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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1201
10.20379/dbvid-1201

Die Provinz ist die Geburtsstätte der Literatur : Günter Grass im Gespräch über Heinrich Böll

Gespräch mit Wilhelm von Sternburg Frage: In den 50er Jahren haben Grass und Böll die deutsche Nachkriegsliteratur international gemacht; was ist von Bölls Werk heute geblieben? Grass: Ergänzt: Buchmesser 1959 als Durchbruch; neben Böll Erfolg der "Blechtrommel" und der "Mutmaßungen über Jakob" von Uwe Johnson; deutsche Nachkriegsliteratur in mehreren Generationsschichten; Böll sei zusammen mit Wolfgang Koeppen und Arno Schmidt gesehen worden, die sehr unterschiedliche Autoren seien und zwar bekannt gewesen seien, aber doch am Rande gestanden hätten; Frage: Begriff der "Trümmer-" oder "Kahlschlagliteratur" für Böll zutreffend? Grass: Kategorisierungen unzureichend; gehemmter Umgang mit deutscher Sprache in den 40er und 50er Jahren; Hang zu karger Sprache (Beispiel Gedicht von Günter Eich); Frage: Begriff "Stunde Null" auf Literatur bezogen? Grass: "Stunde Null" habe es nirgendwo gegeben; Fortsetzung der nationalsozialistischen Ideologie bis in die 50er und 60er Jahre; "Stunde Null" auch nicht in der Wirtschaft oder der Literatur; keine Exilliteratur in Deutschland; Frage: distanziertes Verhältnis von Böll zur Exilliteratur (z.B. Thomas und Heinrich Mann); Bölls These, dass sich die deutsche Sprache auch in der Nazi-Zeit weiterentwickelt habe? Grass:Hat sich mit den Distanzierungen von Böll nicht befasst, da er ihn erst später kennengelernt hat; prägend für Grass: Alfred Döblin; Döblin sei jedoch "bis heute nicht angekommen"; Frage: Tradition, in der sich Böll gesehen hat? Grass: Vermutlich starkes Verhältnis von Böll zu englischsprachigen Autoren (Hemingway), besonders die einfache Sprache betreffend; Generationsunterschied zwischen Grass und Böll sei bemerkbar gewesen; wichtiger Faktor: Böll habe die Nazizeit als Soldat zugebracht, Grass sei erst als 16jähriger Soldat geworden; Bölls Briefe zeigen, dass er ein "Gefangener dieser Zeit" gewesen sei; bei Böll habe dies stärkere Wirkung gehabt als bei dem 10 Jahre jüngeren Grass; Frage: positive Wirkung der Gruppe 47? Grass: Hans Werner Richter als "literarischer Ersatzvater" für Grass; weite Spanne der gelesenen Literatur; Beurteilung der literarischen Qualität nah am Text; Frage: Durchbrüche für Grass und Böll durch die Preise der Gruppe 47? Grass: Preis der Gruppe für Lesung aus der "Blechtrommel" als Signal; Frage: allmähliches Bekanntwerden Bölls über die Grenzen Deutschlands hinaus vs. plötzliche Berühmtheit von Grass auch auf internationaler Ebene; wie hat Böll darauf reagiert? Grass: Der Umgang zwischen Schriftstellern sei kollegial; Differenzen beim politischen Engagement; Böll, Andersch und andere hätten durch Protestaktionen Engagement gezeigt, was Grass jedoch nicht gereicht habe; Böll habe den Wahlkampfaktivitäten von Grass sehr skeptisch gegenüber gestanden; erst später habe Böll auch für Brandt Partei ergriffen; Frage: Beweggründe für Böll, sich nicht zu stark parteilich zu engagieren? Grass: Einflüsse von Frankreich: "abgehobene Intellektuelle"; dieser elitäre Anspruch sei bei Andersch noch stärker gewesen als bei Böll; Böll habe jedoch Respekt vor Grass' Arbeit gehabt; Max von der Grün habe Grass sofort unterstützt; Autor im Schatten von Böll: Paul Schallück; auch dieser habe sofort bei den Wählerinitiativen mitgeholfen; nach Verblendung durch Nationalsozialismus und nach dem Krieg: Fragenstellen bei Grass; entscheidende Frage für Grass: Wer hat die Weimarer Republik geschützt? Dies seien in erster Linie die Sozialdemokraten gewesen; Frage: Böll als Moralist und Grass als "Gutmensch" - Diffamierung für engagierte Schriftsteller? Beweggründe für diese Diffamierungen? Grass: Mit dem Neoliberalismus sei eine "neue Form von Verdummung" aufgekommen ("Westerwelle-Art"), der auch zu einer neuen Klassengesellschaft in Deutschland geführt habe; das Raubtierhafte, das die soziale Marktwirtschaft dem Kapitalismus genommen habe, sei wieder zurückgekehrt; Grass und Böll seien dort einer Meinung gewesen; dies führe zu den genannten Diffamierungen; die relativ junge Form des Engagements von Intellektuellen laufe Gefahr abzubrechen; Frage: Unterschied zwischen Grass und Böll: Böll habe in den 70er Jahren sehr unter den Diffamierungen gelitten; Grass: vor allem die Kampagnen der Springer-Presse hätten Böll sehr getroffen; dies habe sich auch literarisch niedergeschlagen; Böll sei bis zu seinem Tode verletzt gewesen, darin liege auch eine Ähnlichkeit zu Willy Brandt; Frage: international großer Ruf von Grass und Böll, Nobelpreisträger vs. pauschale und harte Urteile in der deutschen Literaturkritik; hat diese Form der Kritik etwas mit dem politischen Engagement zu tun? Grass: Hat sich diese Frage auch oft gestellt; im Ausland hohes Ansehen und Respekt; Frage müsse an die Feuilletonisten gestellt werden; von der Stilart her sei der "Spiegel" prägend gewesen, der "niedermachend" gewesen sei; Frage: Böll ist von der Kritik als schwerfällig und konventiell in der Sprache beurteilt worden; wird dies Böll gerecht? Grass: Hält dies für falsch; der deutsche Großkritiker (Marcel Reich-Ranicki) habe Böll früher gelobt und werde heute nicht müde, ihn "niederzumachen"; falsche Beurteilung der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum" Frage: Grass und Danzig - Böll und das Rheinland: Bedeutung der Provinz für beide Autoren? Bedeutung des Rheinlands für Böll? Grass: "Die Provinz ist die Geburtststätte der Literatur"; große Literatur ginge immer von kleinen Räumen aus; bei Danzig großer historischer Hintergrund; sowohl Köln als auch Danzig seien auf unterschiedliche Weise verlorengegangen; Böll habe Grass einmal auf die Parallele zwischen Köln und Danzig hingewiesen; ein solcher Verlust der Heimat setze "Obsession" frei, die Heimat wieder entstehen zu lassen; mit Sprache und Literatur sei dies machbar; Frage: bei Böll tiefe Verwurzelung in Katholizismus; trotz Austritt aus der Kirche: "christlicher Hoffnungstrotz" bei Böll; Grass: ist auch aus der Kirche ausgetreten, ist sich aber der Prägung durch den katholizismus bewusst; bei Böll sei dies auch der Fall gewesen; Böll sei im christlichen Sinne ein gläubiger Mensch gewesen, Grass ist es im atheistischen Sinn geworden; Grass kann ohne die Vorstellung von Gott leben, was für Böll wohl schwierig gewesen wäre; für Grass prägend: Existenzialismus und Verantwortung des Menschen im Diesseits; Frage: andere Rolle von Böll: Einsatz für Autoren; ist dieses Engagement von Wirkung gewesen? Grass: Bölls Engagement habe zur Gründung des Schriftstellerverbandes geführt; Grass habe nichts gegen die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Druck & Papier gehabt, habe sich dann aber vom Schriftstellerverband losgesagt, als dieser in die Gewerkschaft aufgehen sollte; Grass habe versucht, Bölls Einsatz insbesondere für verfolgte Autoren nach Bölls Tod fortzusetzen; in Südkorea habe Grass erlebt, dass sich Autoren für Bölls Engagement bedankt hätten; der Schutz verfolger Autoren sei allein Grund genug, um den PEN-Club weiter existieren zu lassen; Böll habe dies klar gesehen; Frage: Schweigen über das Werk Heinrich Bölls - wird Böll wiederentdeckt werden? Grass: Für jüngere Generationen sei Böll in die Ferne gerückt, was bedauerlich sei; hinzukomme die die Diffamierung durch die Kritik; das Werk werde sich aber durchsetzen, da ist sich Grass sicher; Frage: Verortung von Böll in der Literatur des 20. Jahrhunderts? Grass: Wiederbeginn der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg; Möglichkeit des Prosareichtums sei durch Böll mitbestimmt.


Urtitel:
Die Provinz ist die Geburtsstätte der Literatur: Ein Gespräch mit Günter Grass zum 20.Todestag von Heinrich Böll
Anfang/Ende:
(MUSIK) Herr Grass, vor… ich danke Ihnen. (MUSIK)
Genre/Inhalt:
Biographie
Historischer Kontext:

20. Todestag von Heinrich Böll

Schlagworte:

Person:
Böll, HeinrichGND; Johnson, UweGND; Koeppen, WolfgangGND; Schmidt, ArnoGND; Eich, GünterGND; Mann, ThomasGND; Mann, HeinrichGND; Döblin, AlfredGND; Hemingway, Ernest; Richter, Hans-WernerGND; Heißenbüttel, HelmutGND; Andersch, AlfredGND; Brandt, WillyGND; Faulkner, WilliamGND; Joyce, JamesGND; Fontane, TheodorGND; von der Grün, Max; Schallück, PaulGND
Werke:
Die Blechtrommel; Über meinen Lehrer Döblin; Mutmaßungen über Jakob; Wo warst Du, Adam?; Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Sach:
Gruppe 47; Engagement; Weltliteratur; Nachkriegsliteratur; Schriftstellerverband; Exilliteratur; PEN-Club; Diffamierung
Geo:
Berlin; Dublin; Südkorea; Brandenburg; Frankreich; Köln; Köln
Zeit:
20. Jahrhundert; 1960er Jahre; 1960er Jahre; 1950er Jahre; 1940er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
16.07.2005
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (Fernsehen)
Archivnummer:
0464366
Produktionsnummer:
07317892
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Mitwirkende(r))
Person:
Sternburg, Wilhelm vonGND (Interviewpartner)
Person:
Wulf, ReinhardGND (Redaktion)
Anmerkung:
ARTI: Heinrich Böll - Ein anderer Deutscher. Produzent B-TV Norbert Assheuer, Berlin. Verbreitungsgebiet: 3 Sat Satellitenprogramm ARD/ZDF/SF/ORF

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Die Provinz ist die Geburtsstätte der Literatur: Ein Gespräch mit Günter Grass zum 20.Todestag von Heinrich Böll.

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