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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1425
10.20379/dbaud-1425

Themenschwerpunkte im Werk von Günter Grass : Interview anläßlich der Austellung "Wörtliche Bilder" in Hürth

Frage: Was bedeutet der Ausstellungstitel "Wörtliche Bilder"? Meyer: "Wörtliche Bilder", da Schreiben und Zeichnen bei Grass im Zusammenhang stünden; Grass ist ausgebildeter Bildhauer und ist über die Bildkunst zum Schreiben gekommen; Grass habe "Die Blechtrommel" geschrieben, weil sie sich ihm aufgedrängt habe, und eigentlich den Plan gehabt, danach wieder Bildhauer zu sein; dieser Plan sei nicht aufgegangen, Grass habe aber dennoch auch als bildender Künstler weitergearbeitet. Frage: Die Ausstellung im Hürth-Park gliedert sich in elf Gesichtspunkte, die Themenschwerpunkte im Werk von Grass widergeben; wie sehen diese Themenschwerpunkte aus? Meyer: hat in der jahrelangen Beschäftigung mit Günter Grass und seinen Werken festgestellt, dass bestimmte Themen immer wieder auftauchen würden; Beispiele: Deutschland, Sisyphos-Figur, Wappentiere, Wörtliche Bilder, "Von einem Hofnarren, wie er nicht nur im Buche steht" (Thema Humor). Frage: Sieht sich Grass als Sisyphos? Meyer: Grass sehe sich als glücklichen Steinewälzer; Grass greife dabei auf die Sisyphos-Figur von Albert Camus zurück; in dieser Version des Sisyphos wisse der Steinewälzer, dass der Stein, den er heraufrollt, wieder herunterfallen wird; übertragen auf Grass bedeute das, dass es für Grass das Wort "Resignation" nicht gebe; Grass setze dabei Kunst gegen die Absurdität der Welt. Frage: In den Selbstbildnissen von Grass scheint eine gewisse Schwermut zu liegen; nährt Grass damit das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat? Meyer: Stimmt teilweise zu, es gebe jedoch auch eine ironische Note in den Selbstbildnissen; Grass überprüfe sich in seinen Selbstbildnissen; es gebe auch positive Selbstbildnisse, beispielsweise das Bild "Heiterer Morgen", auf dem Grass seine Zähne gemalt hat. Frage: Wofür stehen die Wappentiere Schnecke, Ratte und Unke? Meyer: Ergänzt zu den Wappentieren noch den Butt; die Unke stehe im Zusammenhang mit der Erzählung "Unkenrufe" und verkünde Unheil; die Rättin künde vom Untergang der Menschen; die Besonderheit sei, dass dieses Tier weiblich ist; damit spreche Grass der Weiblichkeit eine große Intelligenz zu. Frage: Wie sieht das Frauenbild im Werk von Grass aus? Meyer: "Frauengeschichte und Frauengeschichten" stellt einen eigenen Themenschwerpunkt dar; Grass ist in seinem Leben mit einer ganzen Reihe von Frauen zusammengewesen; Grass sei ein sehr sinnlicher Mensch; dies finde sich auch in der Ausstellung wieder; in "Der Butt" setze sich Grass mit den Themen Frauen und Gleichberechtigung auseinander; er bringe dabei die Diskussionen aus den 1970er Jahren mit ein; in dem "erzählenden Kochbuch" werde die Geschichte der Ernährung mit aufgegriffen; die Geschichte der Ernährung könne wichtiger sein als die Geschichte großer Schlachten. Frage: Wofür stehen die anderen beiden Wappentiere? Meyer: Der Butt entstammt dem Märchen "Vom Fischer und syne Fru" von Philipp Otto Runge; das Gleichnis des Märchens benutze Grass, um auf eine "andere Wahrheit" hinzudeuten; die Schnecke symbolisiere Langsamkeit, Geduld und melancholisches Nachdenken und sei ein Gegenbild zum rasenden Fortschritt. Frage: Ernährungsgeschichte (Geschichte der Kartoffel) vs. Weltgeschichte? Meyer: Diese ließen sich zuordnen zu Frauengeschichte vs. Männergeschichte; in den Geschichtsbüchern würden nur Männer genannt, es gehe nur um Machtkämpfe; Grass setze ein Gegenbild und betone die weibliche, praktische Intelligenz; Beispiel: Steinzeitfrau Aua im "Butt", die mit dem Feuer anfange zu kochen, während die Männer ihre Waffen damit schmieden würden. Frage: Wie wird die Ausstellung von jemandem gesehen, der noch nie Grass gelesen hat? Meyer: Die Ausstellung sei sowohl für Grass-Kenner als auch für Grass-Neugierige konzipiert; die elf Themenschwerpunkte könnten dabei einen Leitfaden darstellen. Frage: Welche Reaktionen von Ausstellungsbesuchern gab es? Meyer: Die Besucher seien sehr begeistert gewesen, viele hätten sich angeregt gefühlt, sich weiter mit Grass und seinen Werken zu beschäftigen. Frage: Eine Ausstellungsbesucherin hat in das Gästebuch geschrieben, dass die Bilder traurig und trostlos seien; ist die Ausstellung wirklich trostlos? Meyer: verneint; sehr helle Atomosphäre in den Ausstellungsräumen; die Bilder seien realistisch und würden die Wahrheit zeigen. Frage: Negative Wahrheit/Wirklichkeit vs. Günter Grass als Mensch? Meyer: Grass lebe und arbeite "auf der Folie des Themas Deutschland"; die Gegenständlichkeit seiner Kunst sei, so habe Grass selbst einmal gesagt, eine Folge der deutschen Geschichte; abstrakte Kunst habe sich Grass verweigert; 1990 habe Grass in seinem Aufsatz "Schreiben nach Auschwitz" dies deutlich dargelegt; die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und die eigene kaschubische Abstammung habe Grass nie losgelassen; vor diesem Erfahrungshintergrund habe Grass immer ein großes Deutschland verneint. Frage: Warum ist die abstrakte Kunst für Grass nicht mehr das richtige Ausdrucksmedium? Meyer: Grass sei der Meinung, dass die Dinglichkeit (nach den Kriegserfahrungen z.B. Knochen- und Leichenberge) ihn nicht loslassen könne. Frage: Verhältnis von Grass zu Deutschland? Meyer: Grass' Verhältnis zu Deutschland sei u.a. durch seine Herkunft bedingt; Grass habe "Novemberland" als Reaktion auf die Deutsche Einheit und auf die Brandanschläge in Mölln geschrieben; er reagiere immer politisch auf solche Ereignisse; "Novemberland" behandle in 13 Sonetten den neuen Rechtsradikalismus im wiedervereinigten Deutschland. Frage: Rahmenprogramm der Ausstellung? Wie lange hat die Organisation der Ausstellung gedauert? Meyer: Etwa ein Jahr; wie die Ausstellung sollten auch die Rahmenveranstaltungen die verschiedenen Facetten von Günter Grass widerspiegeln; auf der Vernissage hat es einen szenischen Vortrag mit Schlagzeug und Schauspielern gegeben; man habe damit an eine musikalische Tradition bei Grass anknüpfen wollen, u.a. an mit Schlagzeug begleiteten Lesungen aus "Der Butt"; zum Rahmenprogramm der Ausstellung gehören auch ein Kinderprogramm, eine Druckdemonstration und zwei Lesungen (mit Erich Loest und mit Gerhard Köpf; letzterer hat Grass zum 60. Gebutstag das Buch "Der Kühlmonarch" geschrieben, das eine fiktive Fortsetzung von "Das Treffen in Telgte" darstellt); die Finissage wird von Professor Dr. Volker Nehaus begleitet, der die Ausstellung stark unterstützt hat. Frage: Worum geht es in "Das Treffen in Telgte" und wie wird die Geschichte weitergeführt? Meyer: Fiktives Schriftstellertreffen in der Zeit des dreißigjährigen Krieges, die über ihren Beitrag zum Frieden reden; Köpf fügt in seiner Fortsetzung einen weiteren Schriftsteller dieser Zeit, Quirinus Kuhlmann, hinzu. Frage: Verbindung von Günter Grass zum Erftkreis? Meyer: Grass habe nach dem Krieg seine Familie gesucht und wiedergefunden im Erftkreis in der Gemeinde Niederaußem; sein Vater sei dort in der Zeche "Fortuna Nord" beschäftigt gewesen; nach Wunsch des Vaters hätte auch Günter Grass dort arbeiten sollen, was dieser aber abgelehnt hätte; statt dessen habe Grass dann auf der Kunstakademie in Düsseldorf sein Studium begonnen. Frage: Wie kam es dazu, dass die Ausstellung im Hürth-Park gezeigt werden kann? Meyer: Eigentlich Zufall; nach Gesprächen dann Kooperation mit dem Hürth-Park und Ausstattung des Ausstellungsraumes.


Urtitel:
Interview Ansgar Sadegi (Radio Erft) Frauke Meyer
Anfang/Ende:
In Hürth läuft…denke ich schon.
Genre/Inhalt:
Kunst
Historischer Kontext:

Ausstellung "Wörtliche Bilder" in den Arkaden des Hürth-Parks vom 10. Mai bis 21. Juni 1998

Schlagworte:

Person:
Gryphius, AndreasGND; Opitz, MartinGND; Camus, AlbertGND; Runge, Philipp OttoGND; Kuhlmann, QuirinusGND
Werke:
Die Blechtrommel; Unkenrufe; Die Rättin; Der Butt; Aus dem Tagebuch einer Schnecke; Novemberland; Fundsachen für Nichtleser; Schreiben nach Auschwitz; Vom Fischer un syne Frau; Der Kühlmonarch
Sach:
Gegenständlichkeit; Rechtsradikalismus; Dreißigjähriger Krieg; Ausstellung; Frau; Tiere; Geschichte; Sisyphos-Mythos; Bildkunst; Zweiter Weltkrieg; Ernährung; Wiedervereinigung; Weltgeschichte; Selbstbildnis
Geo:
Danzig; Düsseldorf; Niederaußem; Erftkreis; Hürth; Mölln
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
25.05.1998
Datum Erstsendung:
28.05.1998
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Erft
Sendereihe:
Launig
Teilnehmende:

Person:
Meyer-Kemmerling, Frauke (Sprecher(in))
Person:
Sadegi, Ansgar (Interviewpartner)
Anmerkung:
Beitrag wurde auf CD von Frauke Meyer- Kemmerling persönlich eingereicht. .Die Rechtefrage kann an sie gestellt werden. Zum Zeitpunkt des Interviews war der Name der Sprecherin Frauke Meyer.

Zitieren

Zitierform:

Interview Ansgar Sadegi (Radio Erft) Frauke Meyer. unbekannt .

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