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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1219
10.20379/dbvid-1219

Tagesgespräch mit Günter Grass über "Unkenrufe" : Gespräch zur Veröffentlichung von "Unkenrufe" auf der Leipziger Buchmesse

Günter Grass im Tagesgespräch mit Klaus Reichelt, MDR Grass kritisiert die im "Ruckzuck-Verfahren" über den Anschlussparagraphen 23 vollzogene Deutsche Einheit, deren Fundament brüchig sei; den Schlussartikel 146 des Grundgesetzes, der beinhaltet, dass im Falle einer Einheit eine neue Verfassung vorgelegt werden muss, habe man missachtet; Reichelt: in seinem neuen Werk "Unkenrufe hat Grass sich nicht der Deutschen Einheit zugewendet, sondern das deutsch-polnische Verhältnis behandelt - warum? Grass: Ungelöste Aufgabe der Zukunft ist das deutsch-polnische Verhältnis; Protagonisten sind Flüchtlingskinder und haben die Idee der Versöhnungsfriedhöfe; Scheitern und Komik des Scheiterns dieser Idee bestimmen die Handlung in "Unkenrufe"; Reichelt: befinden sich Wirklichkeit und Phantasie des Schriftstellers in einem Wettlauf? Grass: Satire und Groteske der Politik machen der Literatur Konkurrenz; Wirklichkeit sollte in "Unkenrufe" so dargestellt werden, dass sie "in der Wirklichkeit fußt"; Reichelt: wie wird Grass als Schriftsteller mit Verflachung und Oberflächlichkeit der Menschen fertig? Grass: Will dagegen halten, beispielsweise am Thema das deutsch-polnischen Verhältnisses; hier müsse man zum Anfang der Verstörung zurückkehren, also zu den Friedhöfen und Massengräbern; die Tatsachen seien heute aussprech- und darstellbar; keine ideologischen Kulissen mehr; Reichelt: Danzig als literarischer Ort - was hält Grass dort fest? Grass: Steuert den Ort immer wieder an, früher Danzig, heute Gdansk; dies sei häufig in der Literatur (James Joyce und Dublin, William Faulkner und der Süden der USA, Uwe Johnson und Mecklenburg); Beharren auf den Ort kann fruchtbar sein, besonders bei einem "verlorenen Ort"; Verlust könne für Literatur immer ein Gewinn sein; Reichelt: Reich-Ranicki hat "Unkenrufe" verrissen, Andrzej Szczypiorski hat die Erzählung gelobt - wie verträgt Grass diese unterschiedlichen Kritiken? Grass: Reich-Ranicki habe seit der "Blechtrommel" fast jedes Buch verrissen, von ihm erwartet Grass nicht mehr, er habe ein eingeengtes Verständnis von Literatur; Grass nimmt Reich-Ranicki nicht mehr ernst und der Kritiker missbrauche seine Macht; das "Literarische Quartatt" habe nur das Niveau eines literarischen Stammtisches; Reichelt: ist das neue Titeltier, die Unke, die deutsche Version der Kassandra? Grass: In jeder Kultur ein warnendes Tier, im polnischen Bereich (vgl. Szczypiorki) die Krähen; die Unke komme besonders in der Literatur der Romantik als Verkünderin von Unheil vor; Ruf der Unke ist melodisch-melancholisch; angesichts der Tagespolitik (Wiedervereinigung) höre man die Unke immer häufiger rufen; Reichelt: Wie fühlt sich Grass auf der Leipziger Buchmesse, wo "Unkenrufe" vorgestellt worden ist? Grass: Fühlt sich sehr wohl; die Frankfurter Buchmesse habe mehr wirtschaftliche Gründe, in Leipzig liege das Gewicht bei Autor und Buch; daher hat Grass den Start seines Buches bewusst nach Leipzig verlegt; Reichelt: Grass zählt auch im geeinten Deutschland zu den letzten großen moralischen Dichterpersönlichkeiten - wie wird Grass mit dieser "Last" fertig? Grass: Schwierige Position, in der einem Titel angedichtet werden wie "Gewissen der Nation" - eine Aufgabe, die Grass sich nie angemaßt habe; politisches Engagement nicht nur als Schriftsteller, sondern als Bürger; Weimarer Republik sei daran gescheitert, dass es zu wenig Bürger gegeben habe; Grass versteht sich als Verfassungspatriot; zur Deutschen Einheit und ihre Versäumnisse (s.o.); Georg Baselitz habe die "Dummheit" und "Geschmacklosikkeit" verbreitet, dass DDR-Maler nicht zur Kunst gehörten.


Urtitel:
Tagesgespräch Günter Grass
Anfang/Ende:
(Trailer) Von daher kritisiere…rechthaberisch zu urteilen. (Trailer)
Genre/Inhalt:
Erzählung
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Unkenrufe" auf der Leipziger Buchmesse

Schlagworte:

Person:
Joyce, JamesGND; Faulkner, WilliamGND; Johnson, UweGND; Reich-Ranicki, MarcelGND; Szczypiorski, AndrzejGND; Lichtenberg, Georg ChristophGND; Baselitz, GeorgGND; Kassandra,
Werke:
Die Blechtrommel; Hundejahre; Katz und Maus; Unkenrufe; Die Rättin; Der Butt
Sach:
Unke; Warnung; Friedhof; Wiedervereinigung; Versöhnung; Buchmesse; Verfassung
Geo:
Danzig; Wilna; Dublin; USA; Polen; Frankfurt; Litauen; Mecklenburg; DDR; Leipzig
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
27.05.1992
Aufnahmeort:
Buchmesse Leipzig?
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
born digital
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (Fernsehen)
Archivnummer:
0199811
Produktionsnummer:
813800
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Mitwirkende(r))
Person:
Reichelt, KlausGND (Interviewpartner)
Person:
Schickendantz, Karlpeter (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Tagesgespräch Günter Grass. Buchmesse Leipzig? .

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