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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1275
10.20379/dbaud-1275

Wahlkampf vor der Bürgerschaftswahl Hamburg 2008 : Günter Grass im Gespäch mit Jörg Dieter Kogel und Harro Zimmermann

Jörg-Dieter Kogel und Harro Zimmermann zu Gast bei Günter Grass; für den Kadidaten der SPD, Michael Naumann, bei dern Bürgerschaftswahlen in Hamburg 2008 hat Grass sich am Wahlkampf beteiligt. Frage: Was ist prägend und anders geworden bei den jüngsten Landtagswahlkämpfen? Grass: "Etwas ist faul im Staate Dänemark" sei zur Zeit auf Deutschland übertragbar; weltweites Auseinanderdriften von Arm und Reich; Kinderarmut, Steuerhinterziehungen, Skandale um Managergehälter auch in Deutschland; irrationale Verwendung von Kapital vs. Hartz IV-Empfänger und normale Lohnsteuerzahler; Naumann in Hamburg sei "als Typ ungewöhnlich, der riskiert eine Lippe"; erstmalige Einsetzung eines Kulturministers, der kulturpolitische Themen angesprochen habe, unter Gerhard Schröder; jemand mit Naumanns Horizont würde Hamburg guttun. Frage: Unterstützt Grass Naumann seiner Person wegen oder als Mitglied der SPD? Grass: Hat sich genau mit Naumanns Karriere beschäftigt; Naumann habe einen sehr engagierten Wahlkampf geführt; Gegensatz zwischen Arm und Reich sei in Hamburg besonders deutlich und Naumann trete für Änderungen ein (Kindergartenplätze, Abschafftung von Studiengebühren); Grass sieht genau dies als sozialdemokratische Politik an. Frage: Weichen die Parteien dem Lobbyismus der Wirtschaft aus? Grass: Hat dies wahrgenommen; ist von Peter Struck zu einer Rede eingeladen worden, in der Grass das Problem angsprochen habe; eine Demokratie werde unglaubwürdig, wenn nicht die Politik sondern die Wirtschaftslobby Entscheidungen treffe, z.B. bei der Gesundheitsreform; dies sei "Raubbau am Gebäuder der Demokratie"; dies halte Wähler davon ab, zur Wahl zu gehen. Frage: Grass war Mitglied der SPD, hat die Partei aber aufgrund der Verschärfung der Asylpolitik wieder verlassen; in Hessen hat Ministerpräsident mit diesem Thema Wahlkampf gemacht und gehofft, die Wahl zu gewinnen; Grass: beschämend, dass andere Politiker sich dem zunächst angeschlossen haben, besonders Kanzlerin Merkel und den Bürgermeister von Hamburg; Koch sei für Grass keine Überraschung gewesen; Frage: die Wähler sind Koch nicht gefolgt… Grass: wertet dies als gutes Zeichen; Kochs Wahlkampf habe nicht funktioniert ebenso wie verfehlte Schulpolitik; Frage: Gesamtstatus der Ausländerpolitik in Deutschland? Sind die Deutschen integrationsbereiter als die Politik ihnen unterstellt? Grass: Sieht es als Selbstverständlichkeit, dass Ausländer, die die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen haben, Deutsch lernen; wenn die Schulverhältnisse besser wären, ginge dies besser; dass Ausländer einen Teil ihrer Identität behalten wollten, sollte respektiert werden; Vielfalt sei eine Chance und Bereicherung, vgl. USA; mit Fragebögen sei keine Integration zu erreichen. Frage: Erdugan hat in einer Kölner Rede davon gesprochen, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei; Grass: die Türkei habe viel damit zu tun, "um Standards zu erreichen, die sie von uns verlangen" (Religionsfreiheit, Unterdrückung von Minderheiten); Grass lässt sich daher von dieser Seite nicht belehren; viele Aleviten hätten aus diesem Grund die Türkei verlassen und seien nach Deutschland gekommen; deren Integration sei erfolgreich und bereichernd; bedeutende, eingewanderte Autoren in Deutschland; Frage: Integration als Bewahren der kulturellen Identität aber in Anerkennung der Grundregeln der gastgebenden Nation? Grass: Stimmt dem zu; Frage: Zustand der SPD in den letzten Wahlen: hat Grass das Gefühl, dass die SPD die richtigen Themen in den Vordergrund stellt? Grass: Kurt Beck habe "nichts Spektakuläres" an sich und werde unterschätzt; Beck habe Ungerechtigkeiten in den "Anstoßreformen" unter Schröder erkannt und Konsequenzen gezogen; neue Ungerechtigkeiten, die durch Reformen entstünden, müssten beseitig werden; Beck habe diesen Mut gehabt und in den Hamburger Parteitag hineingetragen; in Hessen und Niedersachsen sei dies zum Tragen gekommen; ähnliches mache Naumann in Hamburg und Grass hofft, dass dies bei den Wählern ankommt; schwierige Situation der SPD, dass sich eine neue Partei links der SPD etabliert hat; mit dieser wolle und solle die SPD nicht koalieren; Grass schätzt einen Mann wie Gysi und es hätte eine Chance gegeben, die Last der DDR in der PDS abzuarbeiten; der Einfluss der westlichen DKP habe dies nun unmöglich gemacht; wenn die "Linke" in Hamburg ins Parlament komme, sei die Chance eines notwendigen Wechsels in Hamburg vertan; "Die Linke" sei nicht wählbar; die Unterstellung, dass die SPD sich an die "Linke" annähern würde, sei "eine Schweinerei"; dagegen habe der jetzige Bürgermeister von Hamburg sich mit Hilfe einer rechtsradikalen Partei, der Schill-Partei, an die Macht gebracht; das will Grass immer wieder in Erinnerung rufen. Frage: Korrekturen an Hartz IV sind bei den Wählern nicht angekommen; viele Wähler der SPD sind zu den "Linken" abgewandert; Grass: Schwierigkeit bei der Durchsetzung des Mindestlohnes in der Großen Koalition; weitere Bereiche, in denen in Deutschland zu wenig Lohn gezahlt werde; nach wie vor niedrigere Löhne in Ostdeutschland; dies führe dazu, dass Verbitterung aufkomme; in der "Linken" gäbe es einen "Demagogen vom Format Roland Koch": Oskar Lafontaine; Lafontaine "fischt auch am rechten Rand"; Frage: Perspektive der SPD - wie soll sich die SPD entwickeln? Grass: Finanzminister leiste gute Arbeit; dennoch Banken-Kollaps und keine Bereitschaft der Privatwirtschaft, die Banken zu stützen; Missmanagement vs. Dividenden-Ausschüttungen vs. Entlassungen; damit sei man in einer vom Kapitalismus beherrschten Welt konfrontiert; Frage: Grass steht unter seinen Schriftsteller-Kollegen und Intellektuellen alleine mit seinem politischen Engagement; ist Grass traurig darüber? Grass: Bedauert dies, insbesondere vor dem Hintergrund deutscher Vergangenheit; Böll und Andersch hätten sich noch engagiert und dieses Engagement offenbar von französischer Seite her übernommen; Erinnerung an erstes Engagement von Grass zusammen mit Siegfried Lenz und Eberhard Jäckel; dann seien andere dazu gestoßen (Max von der Grün, Peter Härtling); dies sei ins Hintertreffen geraten; wenn man sich gesellschaftlich engagiere, komme man "in die Niederungen hinein"; Engagement sei mühsam und könne nur Teilerfolge bringen; dies sei insbesondere für Schriftsteller nicht verlockend; Grass will dennoch weitermachen; Hintergrund dafür sei die Verführung durch den Nationalsozialismus; Chance zum Aufbau einer Demokratie dürfe nicht erneut vertan werden; Demokratie sei kein fester Besitz, auch die Verfassung werde ausgehölt, Klassendiskrepanzen würden wieder auftreten, gutgemeinte Reformen (Hartz IV) würden sich als fehlerhaft erweisen und einer Verbesserung bedürfen; Grass versteht sich als Revisionist - der Stein müsse immer wieder bewegt werden; bei jüngeren Autoren sei die Bereitschaft noch nicht da, aber Grass sieht sie kommen. Frage: Fehlen von großen, kontroversen Themen trotz großen Problemen? Bürokratisierung der Politik? Grass: Es fehle die Ernsthaftigkeit, Beispiel Thema Verjährung, das im Bundestag thematisiert worden ist; für Brandt und Bahr sei es schwierig gewesen, Veränderungen herbeizuführen; Grass erinnert sich an ein Gespräch mit Golo Mann, der für Willy Brandt eingetreten ist, da dieser den Mut bewiesen habe, ein Thema wie die Oder-Neiße-Grenze anzusprechen; weiteres Thema: Nord-Süd-Diskrepanz (Nord-Süd-Bericht von Willy Brandt); Versäumnisse potenzierten sich zur Zeit (vgl. Bericht des Club of Rome und das Buch "Ende des Wachstums" von Erhard Eppler); keine ernsthafte Diskussionen in Rundfunk und Medien; Themen würden nicht mehr so kritisch diskutiert werden, wie es sein müsste; Frage: kritisches Verhältnis von Grass zu Studendenrevolten in den 60er Jahren; wird eine neue 68er-Generation benötigt, um Diskurse wieder voranzutreiben? Grass:Ist nicht gegen den Aufstand der Jugend gewesen; innen- und außenpolitische Grunde für Proteste seien gegeben gewesen (Vietnam-Krieg, Bildungsnotstand); die Proteste seien aber Wortführern überlassen worden, die keine Reformen im Sinn gehabt hätten, sondern "pseudorevolutionäre Thesen" vorgebracht hätten und linkselitäres Verhalten gezeigt hätten; dagegen hätte Grass sich gestellt; Grass hat statt dessen mit Studenten Wählerinitiativen aufgebaut und dieses Bedürfnis nach gesellschaftlicher Veränderung sei geglückt.


Urtitel:
Günter Grass im Gespäch mit Jörg Dieter Kogel und Harro Zimmermann
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Unser Gast heute…und Jörg Dieter Kogel.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Bürgerschaftswahl in Hamburg 2008; für den Kandidaten der SPD, Michael Naumann, hat Grass sich bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg 2008 am Wahlkampf beteiligt.

Schlagworte:

Person:
Naumann, MichaelGND; Schröder, GerhardGND; Wehner, HerbertGND; Struck, Peter; Beck, KurtGND; Lafontaine, OskarGND; Andersch, AlfredGND; Böll, HeinrichGND; Lenz, SiegfriedGND; Jäckel, EberhardGND; von der Grün, Max; Härtling, PeterGND; Brandt, WillyGND; Bahr, EgonGND; Mann, GoloGND; Palme, OlofGND; Eppler, Ehrhard; Esser, Klaus; Ackermann, Josef; Erdogan, Recep TayyipGND; Schill, RonaldGND
Werke:
Hamlet
Sach:
Wahlkampf; Bürgerschaft
Geo:
Griechenland; Jugoslawien; Zürich; Hamburg; Niedersachsen; USA; Oder-Neiße-Grenze; Korea; Hamburg; Türkei; Köln; Köln; Vietnam; Hessen
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
18.02.2008
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Nordwestradio - Gesprächszeit
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-DieterGND (Interviewpartner)
Person:
Zimmermann, HarroGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))

Zitieren

Zitierform:

Günter Grass im Gespäch mit Jörg Dieter Kogel und Harro Zimmermann. Behlendorf .

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