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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 990
10.20379/dbaud-0990

Grass-Bekenntnis zur Waffen-SS

Kopfansage (Länge: 01'57''): (Einleitung zur Gesprächszeit) Guido Schulenberg: 5 Tage nach dem Bekenntnis von Grass: Die Diskussion ebbt nicht ab; hat Grass die Wahrheit verschweigen dürfen? Ist er ein "Wahrheitströpfler"? Kann man Verständnis für Grass aufbringen? Stimme (Unbekannter von der Straße?): Heuchlerei Stimme 2: Verständnis, aber möglicherweise Werbestrategie fürs Buch Stimme 3: Verständnis für einen Siebzehnjährigen Stimme 4: Grass hat sich geschadet und sollte den Nobelpreis zurückgeben Stimme 5: beim Nobelpreis geht es um Literatur, alles weitere ist dafür irrelevant Guido Schulenberg: Diese Argumente sollen nun diskutiert werden. GZ 1: (08'20')' (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 1): Guido Schulenberg (Moderator) stellt die Gäste im Studio des Nordwestradios vor: Matthias Schreiber (Publizist, Spiegel-Kulturredaktion); Johano Strasser (Präsident des PEN-Deutschland); Harro Zimmermann (Kulturredaktion Nordwestradio) Frage an Zimmermann: Hat sich Zimmermanns Bild von Günter Grass verändert? Zimmermann: "Ja und nein"; "Krakehlerei" am Anfang, nun Versachlichung der Auseinandersetzung; Grass-Bild wird sich nun ändern; Faszination für Faschismus war selbst für hochintelligente Menschen wie Grass sehr manifest; selbst Grass als "Motor des deutschen Schulddiskurse" sei in "stärkerer Weise verstrickt" gewesen; es handle sich aber um ein Selbstbekenntnis, was anerkennenswert sei Frage an Schreiber: Hält Schreiber die Diskussion um Günter Grass für begründet? Schreiber: ja, den Grass sei eine "große moralische Instanz" gewesen, habe oft das Wort ergriffen gegen die "Verdränger der Vergangenheit"; Schreiber zweifelt an Zimmermanns Meinung, Grass' Enthüllung sei anerkennenswert; es gibt eine Karteikarte über die Waffen-SS-Mitgliedschaft, die früher oder später ans Licht gekommen wäre Frage an Strasser: Wird die Diskussion fair geführt? Strasser: keine faire Diskussion; frühere Grass-Gegener nehmen jetzige Debatte als willkommenen Anlass, zuzuschlagen; Strasser hält die Debatte für "völlig überzogen"; Grass habe immer sehr deutlich über seine Verstrickung in den Nationalsozialismus gesprochen und sich stets gegen Ideologien gewendet; für Strasser ist das, was er im Buch gelesen habe, nicht wirklich neu gewesen Guido Schulenberg: nur wenige haben das Buch bisher gelesen; Grass hat selbst die Sperrfrist durchbrochen und ist selbst schuld an der Vorab-Diskussion; Debatte auf Basis der Nicht-Kenntnis Zimmermann: Buch arbeitet mit Spielformen des Erinnerns; im Buch erscheint SS-Mitgliedschaft nicht als Skandal; Schreiber: hält es für möglich, dass Grass noch mehr verbirgt; "wer einmal lügt, dem glaubt man nicht". GZ 2: (09'13'') (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 2): Frage an Strasser: Wenn man Grass persönlich kennt, fühlt man sich dann persönlich gekränkt über sein bisheriges Schweigen? Stasser: verneint dies; Grass habe sich nie moralische Autorität angemaßt, sondern habe seinen Verstrickung immer zugegeben, auf öffentlich; das Detail der Waffen-SS macht für Strasser keinen Unterschied aus; Grass sei als 16- und 17jähriger fanatischer Nazi gewesen; es sei heuchlerisch, daraus einen Skandal zu machen; Frage an Schreiber: ist für Schreiber dieses Detail bedeutsam? Schreiber: ist anderer Meinung als Strasser; das Problem sei nicht die Mitgliedschaft in der Waffen-SS, sondern das Moralisieren nach dem Krieg; Verweis auf Bittburg (Besuch Reagens auf Soldatenfriedhof); Stasser: Grass hat das Recht des Moralisierens nicht durcht Schweigen erkauft; vielmehr sei das Bewusstsei von Schuld grade der Antrieb von Günter Grass gewesen; Frage an Strasser: wenn das Detail der Waffen-SS nicht so wichtig ist, warum ist es Grass dann doch so schwergefallen, es zu nennen? Strasser: das fragt sich Strasser auch; Strasser vermutet, dass das Kürzel SS zu schwer wiegt; andere Vermutung: früheres Bekenntnis hätte "Persilschein" werden können für solche, die in der SS auch wirklich Verbrechen begangen haben; Frage an Zimmermann: warum hat Grass das Detail Waffen-SS verschwiegen? Was hat Zimmermann gedacht, als er die Stelle im Buch, von dem etwa 200 Exemplare im Umlauf sind, gelesen hat? Zimmermann: in der Logik des Buches fällt das Detail kaum auf; Perspektive des 17jährigen mit anderer Gefühls- und Bewusstseinsstellung; "Schuldmotor" bei Grass sei offenbar noch größer gewesen; Grass habe immer versucht, seine Schuld abzuarbeiten; dies sei für die Kultur der Bundesrepublik von großer Bedeutung gewesen; Frage an Zimmermann: hätte der "Schuldmotor" nicht kraftvoller sein können, wenn Grass früher zugegeben hätte, bei der Waffen-SS gewesen zu sein? Zimmermann: ja, kraftvoller, offener, ehrlicher, aber auch angreifbarer; Grass hätte sich möglicherweise geschadet oder wäre authentischer gewesen. GZ 3: (10'23'') (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 3): Frage an Strasser: Was sagen die SchriftstellerkollegInnen zu den neuen Erkenntnissen über Grass? Strasser: der tschechische PEN hat über das Zurückziehen des Capek-Preises für Grass nachgedacht; dies sei jedoch falsch; Strasser hat Verständnis für die Emotionen im Ausland; Frage an Stasser: Reaktionen aus Polen? Stasser: hält Superlative in den Reaktionen für falsch; Grass sei aus seinen eigenen Erfahrungen heraus moralisierend gewesen; man solle keine Ansprüche an Schrifsteller und Intellektuelle erheben, dass diese "übermenschliche Urteilsfähigkeit haben"; Frage an Schreiber: dürfen oder können Schrifsteller nicht mehr machen, als die Diskussion über Vergangenheit anzuregen? Schreiber: Grass sei sehr lautstark in der Öffentlichkeit gewesen; Polemik bei Grass; warum moralisiert Grass sogar noch im FAZ-Interview?; Verweis auf Hundejahre: Mehlwürmer als "verdruckste Kreaturen", die sich nicht offen der Wahrheit stellen; Grass sei aber selbst ein Mehlwurm, wie sich nun zeige; Frage an Schreiber: hat Grass nun kein Recht mehr auf moralische Äußerungen? Schreiber: doch, aber Grass habe sich nicht zu sehr aus dem Fenster hängen sollen; Grass sei "Rechthaber der Nation schlechthin" gewesen; mit Grass könne man nicht richtig diskutieren, er hat "immer recht" Strasser: in den 60ern und 70ern habe Grass vor zu schnellen Urteilen gewarnt; diese Funktion, die Grass damals gehabt habe, dürfe nicht vergessen werden; Zimmermann: durch sein Bekenntnis verliert Grass nicht das Recht, als moralischer Intellektueller aufzutreten; es lasse sich hier nichts verrechnen; man müsse nur offener über ihn nachdenken und Grass müsse sich offener der Kritik stellen; Grass dürfe aber nach wie vor Kritik üben; die Diskussionen mit Grass könnten dadurch sogar interessanter werden Schulenberg: Verkaufsstrategie für das neue Buch? Zimmermann: schlimme Unterstellung, aber Fehler von Grass, dass er im Interview mit der FAZ sehr schnell auf "deren Zug aufgesprungen" ist; Grass hätte besser auf das Buch verwiesen; Buch als "Entscheidungs- und Bekenntnisort" hätte zur Versachlichung beigetragen Frage an Schreiber: Verkaufsstrategie? Schreiber: Verkaufsstrategie wird von Grass' Verlag betrieben, nicht vom Autor; Grass hat das "journalistische Event" in der FAZ aber offenbar gewollt; Grass habe sich an der Inszenierung selbst beteiligt. GZ 4: (08'35'') (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 4): Frage an Strasser: Grass beginnt sich zu wehren in dem er sagt, er werde zur "Unperson" gemacht; ist diese Reaktion übertrieben? Strasser: Reaktion ist übertrieben; Öffentlichkeit ist gespalten, wie immer bei Grass; Frage an Stasser: was würde Strasser Grass raten? Strasser: es wäre besser gewesen, auf das Buch zu erweisen, statt sich auf die FAZ einzuallsen; Strasser stimmt SChreiber zu, dass Grass mit dazu beigetragen hat, dass das Thema hochgeschaukelt wurde; Strasser würde Grass raten, die PR-Dinge vorsichtiger anzugehen; Frage an Schreiber: wie wird Grass in Zukunft gesehen? Schreiber: von Grass bleibe "viel Vernünftiges übrig"; Verweis auf "Tagebuch einer Schnecke" und "Rede über das Selbstverständliche", Plädoyer für Demokratie in den 60ern; Grass wird mehr argumentieren und diskutieren müssen und mehr kritische Fragen zulassen müssen; Zimmermann: ist eher optimistisch; künftige Wirkung sei unbestreitbar; 87 Prozent der Deutschen hätten in einer Meinungsumfrage gesagt, Grass solle den Nobelpreis behalten; dies zeige, wie fundiert Grass als Intellektueller in der Gesellschaft verankert ist; Frage an Strasser: Revision des Bildes von Grass? Strasser: keine Revision, aber zusätzliche "Patina"; Frage an Schreiber: Bild von Grass? Schreiber: Anprangerungen der konservativen "Verdränger" durch Grass muss aufhören Zimmermann: Grass wird der bleiben, der er ist; Geständnis wird aber nicht folgenlos bleiben.


Urtitel:
Gesprächszeit: Grass-Bekenntnis zur Waffen-SS
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Günter Grass, ein…folgt die Musikzeit. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Biographie
Schlagworte:

Sach:
Waffen-SS; Nobelpreis
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
16.08.2006
Aufnahmeort:
Bremen, Radio Bremen
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Gesprächszeit
Archivnummer:
Siehe Anmerkungen
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, HarroGND (Mitwirkende(r))
Person:
Strasser, JohanoGND (Mitwirkende(r))
Person:
Schreiber, MatthiasGND (Mitwirkende(r))
Person:
Schulenberg, GuidoGND (Sprecher(in))
Anmerkung:
Johano Strasser wurde für das Inteview zugeschaltet. Das Gespräch wurde im Original in 5 Teilen gesendet (4 Unterbrechungen durch Musik). Für die Datenbank wurde das Gespräch zu einem Track zusammengefaßt. Auf der CD von Radio Bremen ist die Unterteilung wie gesendet enthalten. Dublette liegt vor. Kopfansage: 01'57'' B003162061; GZ 1: 08'20'' B003164; GZ 2: 09'13'' B003162067; GZ 3: 10'23'' B003162070; GZ 4: 08'35'' B003162073

Zitieren

Zitierform:

Gesprächszeit: Grass-Bekenntnis zur Waffen-SS. Bremen, Radio Bremen .

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