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Medienarchiv

„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1127
10.20379/dbaud-1127

Gespräch mit Günter Grass Tl. 1

Raddatz: In der Kritik heißt es, die Beschäftigung mit Politik habe Grass um seinen "schriftstellerischen Biss" gebracht; nun ist mit dem "Butt" eines der wichtigsten deutschen Prosa-Bücher in den letzten Jahren erschienen; wird der "Butt" vom Politischen "miternährt", gewinnt er durch Grass' politisches Engagement; Grass: Vorurteil, dass Schrifsteller durch politisches Engagement seinen Biss verliert; Grass hat immer geschrieben, auch während der politischen Arbeit ("Aus dem Tagebuch einer Schnecke"); Erarbeitung neuer Prosa-Formen; Raddatz: Beginn des "Butt" im "Tagebuch einer Schnecke"? Grass: "Butt" ist im "Tagebuch" "angezeigt"; Thema Ernährung und Thema "Vatertag" werden angesprochen; Ausrichtung an neuer epischer Konzeption schon im "Tagebuch" angelegt; Raddatz: "Ich" im "Butt" vs. Rolle des Schriftstellers (nicht anklagen, sondern aufzeigen); Elemente von Skepsis und Resignation in "Butt" und "Tagebuch"; Grass: im "Tagebuch einer Schnecke" sind Autor-Ich und Erzähler-Ich weitgehend identisch; Einfügung der fiktiven Figut Hermann Ott; im "Butt" ("Ich das bin ich jederzeit") werden Autor-Ich und Erzähler-Ich zu einer Fiktion; Grass kann mit dem Wort "Resignation" nicht viel anfangen; Raddatz: Moment des Utopischen (vgl. Ernst Bloch); Grass: Utopie taucht schon im "Tagebuch" auf; "Prinzip Hoffnung" wird von Grass als "gegenüber" verstanden, mit Toleranz und Skepsis; dagegen steht "Prinzip Melancholie"; Raddatz: Besinnung auf starke Subjektivität; Vorarbeiten zu "Butt" waren lyrische und bildkünstlerische Arbeiten; stärkere Subjektivität, Verletzlichkeit, Resignation? Grass: Erfahrung, dass er sich nur über bestimmte Medien so mitteilen kann, wie er es möchte; Fiktion verhilft zu anderen Wirklichkeiten, in die das Ich mit hineingezogen werden kann; Gedichte dienen Grass nach und vor Prosaarbeiten als Rückbesinnung und Neubestimmung; ab dem "Tagebuch" gehen Gedichte in Prosa ein; im "Butt" noch konsequenter gleichrangige Gedichte, die während des Prosa-Schreibens entstehen; Raddatz: Gedichte geben präziseste Auskunft über den Autor (Selbstbesinnung); Grass: Bloßstellung des Ich, "Sich-zur-Ordnung-Rufen"; Raddatz: Konstruktion des "Butt"; Bezeichnung "Roman" unpassend, müsste eigentlich "Märchen" lauten; Grass: Verlag und literarische Öffentlichkeit sowie Literaturwissenschaft und -Kritik ist nicht in der Lage, die Gattungsbezeichnung Märchen zu akzeptieren und außerhalt der gängigen Gattungskategorien ein Werk einzuordnen; "Märchen" ist mit anderen Gattungsmerkmalen verbunden; Grass hätte den "Butt" allerdings gerne "Märchen" genannt; Raddatz: "Butt" als Variation eines Märchens; Grass: Märchenformel "Es war einmal" hat Grass von Anfang an verwendet ("Blechtrommel"); typisch deutsche Form des Erzählens; Raddatz: ist "deutsche" Form austauschbar mit "barocker" Form? Grass: Märchen der Brüder Grimm, Sammeln der Märchen, haben einen besonderen Status in Deutschland; Märchen sind wahrscheinlich vor der Barock-Zeit entstanden; Märchen bieten "eine Wirklichkeit mehr" statt eine "Verstellung von Wirklichkeit"; Raddatz: "Butt" als Geschichtsroman, sogar über aktuelles politisches Tagesgeschäft; ist diese umfassende Konstruktion eine "Hemmnisschwelle für den Leser"? Ist der große Entwurf erst auf dem Reißbrett enstanden oder während des Schreibprozesses? Grass: Fünf Jahre Arbeit am "Butt", in den ersten zwei Jahren Gedichte und kurze Prosa-Passagen; Idee am Anfang: Geschichte der Ernährung; Beschränkung auf den vertrauten Raum Danzig und Weichselmündung; zweite geschichtliche Entwicklung, von der Grass miterzählen wollte: versteckter Anteil der Frauen an der Geschichte; die beiden Schichten sind notwendigerweise miteinander verbunden; bei dieser Verbindung hat sich - "ich weiß gar nicht mehr wie" - das Märchen "Vom Fischer und syne Frau" angeboten; Raddatz: Angstmetaphern mit Ernährung und Frauen verbunden bzw. mit Sinnlichkeit; Grass: "Fress-Perioden" innerhalb der Geschichte in Kriegs-, Hungers- und Seuchezeiten; diese "Fress-Perioden" sind gleichzeitig Angstperioden; Raddatz: Angst vor Sinnlichkeit bei Ernährung und Frauen; <Schnitt> Grass: Männer im Machtgebrauch und Machtwahn; innerhalb der männlichen Systeme wird Bodenlosigkeit offenbar, die zur weiblichen Position treibt; Frau als Ruhepunkt und letzte Zuflucht; Angst, das diese letzte Zuflucht auch noch gefährdet ist, ist Kennzeichen der gegenwärtigen Zeitsituation; Raddatz: "Butt" als anti-emanzipatorisches Buch? Grass: Skepsis gegenüber einem Verhalten, das "ins wohlorganisierte Chaos geführt hat"; Spannungsverhältnis zwischen Geschlechtern wird aufgehoben, ohne etwas neues zu setzen; bindungsloses Verhalten zwischen Männern und Frauen ist die Folge (Bindungsangst, die zuerst von den Männern und nun auch von Frauen praktiziert wird); Raddatz: drittes sinnliches Element im "Butt": Schwangerschaft als Überwältigtsein von der Frau? Grass: Privates geht innerhalb von fünf Jahren Arbeitszeit ins Buch ein und mischen sich mit anderen Erfahrungen politischer und literarischer Art; Betroffenheit im Buch sollte bemerkbar sein; Betroffenheit in literarische Formen übersetzt; der Autor ist eigentlich der letzte, der in der Lage ist, über seinen Arbeitsprozess zu sprechen, denn "das Buch löst sich vom Autor"; der Kopf ist dann "geräumt"; Raddatz: altes Paradigma, dass der Autor sein Buch nicht erklären kann; Raddatz tritt stellvertretend für den Leser auf; Kapitel "Vatertag" fällt aus dem "Butt" heraus und hat Aggressionselemente; Grass: "Vatertag" war von Anfang an als "Störelement" vorgesehen; einziger Teil, der außerhalb von Danzig spielt; erste berufstätige Frau im "Butt"; Raddatz: "Vatertag" als Ballett; Grass: Aggressionen sind in Bewegungen und Aktionen ausgedrückt; inhaltliche Erläuterung des "Vatertag"-Kapitels: vier Frauen, die männliches Verhalten demonstrieren; männliches Verhalten wird übersteigert.


Urtitel:
Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Die Beschäftigung mit…Katastrophe am Ende.
Genre/Inhalt:
Literatur
Historischer Kontext:

Veröffentlichung des "Butt"

Schlagworte:

Werke:
Der Butt; Aus dem Tagebuch einer Schnecke; Von dem Fischer un syner Frau
Sach:
Roman; Engagement; Utopie; Märchen; Schwangerschaft; Fiktion; Melancholie; Ernährung; Geschlechter; Hunger; Sinnlichkeit; Erzähler-Ich; Literaturgattung; Lyrik; Prosa; Autor-Ich
Geo:
Weichsel; Danzig
Zeit:
Barockzeit
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
30.06.1977
Aufnahmeort:
Frankfurt am Main?
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Archivnummer:
B001540006/3018459
Produktionsnummer:
4500-002101.100-300

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Zitierform:

Gespräch mit Günter Grass. Frankfurt am Main? .

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