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Medienarchiv

„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1347
10.20379/dbaud-1347

Zeitfragen - Streitfragen : Deutschland nach der Vereinigung - Diskussion zwischen Günter Grass und Martin Walser

<setzt abrupt ein; keine Anmoderation, Frage oder dergleichen> Walser: freut sich immer noch über die geglückte Wiedervereinigung, aber Mühen des Zusammenwachsens; Grass: anfängliche Freude über Mauerfall ist geschwunden; Geschenk der Polen und Tschechen und Gorbatschows sei "verhunzt" worden; kein Segen über Einheit und Einigung; Verfassungbruch: Missachtung des Artikels, der eine neue Verfassung im Falle der Wiedervereinigug vorschreibt; Beitritt (Beitrittsartikel 23) ist zu einem Anschluss geworden; neue soziale Spaltung, die schwer zu überwinden sein wird; Kardinalfehler am Anfang; Stephan Lohr: schwieriges Gespräch mit unterschiedlichen Positionen über den Begriff Nation; Grass: Walser wird oft neben Enzensberger gestellt, was Grass für "unsinnig" hält; kein Schutz vor dem deutschen Feuilleton und dessen Zuschreibungen; Walser spreche oft pauschal von den Linken; Grass' Position sei allerdings nationalbestimmter gewesen; ab 1965 Gedanken über Vereinigung; hat sich von Walser mehr Unterstützung erhofft; Befürwortung des Föderalismus auch 1989 und Vorschlag einer Konföderation; ähnlicher Gedanke sei von Helmut Kohl aufgrund der bevorstehenden Wahlkämpfe verworfen worden; Bund deutscher Länder mit einer neuen Verfassung wäre richtige Lösung gewesen; Walser habe in den 70er Jahren weit links von Grass gestanden; Selbstverstädnis vom moderaten Sozialdemokraten; Diskussion sei in den letzten Jahren "vergiftet" worden; Grass hofft aufgrund der Gemeinsamkeiten (u.a. Gruppe 47) auf ein gutes Gespräch mit Walser; Walser: Bewunderung für die Konsequenz von Grass' sozialdemokratischer Position; Walser sieht sich "weit rechts draußen", während er sich früher "weit links draußen" gesehen hat ohne das Gefühl, sich bewegt zu haben; Grass habe mal gesagt, dass Schriftsteller nicht mehr danach bewertet würden, was sie schreiben; "Platzanweisungen" müssten nicht korrigiert werden; in den 80er Jahren habe Walser die Gründungsrede der IG Medien gehalten und an den Statuen mitgewirkt; 1986 Aufführung eines Arbeitslosen-Stücks; Mitwirken an Kampagne der IG Metall für 35-Stunden-Woche; Rede für den DGB während des Golfkriegs; Tagungen in den 80er Jahren der DGB; stetes Interesse für Gewerkschaften; Walser ist Gewerkschaftsmitglied; er habe sich nie an die deutsche Teilung gewöhnen können; Diffamierungen durch die Linken, die "viel gemeiner" sein könnten; Grass: für Grass ist Walser immer noch ein "Linker mit aufgeklärt konservativem Hintergrund"; Diffamierung durch die Linken ist Pauschalisierung; Grass hält heute noch am Boykott gegen Springer-Presse fest, während Walser der "Welt" ein Interview gegeben habe; Rühmkorf halte sich auch noch daran; Diffamierungen aus der "rechten Ecke" in der Springer-Presse; Heinrich Böll sei "kaputt gemacht worden"; Walser: Anti-Springer-Resolution ist von Walser mitformuliert worden als höchstnotwendige, aktuelle Kampfmaßnahme gegen Springer; in den 80ern sei Springer keine "Kampfpresse" mehr gewesen; Interview der "Welt" hatte nicht den Charakter von "Verrat"; Grass: Rühmkorf und Grass hätten auf Aufforderung der "Welt" einmal ein Gespräch in Hamburg gehabt; keine ideologische "Verbocktheit"; in der Springer-Presse habe sich aber grundsätzlich nichts geändert; politischer Gegner werde nach wie vor wie ein Feind behandelt; Walser: 1986 sei für ihn nicht mehr die "Welt" mit der Springer-Presse gleichzusetzen gewesen; nicht mehr vergleichbar mit 1969; seine Ansicht zur deutschen Teilung sei isoliert unter Kollegen und Freunden gewesen; Einstellung sei generationsbedingt; Grass: hat von Verletzungen Walsers gehört (Fernsehsendungen mit Günter Gaus); Grass habe ähnliches erlebt, als er seine Kritik im Einheitsprozess geäußert habe; Grass' Satz, wer über die Einheit rede, müsse Auschwitz mitdenken, sei ihm als Instrumentalisierung von Auschwitz ausgelegt worden; er habe als "vaterlandslose Geselle" gegolten und habe diesen Titel übernommen; Lohr: Ursache für Unterschiedlichkeit der Reaktionen auf die Einheit? Grass: Trauer über vergebene Chance; "deutschnationale Spuren", in die man hinein laufe (vgl. Aussagen Wolfgang Schäubles); räumliche Vergrößerung Deutschlands aber Vorgänge, "die Haltung verlangen"; schmerzliche Entscheidung, aus der SPD auszutreten aufgrund des Asyl-Beschlusses; entwürdigende Umstände, unter denen Menschen in Deutschland abgeschoben würden; Bischof Lehmann habe zu Recht auf Asylrecht gepocht; das habe Grass zum ersten Mal wieder ein wenig für die katholische Kirche eingenommen; soziale Zustand des Landes ist schlecht; als Autoren habe man eine andere Erfahrung von Gesellschaft und sei nicht an Legislaturperioden gebunden wie Politiker; Walser: Änderung des Asylrechts in der Praxis vs. Wunschdenken zum Asyl; Walser stellt sich auch auf die Seite der katholischen Kirche; Grass: Politiker hätten auf Notstand in Asylfragen hingewiesen: 450 000 unbearbeitete Asylansträge; unverantwortliche Leute wie der jetzige Verteidigungsminister Volker Rühe, den Grass einen "Skin mit Scheitel und Schlips" genannt hat, hätten dieses heikle Thema zum Wahlkampfthema gemacht und instrumentalisiert; unmenschliche Praxis der Abschiebung sei nun nicht mehr zu verschweigen; Regulierungsbedarf habe es gegeben, aber nicht auf Kosten der "Ärmsten"; Walser: kann sich darüber nicht empören; einzelne Fälle seine skandalös; Grass: liest von Auseinanderreißen der Familien; keien Einzelfälle, sondern "tagtägliche Praxis im wiedervereinten Deutschland"; "Teufelchen und Teufel" seien losgeslassen worden; Walser: früher seien Asylbewerber nicht durch den "eisernen Vorhang" gekommen; Grass: rechtradikale Übergriffe in Hoyerswerda und Rostock; latente Ausländerfeindlichkeit sei typisch deutsch, schon direkt nach dem Krieg; Ausländerfeindlichkeit spiele sich auch zwischen Deutschen und Deutschen ab; Walser: widerspricht, dass Ausländerfeindlichkeit eine deutsche Sache sei; Bereitschaft der Deutschen, der Not im Ausland zu helfen, sei sehr groß; Hilfslieferungen nach Kiew; Grass: deutsche Besonderheit: Umgang der Deutschen miteinander und gegenüber Flüchtlingen; Integration von 9 mio. Flüchtlingen als positive Leistung. <bricht ab>


Urtitel:
Zeitfragen - Streitfragen. Deutschland nach der Vereinigung. Diskussion zwischen Günter Grass und Martin Walser
Anfang/Ende:
Ich habe natürlich…in Deutschland weitergehen soll...(bricht ab)
Genre/Inhalt:
Politik
Schlagworte:

Person:
Enzensberger, Hans MagnusGND; Kohl, HelmutGND; Rühmkorf, PeterGND; Böll, HeinrichGND; Gorbatschow, MichailGND; Gaus, GünterGND; Schäuble, WolfgangGND; Lehmann, KarlGND
Werke:
Rede eines vaterlandslosen Gesellen
Sach:
Sozialdemokratie; Rechtsradikalismus; Mauerfall; Verfassung; Asyl; Föderalismus; Nation; Springer-Presse; IG Medien; Abschiebung; Ausländerfeindlichkeit; Kirche; Gewerkschaft; Asylrecht; Konföderation; Flüchtlinge; Wiedervereinigung; Einheit
Geo:
Tschechien; USA; Rumänien; Hoyerswerda; Kiew; Polen; Frankreich; Armenien
Zeit:
1969; 1986
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
30.10.1994
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sendereihe:
WDR 3
Archivnummer:
siehe Anmerkungen
Teilnehmende:

Person:
Lohr, StephanGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Walser, MartinGND (Sprecher(in))
Person:
Kirchner, HelgaGND (Redaktion)
Anmerkung:
Übernahme des NDR! Bricht auf WDR-Original abrupt ab.

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Zitierform:

Zeitfragen - Streitfragen. Deutschland nach der Vereinigung. Diskussion zwischen Günter Grass und Martin Walser. unbekannt .

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