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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1019
10.20379/dbaud-1019

Harro Zimmermann spricht mit Günter Grass

<setzt abrupt ein> Gespräch über das Verhältnis der ehemaligen beiden deutschen Staaten (offenbar ca. 3 Jahre nach der Wiedervereinigung); über die Bedeutung von Schriftstellern wie Sahl und Canetti; über das Verhältnis von Schriftstellern zur Parteipolitik und Grass' jetziges Verhältnis zur Sozialdemokratie; Grass sagt, er habe vor allem eine Reformpolitik unter Willy Brandt unterstützen wollen; Brandt sei jemand gewesen, der zuhören konnte, was bei Helmut Schmidt nicht mehr so ausgeprägt gewesen sei; für Grass haben 60% Konformität mit dem Programm der SPD ausgereicht, er "hasse alles Hundertprozentige"; Grass vermisst eine alternative Politik, wie sie Brandt formuliet und teilweise umgesetzt habe; in der jetzigen Politikergeneration gebe es "ungestörte Karrieren" der Politiker, aber dadurch auch eine "gewissen Einförmigkeit" entstanden; Grass hätte sich in jüngster Vergangenheit das "herbe Wort" eines Gustav Heinemann oder eines Herbert Wehner gewünscht; die Politiker seinen inzwischen austauschbar; Grass ist zur Distanz auf die SPD gegangen; bei der Möglichkeit der Einigung sei die SPD erstaunlicherweise ohne Konzept geblieben; wenn sich die SPD beim Thema Asylrecht auf einen Kompromiss einließe, würde Grass die Partei verlassen; Grass' Wahlaktivitäten hätten ihm viele Erfahrungen gebracht, er habe Regionen und soziale Bereiche kennengelernt, in die ein Autor normalerweise gar nicht kommen würde; daneben aber beispielsweise Bedürfnis, ein Werk wie "Der Butt" zu schreiben; als Zeitgenosse will Grass Anteil nehmen; die Probleme, die den Bürger und Familienvater Grass beträfen, seien "schlimm genug", als dass Grass sich ins Ästhetische zurückziehen könne; umfassende Bücher wie "Der Butt" werde es nicht in großer Zahl geben, doch Grass macht beispielsweise auf das Buch "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny aufmerksam; derartige Bücher seien der Wissenschaft und Sachliteratur voraus; beim "Butt" habe Grass die "ungeschriebene Geschichte", in diesem Fall die Ernährungsgeschichte, in den Mittelpunkt stellen wollen; der Mensch habe sich eine katastrophische Welt geschaffen, angesichts derer er an seinem Sisyphos-Prinzip des fröhlichen Steinewälzens festhalten will; die Frage sei, ob der Kapitalismus als einzig übrig gebliebene Ideologie als Grundlage für eine neue Weltwirtschaftsordnung im Sinne Brandts dienen könne; zu befürchten sei, dass der Kapitalismus sich ähnlich wie der Kommunismus ideologisieren und dogmatisieren werde; bei seinem geplanten, neuen literarischen Projekt habe Grass "Geröllmassen" vor sich.


Urtitel:
Harro Zimmermann spricht mit Günter Grass
Anfang/Ende:
(Setzt abrupt ein) Das muss zumindest…Danke, Günter Grass.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Das Gespräch fand offenbar zwei bis drei Jahre nach der Wiedervereinigung und kurz nach Erscheinen von "Unkenrufe" statt.

Schlagworte:

Person:
Milosz, CzeslawGND; Seghers, Anna; Brandt, WillyGND; Heinemann, GustavGND; Wehner, HerbertGND; Nadolny, StenGND; Sperber, ManèsGND; Sahl, HansGND; Canetti, EliasGND
Werke:
Der Butt; Verführtes Denken; Die Entdeckung der Langsamkeit; Die Wenigen und die Vielen
Sach:
Engagement; Kapitalismus; Weltwirtschaft; Reform; Sachbuch; Wiedervereinigung; Bürger; Marktwirtschaft
Geo:
DDR
Aufnahme:

Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Forum Kultur (Gespräch in Zwei)
Archivnummer:
338 659 II
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Zimmermann, HarroGND (Sprecher(in))
Anmerkung:
Aufnahme kurz vor Günter Grass' 65. Geburtstag.

Zitieren

Zitierform:

Harro Zimmermann spricht mit Günter Grass. unbekannt .

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