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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1371
10.20379/dbaud-1371

Gespräch mit Günter Grass zum Golfkrieg und zur sozialen Situation der DDR

F: Grass' Empfindungen zum Krieg am Golf? Grass: ist entsetzt über Waffenlieferungen (Gift- und chemische Waffen) aus Deutschland; Gefahr, dass diese Waffen Israel erreichen; Fortsetzung von Auschwitz; keine demokratisch-politische Reaktion; Bundesregierung, die dies verantwortet hat, müsse zurücktreten; Grass will sich in seiner Argumentation nicht "der Logik des Krieges" anpassen; Konflikte seien durch Kriege nicht zu lösen; Vietnam-Krieg habe als Verteidigung der Freiheit gegolten, was eine Lüge gewesen sei; Folgen dieses Krieges bis heute; Verschärfung der Konflikte durch Kriege; USA hätten absichtlich versäumt, das Mittel des wirtschaftlichen Boykotts auszuüben; F: Rücktritt der Bundesregierung Grass: zwar unrealistisch, aber notwendige Forderung; Wahlbetrug der Regierung: Ankündigung, die Steuern nicht zu erhöhen; Grass ist von Anfang an für "Lastenausgleich" im Zuge der Wiedervereinigung gewesen; F: Verflechtungen von Industrie, Wirtschaft und Politik (Waffenexporte); welche Empfehlungen hat Grass für die SPD, wenn diese in der Regierungsverantwortung stünde, mit diesem Problem umzugehen? Grass: strengere Ausfuhrbeschränkungen und Kontrollen; schrittweise Umstellung der deutschen Rüstungsindustrie; F: verschiedene Ansichten von Schriftstellern und Intellektuellen zum Golfkrieg; Grass kann sich offenbar der Gleichsetzung von Saddam Hussein mit Hitler nicht anschließen; Grass: hält den Vergleich für "dumm" und "gefährlich"; beide Positionen würden verharmlost werden; Enzensbergers Aufsatz sei in dieser Hinsicht "schlimm", vor allem hinsichtlich des Vergleichs von Deutschen und Arabern; Eingriffe in die Staatssouveränität würden "relativ oft" geschehen; eine Reaktion darauf wie im Irak habe aber einen anderen Hintergrund: Öl; Interessen der Industrienationen seien hier entscheidend; neue Weltordnung des amerikanischen Systems: Industrienationen vs. Dritte und Vierte Welt; F: Zitat aus Grass' Rede "Schwierigkeiten eines Vaters, seinen Kindern Auschwitz zu erklären" (1970); muss sich insbesondere Deutschland um Israel Sorgen machen? Grass: stimmt zu; daher besondere Empörung über Giftgaslieferungen aus Deutschland; F: Sorge um Israel als mögliches Argument, einen Aggressor wie Hussein auszuschalten? Grass: Zynismus, dass deutsche "Vernichtungssystem" in den Irak geliefert wurden und gleichzeitig Abwehrrakten nach Israel; deutsche Verpflichtung, Israel zu helfen; Weigerung, die Palästinenser-Frage aufzunehmen, sei gefährlich; Grass ist überzeugt, dass Israel nur gesichert werden kann, wenn die Zukunft der Palästinenser gesichert wird; Israel können zu einem Unsicherheisfaktor werden; F: Grass' Kritik an der Wiedervereinigung - Auschwitz als Grundlage für den Einheitsstaat und Kritik am Prozedere Grass: soziale Wirklichkeit in den neuen Bundesländern; soziale Teilung zwischen alten und neuen Bundesländern; Grass' Prognosen seinen nicht nur eingetroffen, sondern auch "übertroffen" worden; Einigung hätte im Sinne einer Stärkung des Föderalismus vollzogen werden müssen: nicht "Bundesrepublik", sondern "Bund deutscher Länder"; Revolutionäre der DDR hätten einen Verfassungsentwurf erarbeitet, da man (wie auch Grass selbst) davon ausgegangen sei, dass nach der Vereinigung eine neue Verfassung geschaffen werden müsse (Paragraph 146); es sei dann aber verfassungswidrig nur mit Artikel 23 der Verfassung (Anschlussartikel) gearbeitet worden; in einer neuen Verfassung liege die einzige Chance zu einer "nachgelieferten Einigung"; Einführung der D-Mark hätte nur katastrophal ausgehen können; verdeckte Arbeitslosigkeit; F: zwei Probleme: Verfassungsstrukturen und soziale Probleme im Osten? Grass: müssen zusammen gesehen werden; Bewohner der ehemaligen DDR hätten nicht die Möglichkeit gehabt, ihre Leistungen und Erfahrungen einzubringen; Westdeutsche würden gegen im Osten nun "wie Kolonialherren" auftreten; neue Bevormundung; Kapitalismus entspräche genau dem Kapitalismus, den die SED "an die Wand gemalt" hatte; in der BRD habe man glücklicherweise einen "humanisierten" Kapitalismus; Auftreten des Kapitalismus in der ehemaligen DDR erinnere an Frühkapitalismus des 19. Jh.; neue Verfassung sei eine Chance gewesen; Staatsbürgerliches und Soziales gehörten als Konzept zusammen; Grass sieht wenig Chancen für eine Korrektur des eingeschlagenen Weges.


Urtitel:
Themen der Zeit: Gespräch mit Günter Grass zum Golfkrieg und zur sozialen Situation der DDR
Anfang/Ende:
Der Krieg am...eine solche Änderung.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Kontext: Zweiter Golfkrieg 1990/91; Deutsche Wiedervereinigung 1989/90

Schlagworte:

Person:
Hussein, SaddamGND; Hitler, AdolfGND; Enzensberger, Hans MagnusGND
Werke:
Die Rättin; Schwierigkeiten eines Vaters, seinen Kindern Auschwitz zu erklären
Sach:
Waffenhandel; Verfassung; SED; D-Mark; Giftgas; Diktatur; Soziales; Föderalismus; Golfkrieg; Waffen; Wiedervereinigung; Waffenlieferungen; Vereinigung
Geo:
Afghanistan; Behlendorf; Israel; Palästina; Persischer Golf; Lübeck; Tschechoslowakei; DDR; Auschwitz; Vietnam
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
24.02.1991
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Sendereihe:
WDR 3
Archivnummer:
5098654
Teilnehmende:

Person:
Scheller, WolfGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))

Zitieren

Zitierform:

Themen der Zeit: Gespräch mit Günter Grass zum Golfkrieg und zur sozialen Situation der DDR. Behlendorf .

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