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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1376
10.20379/dbaud-1376

Bürger von Deutschland : Grass zur nationalen und internationalen politischen Lage

<Gespräch setzt ohne Moderation und Frage ein> Grass: Nach dem 11. September Rückkehr der Schwarz-Weiß-Malerei; kurzsichtige und pauschale Reaktionen des Westens auf die Terroranschläge; die Metaphern des amerikanischen Präsidenten George W. Bush hält Grass für "gemeingefährlich"; Bush sei offenbar in einigen Dingen "unzurechnungsfähig". Frage: Warum gehen Öffentlichkeit und Medien nicht auf diese Situation ein Grass: Presse ist "devot und feige"; deutscher Einheitsprozess hat Souveränität gebracht und Kanzler Gerhard Schröder hat diesen neuen Standpunkt in der aktuellen Debatte nun genutzt; Frage: Schröders "deutscher Weg"? Grass: ein "befreidendes Wort"; zum ersten Mal sei Deutschland kein "Vasall" mehr; Frage: seit Helmut Kohl neue Auseinandersetzungen verschiedener Gruppen zu Kapitalismus und Demokratie; Grass: Kapitalismus ist dabei, sich selbst zu ruinieren; Kapitalismus-Kritik kommt heutzutage vor allem von Kapitalisten; Vernichtung von Kapital an der Börse; inzwischen seien die Linken "in der absurden Situation, den Kapitalismus retten zu müssen"; seit dem "Manchaster-Kapitalismus" in den 80er Jahren habe sich der Kapitalismus allgemein gewandelt; soziale Marktwirtschaft in Deutschland nach dem Krieg war "wirtschaftlich und sozial ein Erfolg"; Frage: Erfolg der Marktwirtschaft durch Konkurrenz-Situation? Grass: Nach Wegfall des Ostblocks Konkurrentz-Losigkeit; neue Ausrichtung durch starke sozialdemokratische Parteien und Gewerkschaften; Frage: Intellektuelle und Schriftsteller als wichtige Stimmen in der Kapitalismus-Kritik; Grass: Kapitalismus ist ein "wunderbares Feindbild"; inzwischen gesichtsloses Management bei Firmen; in der Bevölkerung unsolidarisches Verhalten: Abnahme des Gemeinsinns; Ellbogen-Mentalität des Neo-Liberalismus; Frage: Aufrufe zu Bildung und zur Unterstützung benachteiligter Völker und Gesellschaftsschichten stehen in der selben Ecke Grass: Notwendigkeit von wirtschaftlicher Produktion scheint höher zu stehen; Bildung (bspw. studium generale an den Universitäten) gerät ins Hintertreffen; Grass' Vorlesung an der medizinischen Universität Lübeck ("Lübecker Werkstattbericht") sind von bis zu 800 Medizinern besucht worden; ein Arzt sollte seinen Patienten nicht nur seine medizinischen Fähigkeiten zur Verfügung stellen, sondern ihm auch Bücher empfehlen können, denn dies könne den Heilungsprozess beschleunigen; Frage: Gleichheit und Bildung sind nicht-verhandelbare Werte; trotzdem legt man auch solche Werte offenbar in Mehrheitsenscheidungen; Grass: bestimmte Dinge kann man nicht unter Mehrheitsentscheidungen stellen, z.B. Kunst; Frage: rhetorische und mediale Tricks, indem man sich auf die Seite der "kleinen Leute" zu schlagen scheint Grass: Buch "In einem reichen Land"; Gespräch mit dem französichen Soziologen Pierre Bourdieu bei Arte; Behandlung von Randgruppen in Bourdieus Buch "Das Elend der Welt"; Grass hat sich gefragt, warum es in Deutschland kein ähnliches Buch über Armut innerhalb der reichen Gesellschaft gibt; darauf hin Herausgabe von "In einem reichen Land" zusammen mit Daniela Dahn und Johano Strasser; Buch ist ein "lebendiger Kommentar zum Armutsbericht"; Absicht des Buches: keine soziologische Untersuchung, sonder ein "lesbares" Buch; Frage: "In einem reichen Land" als Geschichtenbuch und "Deutschlandreise" offenbart die Gefährung des Gemeinsinns; Grass: Arbeiterbewegung und Solidarität sind "in Misskredit geraten"; Notwendigkeit solidarischen Verhaltens; derzeit nehmen sich Politik und Wirtschaft nicht die Zeit, grundsätzlich über Arbeit nachzudenken; Menschen, die nicht Teil des Produktionsprozesses sind (Kinder, Jugendliche und alte Menschen) müssen einbezogen werden in dieses Nachdenken; Frage: Gefährdungen von Demokratie durch gesellschaftliche Ausgrenzungen; Grass: Demokratie ist kein fester Bestitz, sondern muss täglich verteidigt werden; Diskrepanz zwischen Grundgesetzt und Verfassungswirklichkeit (Gleichheit); Grass versteht sich selbst als Verfassungspatriot; Gleichheitsprinzip ist nicht gegeben; Armut tastet die Menschenwürde an; Frage: der Schriftsteller als Zeitgenosse - durch "In einem reichen Land" realisiert? Grass: ist stolz auf das Buch, nachdem er zunächst etwas neidisch auf Bourdieu gewesen ist; Frage: Reden über Deutschland - gehen Grass die Gesprächspartner aus? Grass: Hatte früher mehr Mitstreiter; nach Heinrich Bölls Tod war es für Grass selbstverständlich, einige Dinge von ihm mit zu übernehmen; fehlendes Engagement bei den jungen Autoren; Frage: Schulsssatz von "In einem reichen Land": "Truhe des sozialen Gewissens" ist in Deutschalnd abhanden gekommen Grass: Truhe ist in den Keller geräumt worden oder beim Trödler verkauft worden; Frage: wie kann man Menschen davon überzeugen, die "Truhe des sozialen Gewissens" wieder hervorzuholen? Grass: Durch ein Buch wie "In einem reichen Land" beispielsweise; beim Leser könne dadurch etwas hängen bleiben; mögliches neo-solidarisches Verhalten; Frage: Grass resigniert nicht - warum nicht? Grass: hat in den 50er Jahren den Streit zwischen Camus und Sartre erlebt und sich für Camus entschieden; fortwährendes Steinewälzen vs. deutscher Idealismus; das "Steinewälzen ist eine wunderbare Sportart"; Grass nimmt auch für sich in Anspruch, dass der Steinewälzer ein glücklicher Mensch ist, wie Camus dies schreibt.


Urtitel:
Zeitfragen - Streitfragen. Bürger von Deutschland - Günter Grass
Anfang/Ende:
Was wir da… mich in Anspruch.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Terroranschläge des 11. September 2001; Veröffentlichung des Buchs "In einem reichen Land".

Schlagworte:

Person:
Bourdieu, PierreGND; Schröder, GerhardGND; Böll, HeinrichGND; Camus, AlbertGND; Bush, George W.GND; Stalin, JosephGND; Lenin, Wladimir Iljitsch UljanowGND; Bach, Johann SebastianGND; Kohl, HelmutGND; Reagan, Ronald; Thatcher, Margret; Goethe, Johann Wolfgang; Dahn, DanielaGND; Strasser, JohanoGND; Lenz, SiegfriedGND; von der Grün, Max; Härtling, PeterGND; Sartre, Jean-PaulGND
Werke:
In einem reichen Land; Das Elend der Welt
Sach:
Medien; Kapitalismus; Terrorismus; Gewissen; Armut; Marktwirtschaft
Geo:
USA; Europa; Asien
Zeit:
11. September
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
26.09.2002
Datum Erstsendung:
03.10.2002
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Sendereihe:
WDR 3
Archivnummer:
5101466
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Gillen, GabiGND (Interviewpartner)
Person:
Gillen, GabiGND (Redaktion)

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Zitierform:

Zeitfragen - Streitfragen. Bürger von Deutschland - Günter Grass. Behlendorf .

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