Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1185
10.20379/dbvid-1185

Ein Besuch bei Günter Grass : Günter Grass im Gespräch zu seiner neuen Novelle "Im Krebsgang"

Bitter, Rudolf von GND

Frage: Bedeutung des Titels und Erzählweise? Grass: Sah sich dem Problem ausgesetzt, den Lebensläufen mehrerer Personen nachgehen zu müssen, die mit der Geschichte der "Wilhelm Gustloff" in Verbindung stehen: Wilhelm Gustloff selbst, David Frankfurter, Alexander Marinesko und die fiktive Figur Tulla Pokriefke, die bereits in früheren Werken von Grass vorkommt ("Die Blechtrommel", "Hundejahre"); deren Sohn Paul erzählt 50 Jahre nach der Gustloff-Katastrophe die Geschichte; die Verschränkung der Lebensläufe setze die Erzählform, den Krebsgang, voraus. Frage: Rolle des Erzählers und Zurückhalten des Spannungsmoments? Grass: Das oberflächliche Spannungsmoment sei von Beginn an genommen, da über die Tatsache des Untergangs direkt auf den ersten Seiten informiert werde; die Spannung werde in das Innere der Novelle verlagert; die Form des Erzählens werde hervorgehoben. Frage: Ausschließlich literarische Gründe für die Erzählweise? Grass: Bejaht; der Inhalt bestimme immer grundsätzlich die Form; zur Bewältigung des Stoffes habe es in diesem Fall einer strengen Form, der der Novelle, bedurft. Einspieler: Historische Aufnahmen von Kriegsflüchtlingen, dazu Erläuterungen zu "Im Krebsgang"; dabei Verweis auf "Die Blechtrommel". Frage: Parallelmontage in der Novelle, die Spannung erzeugt; will Grass Spannung vermeiden? Grass: Marineskos Angriffsmethoden weisen schon zu Beginn auf die Katastrophe hin, die sich dann ereignen wird. Frage: Erzählerfigur Paul Pokriefke, der seine Herkunft und Geburt verneint... Grass: Herkunft und Geburt (am 30. Januar 1945) sind für Paul Pokriefke belastend; auf den 30. Januar fallen die Geburt von Wilhelm Gustloff, die Machtergreifung Hitlers und der Untergang der Wilhelm Gustloff zusammen. Frage: Paul Pokriefke als komischer Held, als Schelm? Grass: Gebrochener Held; dem Schreibauftrag seiner Mutter kann Paul Pokriefke nicht folgen, da das Thema in der DDR tabuisiert wird; das auslösende Moment dafür, dass Paul Pokriefke zu schreiben anfängt, sind rechtsradikale Hass-Seiten im Internet; aus den Zwischenreden einer Figur, die sich David nennt, entwickelt sich eine virtuelle Freund-Feindschaft; der Vorgang werde so mehrmals gespiegelt. Einspieler: Behandlung des Gustloff-Untergangs 1959 im Film "Nacht über Gotenhafen" Frage: Tabuisierung des Themas? Grass: Tabuisierung treffe nur auf die DDR zu; Flüchlinge seien als "Umsiedler" bezeichnet worden; im Westen habe man das Thema aus anderen Gründen ausgespart und den Rechten und Flüchlingsverbänden überlassen. Frage: Vermeidung des Themas auch in der Sowjetunion? Grass: Bejaht; die Wilhelm Gustloff sei allerdings nicht nur ein Flüchlingsschiff gewesen, es seien auch 1000 Marine-Rekruten an Bord gewesen; das Schiff sei nicht als Flüchtlingsschiff deklariert gewesen, daher könne man auch nicht von einem Kriegsverbrechen sprechen. Frage: Im Buch sind Szenen aus "Nacht über Gotenhafen" zu lesen und mit filmischen Mitteln dargestellt; die literarische Darstellung der ertrinkenden Kinder ist aber ergreifender als die kühle, filmische Darstellung, da dies von Tulla Pokriefke in ihrem typischen Sprachduktur erzählt wird; Grass: hat bewusst Tulla Pokriefkes Jargon gewählt, da sie Dinge direkt ausspricht. Frage: Abgrenzung vom Film und Novelle als Lehrstück? Grass: Dies sei nicht die direkte Absicht gewesen; als Schriftsteller müsse man aber alle Möglichkeiten ausschöpfen. Einspieler: Walter Kempowskis "Echolot"-Projekt als kollektives Tagebuch. Walter Kempowski: begrüßt es, dass Grass sich des Themas angenommen hat; erstaunt ist er darüber, dass die Presse meint, dies sei zum ersten Mal geschehen; Grass sei hier eher ein Nachzügler. Frage: Die Fakten zum Thema sind nicht neu; in der Novelle hat es den Anschein, als habe sich das Thema dem Erzähler aufgedrängt; wie lange drängt es Grass schon, darüber zu schreiben? Grass: Hat sich schon lange damit beschäftigt; der naheliegende Einfall, Tulla Pokriefke auf das Schiff zu versetzen, sei jedoch erst jetzt gekommen und das auslösende Moment gewesen. Frage: Aufnahme des Stoffes als Überwindung des "Meinungsmonopols" der Vertriebenenverbände und der Rechten? Grass: Seine Bücher würden oft "quer zur Zeit" stehen; Beispiel "Ein weites Feld": Das Buch sei im Kontext von Grass' Ansichten zur Deutschen Einheit aus politischen Gründen "niedergemacht" worden. Frage: Will Grass den Untergang der "Wilhelm Gustloff" als ein nicht-politisches, deutsches Thema etablieren? Grass: Das Thema werde im Gegenteil noch politischer; durch das Internet werde es globalisiert; durch die Globalisierung (durch das Internet) würden auch etwa Versuche, die NPD zu verbieten, nicht greifen; der Hass spiegele sich im Internet wider und sei viel gefährlicher als die Propaganda-Märsche der Skinheads. Frage: Wie hat Grass recherchiert? Grass: Hat, wie bei "Mein Jahrhundert" und "Ein weites Feld", jemanden um Recherchen gebeten, in diesem Fall den Hamburger Historiker Olaf Mischer. Frage: Wurde die Biographie Marineskos ins Detail verfolgt oder hat Grass auch mit Fiktion gearbeitet? Grass: realer Lebenslauf Marineskos; dieser Lebenslauf sei so absurd und abenteuerlich, dass man nichts dazuerfinden müsse; selbst für den Alkoholmissbrauch gebe es Belege. Frage: Recherchen zum und im Internet? Grass: Nach Hass-Seiten müsse man nicht lange suchen; viele von diesen kämen aus den USA, weil es hier keine Kontrollen gebe; die Adresse blutzeuge.de sei rechtzeitig gegen Missbrauch gesperrt worden. Frage: Grafische Darstellung der Novelle würde zwei Punkte am Anfang und am Ende und eine Verdickung in der Mitte ergeben und ist in sich geschlossen; warum knüpft Grass nicht an das Thema Erziehung an, das gegen Ende der Novelle durchscheint? Grass: "Dann hätte ich einen Roman schreiben müssen"; Spiegelung der virtuellen Welt mit der Realität und Konfrontation in der Wirklichkeit, die zum Mord führt; im vorletzten Kapitel werde das Versagen der Erziehung thematisiert. Frage: Grass' Vergleich der Geschichte mit einer Kloschüssel; Einflussnahme auf den Leser, die Geschichte nicht zu verdrängen? Grass: Das Buch können aus sich heraus wirken; eine "Moral der Geschichte" sei nicht notwendig; ihm sei es darauf angekommen, in der Mischform Bericht+Novelle, die komplexe Handlung und das komplexe Thema darzustellen. Frage: Biographischer Hintergrund: Berlin der 1960er Jahre? Grass: Bestätigt und erinnert an die Leistungen Walter Höllerers. Frage: "Müdeschreiben" des "Alten"… Grass: …ist ein ironischer Schlenker.


Urtitel:
Lese-Zeichen (Lesezeichen): Ein Besuch bei Günter Grass
Anfang/Ende:
(ATMO) Zu den viel diskutierten…ironischen Schlenker erlaubt.
Genre/Inhalt:
Literatur
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Im Krebsgang"

Schlagworte:

Person:
Kempowski, WalterGND; Gustloff, WilhelmGND; Marinesko, Alexander Iwanowitsch; Höllerer, WalterGND; Frankfurter, DavidGND
Werke:
Die Blechtrommel; Ein weites Feld; Im Krebsgang; Echolot; Nacht über Gotenhafen
Sach:
Zweiter Weltkrieg; Wilhelm Gustloff; Form; Novelle; Internet; Katastrophe; Drittes Reich; Vertriebenenverbände
Geo:
Sowjetunion; Berlin; Schweiz; Davos; DDR; Odessa
Zeit:
30. Januar 1945
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
04.08.2002
Aufnahmeort:
Diverse
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
VOB
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Bayerischer Rundfunk (BR)
Sendereihe:
Lese-Zeichen (Lesezeichen)
Archivnummer:
445134
Produktionsnummer:
0000445134
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Mitwirkende(r))
Person:
Kratzert, ArminGND (Redaktion)
Person:
Bitter, Rudolf vonGND (Autor(in))
Person:
Bitter, Rudolf vonGND (Interviewpartner)
Anmerkung:
Beitrag enthält Fremdmaterial. Rechtebeschränkt!

Zitieren

Zitierform:

Bitter, Rudolf von: Lese-Zeichen (Lesezeichen): Ein Besuch bei Günter Grass. Diverse .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export