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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1216
10.20379/dbvid-1216

Sonntagsgespräch: Günter Grass

Frage: Ist Grass als politisch engagierter Pazifist "immer noch ein Linker"? Grass: Moderate linke Position in den 60er und 70er Jahren; Links-Rechts-Position sollte aufrecht erhalten werden; Frage: linke Werthaltungen? Grass: Mehr Anlässe für linke Politik durch Wiedervereinigung, die sich global ausgewirkt hat; zunehmende Zahl der Kriege; Manchester-Kapitalismus und Ellbogengesellschaft, soziale Ungerechtigkeiten; "Orwellsche Sprache"; Links-Rechts-Position nicht immer eindeutig bestimmbar (Beispiel Positionen zum Umweltschutz); Frage: Grass' Meinung zu Bosnien? Krieg, um Frieden zu schaffen? Grass: Versteht sich nicht als "150%iger Pazifist"; vor dem Einsatz von Waffen müsse jegliche Verhandlungsmöglichkeit ausgeschöpft werden; bei Bosnien Fehler schon am Anfang auch durch deutschen Außenminister Genscher; Versagen der westeuropäischen Politik; Einsatz von militärischen Mitteln gegen Serbien zu spät; Verantwortung Deutschlands aufgrund des Zweiten Weltkriegs müsse zur Konsequenz haben, dass Deutschland sich mit friedlichen Mitteln an solchen Konflikten beteiligt; Frage: linke Revolutionsversuche Anfang der 70er Jahre und ihre Auswirkungen für die Gegenwart (1995)? Grass: Beginn dieser Bewegung in den USA aufgrund des Vietnam Krieges; Grass hat diesen immer "für verbrecherisch" gehalten, ist aber immer gegen eine Revolution "mit terroristischen oder halbterroristischen Mitteln" gewesen; Reformen habe er befürwortet; der revolutionäre Teil der Linken hat für Grass versagt; Beispiel politische Gegnerschaft mit Enzensberger, der sich jetzt ganz gegen Links gekehrt hat; Frage: Hat man aus 1968 gelernt? Wo steht man heute? Grass: Veränderte Situation durch Wende: freigesetzte Kräfte durch Aufhebung der Ost-West-Konflikte; neue Aufgaben: gerechtere Weltwirtschaftsordnung (vgl. Brandt), was Kernaufgabe linker Politik sei ebenso wie die Verelendung der Dritten Welt aufzuhalten; Frage: Rolle von Intellektuellen in der Politik? Grass: Rahmen der Möglichkeiten begrenzt; Verfolgung von Intellektuellen sei jedoch international sehr groß, wie man beim PEN international feststelle (Beispiel Salman Rushdie); Kunst sei immer Ästhetik und zugleich Spiegel der Zeit; Frage: Engagement für Willy Brandt in Wahlkämpfen, Eintritt in die SPD 1982, 1993 Austritt aus der SPD - wo steht Grass heute (1995) im Verhältnis zur SPD? Grass: Versteht sich nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Bürger; Engagement für SPD aus Position des engagierten Republikaners; Bundesrepublik braucht engagierte Bürger; Weimarer Republik habe dies nicht gehabt und sei daran gescheitert; Position zur SPD habe sich aber geändert, v.a. durch Asylfrage; Grass hofft auf erneuter Änderung durch neuen Vorsitzenden Lafontaine; Grass versteht sich nach wie vor als demokratischer Sozialist, auch wenn er nicht mehr Parteimitglied ist; Frage: Oskar Lafontaine wird auf dem Titelbild der "Wochenpost" als Blechtrommler gezeigt; sieht Grass die Möglichkeit, sich der SPD unter Lafontaine erneut anzuschließen? Grass: Lafontaine ist der "begabteste"; Grass hofft, dass Lafontaine noch weiter "gereift" ist; Presse (besonders "Spiegel") müsse eigentlich als Opposition und Kontrollorgan auftreten, wende sich aber allzu oft gegen die politische Opposition; damit müsse Lafontaine rechnen; Frage: kann Grass sich vorstellen, wieder für die SPD einzutreten? Grass: Voraussetzung dafür: Änderung der Asylpolitik; hier sieht Grass keinen Kompromiss; Frage: Möglichkeit einer Linksfront (mit den Grünen und der PDS) gegen die Regierung? Grass: Bei Reformen sei nur eine rot-grüne Koalition sinnvoll; man dürfe keine Berührungsängste vor der PDS haben, Ausgrenzung mache keinen Sinn; Grass hat hohen Respekt vor Lothar Bisky und seinen Bemühungen; PDS sei jedoch "als Schummelpackung" angetreten; der PDS hänge "der ganze DKP-Plunder" an; man sollte jedoch mit PDS reden; Diffamierungen gegen PDS und auch gegen Oskar Lafontaine könnten noch das Ausmaß annehmen wie seinerzeit bei den Diffamierungen Konrad Adenauers gegen Willy Brandt; CDU/CSU behandle den politischen Gegner als Feind; Frage: sieht Grass sie Möglichkeit nach einer linken Mehrheit? Grass: Sieht zwei linke Parteien: linke Volkspartei (SPD) und linke ökologische Partei (Grüne); wenn man Wähler aus der Mitte gewinnen könne, die konservativ, aber ökologisch denken, könne der linke Spielraum erweitert werden; Frage: was hofft oder fürchtet Grass in Bezug auf Deutschland? Grass: Allgemein Sorge über einige technische Entwicklungen (Gen-Forschung), bei denen "der Gesetzgeber hinterdrein" hängt; Gefahr von Öko-Faschismus als Reaktion darauf; Bundesrepublik wird "dahinkümmern" aufgrund der "Versäumnisse des Einigungsprozesses"; Grundgesetz habe die Einheit im Auge gehabt und habe eine neue Verfassung vorgesehen, von der bisher nichts erkennbar sei; Auseinandersetzung über neue Verfassung wäre wichtig gewesen; Einigung vor der Vereinigung habe gefehlt; Frage: "Ein weites Feld" nimmt das Thema auf; fühlt sich Grass von der Kritik der politischen Haltung im Buch missverstanden? Grass: Hält das Buch für seinen Beitrag zur deutschen Einigung; er erzähle auch die Geschichte des 19. Jahrhunderts und den ersten Versuch einer Deutschen Einheit mit, der missglückt sei; Frage: Warum steht "der Geist links"? Grass: Geist ist beweglich und will sich mit Stillstand nicht abfinden; zukünftige Linke müsse in Zukunft jedoch auch mehr konservative Elemente mitbedenken.


Urtitel:
Sonntagsgespräch: Günter Grass
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…für das Gespräch.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Ein weites Feld"

Schlagworte:

Person:
Genscher, Hans-DietrichGND; Kinkel, KlausGND; Lafontaine, OskarGND; Enzensberger, Hans MagnusGND; Brandt, WillyGND; Rushdie, SalmanGND; Engholm, BjörnGND; Adenauer, KonradGND; Bisky, LotharGND; Klose, Hans-UlrichGND
Werke:
Ein weites Feld
Sach:
Kapitalismus; Revolution; Dritte Welt; Weltwirtschaft; Wiedervereinigung; Krieg
Geo:
USA; Serbien; Bosnien; Nigeria; Indien; Vietnam
Zeit:
1970er Jahre; 1960er Jahre; 19. Jahrhundert; 1960er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
03.12.1995
Aufnahmeort:
Behlendorf?
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (Fernsehen)
Sendereihe:
Fensterplatz
Archivnummer:
0244265
Produktionsnummer:
815077
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Scheller, RolfGND (Interviewpartner)
Person:
Krähling, BertoldGND (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Sonntagsgespräch: Günter Grass. Behlendorf? .

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