieben"; Lohr: Liest Grass Goethe noch? Grass: bejaht; Theaterstück "Torquato Tasso": Kampf zwischen Ästhetik und Weltläufigkeit, frühe Dialektik, die Grass immer wieder interessiert habe; Lohr: Ausstellung "Diesseits und jenseits von Arkadien - Goethe und Grass als Landschaftszeichner" - Entstehung der Idee? Grass: Idee von Herrn Wißkirchen aus Lübeck gemeinsam mit Weimar; Grass habe auch immer wieder Landschaften gezeichnet, habe allerdings eine andere Landschafts-Auffassung als Goethe; Lohr: Gemeinsamkeiten, z.B. Porträtieren von Bäumen; dennoch anderer Blick auf Landschaft, auf Arkadien Grass: bei Goethe Tendenz zu Ideallandschaften; bei Grass keine Idealisierungen; Lohr: "Totes Holz" als Beispiel für anderen Blick auf deutschen Wald als bei Goethe... Grass: hat auch traditionelle Landschaftszeichnungen, etwa aus Dänemark; dann aber Themen wie das Waldsterben, die zu Büchern geworden sind; Entstehen von "Totes Holz" mit sehr "sparsamen" Texten; anderes Beispiel: Kalkutta mit Müll-Landschaften; Lohr: Goethe als Augenmensch und Künstler, der in seiner ästhetischen Arbeit mehr tut als "nur" schreiben Grass: will Goethe nicht festlegen auf idealisierte oder idyllische Landschaft; auch von ihm gebe es Zeichnungen vom Bergbauwesen, an dem Goethe sehr interessiert gewesen sei; Lohr: Anwendungszeichnungen aus naturwissenschaftlichem Interesse... Grass: Goethe auch als Minister für Bergbau mit verantwortlich; weitere Distanz, aber auch Nähe zu Goethe: politischer Mensch und politische Verantwortung; Reise nach Italien sei für Goethe eine Entlastung von politischer Verantwortung gewesen; Einmischen und Verantwortung übernehmen seien Grass nicht fremd Lohr: Grass ohne Probleme, die Begabungen zu vereinen; Goethe hingegen habe von dieser Entscheidung als Not gesprochen und geschrieben; Grass: bei Goethe offen bis Italien; dann Unterricht bei einem Maler, dann Goethes Entscheidung, der Malerei nicht nachzugehen; Lohr: Goethe sei Dilletant geblieben, Grass hingegen mit Ausbildung an den Akademien in Berlin und Düsseldorf; Grass: Schreiben zunächst im Hintergrund, dann andere Gewichtung durch Schreiben der "Blechtrommel"; in Paris zuerst noch Skulpturen, die dann "eingetrocknet" seien; Skulptur und Prosa schließen einander aus, da beide Arbeiten den Tag ausfüllen; Bildhauerei seit dem völlig im Hintergrund, erst in der Schreibpause in den 80er Jahren dann wieder bildhauerische Arbeiten (Ton, Terracotta); Lohr: Grass' Lehrer und Fehler Goethes (nach Selbstaussagen Goethes)... Grass: Fehler Goethes träfen auf sein Zeichnen zu; bei Grass: neben Zeichnen auch früh schon Radierungen und Lithographien, ab 70er Jahren dann intensive Beschäftigung mit Radierungen, später auch wieder Rückkehr zur Lithographie; Voraussetzung: Handwerkliche Fähigkeiten; Lohr: gute Katalogisierung der Bilder Goethes sei nicht Ausdruck seiner künstlerischen Fähigkeit sondern seiner Weltberühmtheit; anderer Akzent als bei Grass; Grass: Goethe sei bis ins Alter hinein beim Schreiben "wandlungs- und aufnahmefähig" geblieben; Verhältnis Heine-Goethe zeigt Wirkung; Befangenheit Goethes hingegen in der bildenden Kunst; Prägung durch Ästhetik Winkelmanns; mittelalterliche Kunst habe Goethe nicht wahrgenommen oder wahrnehmen wollen; erst sehr spät Beschäftigung mit dieser Kunst; Lohr: bei Grass bewusste Entscheidungen hinsichtlich künstlerischer Richtung: Gegenständlichkeit... Grass: Glück, zwei Lehrer gehabt zu haben: Otto Pankok und Karl Hartung; fordernde, starke Personen; großes Motiv bei Pankok: Zigeuner; politische und pazifistische Position Pankoks sehr prägend für Grass; Hartung sei eine direkte Wahl von Grass gewesen; Hartung habe zum Gegenstandslosen und Abstrakten tendiert, aber immer noch Naturformen verwendet und weiterentwickelt; 1953 Auseinandersetzung zwischen Karl Hofer (Direktor der Hochschule für bildende Kunst) und Will Grohmann (Kunsttheoretiker): moderne, gegenständliche Kunst vs. gegenstandslose Kunst; dadurch Zwang, Partei zu ergreifen; Grass' Entscheidung für Gegenständlichkeit; auch Dix und Beckmann seien abgelehnt worden in der Bundesrepublik, nicht jedoch in der DDR; in der DDR Diktat des sozialistischen Realismus; Lohr: Mondrian im frühern Werk gegenständlich, dann gegenstandslos Grass: Gegenstandslose Künstler hätten sich auf Wols (Alfred Otto Wolfgang Schulze) berufen; für Grass ist Wols ein hoher Grad an Abstraktion; bei Mondrian Stadtbilder und Abstraktion, aber auf Grundlage des Gegenstandes; Lohr: hergeleitete Gegenstandslosigkeit bei Mondrian für Grass nachvollziehbar und als ästhetische Leistung honorierbar; Grass: bejaht; Unterschied zwischen Abstraktion und Programm der Gegenstandslosigkeit; Lohr: "Diesseits und jenseit von Arkadien" - wo würde Grass sich verorten? Grass: jenseits; es sei stets der Inhalt, der die Form bestimme, nicht umgekehrt; nach Mauerfall zwei Besuche in der Lausitz und Zeichnen in Braunkohletagebau-Landschaften; ähnlich wie in Kalkutta oder im deutschen Wald: Inhalt, durch den Grafik entsteht; Lohr: Idee von Arkadien als ästhetisches Konzept überholt? Grass: Wunsch werde immer existieren; kleinbürgerliche Form davon: Idylle; bei Grass viele "beschädigte Idyllen"; Einbrüche durch Politik, technische Entwicklung, Umweltzerstörung; Lohr: mehr unterscheidende Momente zwischen Goethe und Grass als gemeinsame; Grass: beides; Liebe zu Bäumen und zu deren Individualität als Gemeinsamkeit.


Urtitel:
Anfang/Ende:
(Trailer, Anmoderation) NDR Kultur…Weimar zu sehen. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Kultur
Historischer Kontext:

Ausstellung "Diesseits und jenseits von Arkadien - Goethe und Grass als Landschaftszeichner" im Grass-Haus Lübeck.

Schlagworte:

Person:
Goethe, Johann Wolfgang; Heine, HeinrichGND; Pankok, OttoGND; Hartung, RudolfGND; Hofer, CarlGND; Dix, OttoGND; Beckmann, MaxGND; Newton, Sir IsaacGND; Runge, Otto; Schulze, Alfred Otto WolfgangGND
Werke:
Zunge zeigen; Totes Holz; Italienische Reise; Marienbader Elegien; Torquato Tasso; Faust
Sach:
Gegenständlichkeit; Werkstatt; Schreibmaschine; Zeichnen; Schreiben; Landschaft
Geo:
Weimar; Berlin; Harz; Italien; Lausitz; Thüringen; Düsseldorf; Lübeck; DDR; Kalkutta
Zeit:
1970er Jahre; Mittelalter; 1980er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
26.04.2004
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Teilnehmende:

Person:
Lohr, StephanGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))

Zitieren

Zitierform:

Behlendorf .

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